Geschichte

«Mehr als Hunger, Not und Krieg»

Die UZH-Historikerin Gesine Krüger gehört zur Herausgeberschaft der Online-Plattform «Geschichte der Gegenwart». Sie veröffentlichte kürzlich einen Artikel über Négritude. Wir fragten Gesine Krüger, warum sie sich für das Magazin engagiert.

Marita Fuchs

Léopold Sédar
Léopold Sédar
Léopold Sédar Senghor (im Bild) wollte zusammen mit Aimé Césaire das kolonisierte Denken hinterfragen – in Afrika und in Europa. (Bild: Wikimedia Commons)

 

Frau Krüger, Sie haben jüngst auf der Plattform «Geschichte der Gegenwart» einen Artikel über Négritude veröffentlicht, einer literarischen und politischen Bewegung, die sich der Exotisierung Afrikas widersetzt. Worum geht es?

Ich unterrichte afrikanische Geschichte und stelle immer wieder fest, dass die Studierenden zwar die besten Absichten haben, wenn sie sich mit einer ihnen nicht bekannten Geschichte auseinandersetzen wollen. Nach kurzer Zeit wird aber klar, dass die Bilder im Kopf doch recht festgefügt sind: Hunger, Armut und Krieg behindern die Entwicklung des Kontinents.

Kunst und Kultur des vorkolonialen Afrikas sind hingegen ebenso wenig bekannt wie die Dichter und Denker der Kolonialzeit oder die Intellektuellen, Wirtschaftswissenschaftlerinnen oder Architekten der postkolonialen Zeit. Ich möchte im Artikel mit Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire zwei faszinierende Politiker und Schriftsteller vorstellen, die in den 1930er Jahren in Paris im Café sassen, Gedichte schrieben und über die Befreiung Afrikas debattierten.

Welche Ideen vertraten Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire?

Eine ihrer zentralen Ideen war, dass nicht nur Afrika dekolonisiert werden müsse, sondern vor allem die Kolonialmächte selbst einen Dekolonisierungsprozess durchlaufen müssten. Sie sahen das als Grundlage einer möglichen neuen Weltordnung, in der Frankreich und die ehemaligen Kolonien einen neuen, gleichberechtigten Verbund gründen könnten. Angesichts postkolonialer Debatten heute sind solche Konzepte erstaunlich aktuell und ausgesprochen spannend.

Zusammen mit anderen Professorinnen und Professoren der UZH und anderer Universitäten haben Sie «Geschichte der Gegenwart» ins Leben gerufen. Was war die Idee hinter dem Projekt?

Ich bin der Ansicht, wie auch die anderen Herausgeberinnen und Herausgeber, die übrigens nicht nur der Professorenschaft angehören, dass Wissenschaft sich öffentlich äussern muss. Wir wollen Stellung beziehen, gegenwärtige Probleme und Phänomene besser verstehen, und in einer zugänglichen Weise Perspektiven der eigenen Forschung vermitteln. Wir verstehen uns nicht in Konkurrenz zum Journalismus, sondern eher als ein wissenschaftlich fundiertes Feuilleton.

Die Plattform «Geschichte der Gegenwart» startete deutschsprachig, jetzt erscheinen einige Artikel, so auch der Ihre, in englischer Sprache. Warum?

Wir sind generell dabei, ein wenig hin und her zu übersetzen, also Artikel aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übersetzen, Artikel zweisprachig zu publizieren oder eben auch einzelne Artikel aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen. Englisch ist fraglos ein globales Kommunikationsmittel, für viele von uns eine Arbeitssprache und es gibt Themen, mit denen wir auch die nicht deutschsprachige Welt erreichen möchten. Zudem gibt es in unseren Fächern, auch an der UZH, englischsprachige Kollegen und Kolleginnen, denen wir die Möglichkeit geben möchten, in ihrer Sprache zu schreiben.

Was hat Sie motiviert, bei «Geschichte der Gegenwart» mitzumachen?

Ich habe lange in Redaktionen und Beiräten von Fachzeitschriften gearbeitet, zuletzt als geschäftsführende Herausgeberin der Historischen Anthropologie, und mich hat die neue Form von Geschichte der Gegenwart extrem gereizt: eine beschränkte Textlänge von ca. 12.000 Zeichen, keine Fussnoten und kein Fachjargon. Das Ganze auch noch als ein digitales Projekt, das vermutlich ein grösseres und anderes Publikum erreichen würde – und das hat sich inzwischen auch bestätigt.

Besonders gefällt mir zudem der Aspekt des digitalen Text- und Denk-Archivs: immer wieder verdichten sich einzelne Artikel zu Schwerpunkten, die Texte lassen sich neu- und umgruppieren, es entstehen Bezüge, die vielleicht gar nicht beabsichtigt waren. Inzwischen hören wir auch immer wieder, dass einzelne Texte in der Lehre eingesetzt werden. Und so wandern sie doch wieder in die Universität, aus der sie ursprünglich zum grossen Teil kommen.

«Geschichte der Gegenwart» gibt es seit drei Jahren. Wie ist die Resonanz bis heute?

Wir haben gemeinsam mit mehr als 100 Autorinnen und Autoren inzwischen mehr als 200 Artikel publiziert und stossen auf eine so grosse und überwiegend positive Resonanz, dass es uns manchmal schon selbst überrascht, auf jeden Fall aber sehr erfreut.

Auf Facebook haben uns mittlerweile mehr als 9000 Personen abonniert und andere Leserinnen und Leser erhalten die Artikel per Mail zweimal pro Woche zugeschickt oder lesen direkt auf der Plattform im Netz. Viele Artikel werden auch über Twitter und andere Kanäle verteilt.

Resonanz kommt auch aus den Medien, die einerseits Artikel nachdrucken oder sich für Inspirationen bedanken und anderseits direkt mit uns sprechen oder über uns berichten wollen. Ob Die Zeit oder die NZZ, es ist offenbar erwähnenswert, wenn aus der Universität eine neue Art von Texten kommt. Wir waren schon mehrfach im Radio präsent, gerade kam wieder eine Anfrage vom Deutschlandfunk, waren an das Theatertreffen in Basel 2016 und an das Dialogfestival im Landesmuseum 2017 eingeladen.

Was zeichnet das Portal besonders aus?

Wir sind kein politisches Projekt aufgrund einer bestimmten Programmatik, sondern weil wir eine kritische Haltung gegenüber Phänomenen der Gegenwart einnehmen. Dabei bedeutet Kritik nicht herumzumeckern, sondern analysieren, verstehen, befragen. Wir bieten eine grosse Bandbreite von Themen, die weit über die Tagespolitik hinausgehen, und da wir nicht auf Tagesaktualität angewiesen sind, können wir Ereignisse auch erst einmal eine Zeitlang beobachten und diskutieren. Das tun wir zum Beispiel gerade bei der Berichterstattung über die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich.

Momentan verändert sich etwas in der Art und Weise, wie öffentliche Debatten ausgetragen und politische Diskurse geführt werden. Was passiert hier? Wir wollen diesen Polemiken mit kulturwissenschaftlichem Sachverstand eine kritische und reflexive Form von Wissen entgegenstellen.

Welcher Artikel hat besonders viel Resonanz ausgelöst?

Das ist schwer zu beantworten. Im Schnitt erreichen die Artikel einige tausend Leserinnen und Leser, in Einzelfällen sogar bis über 30.000. Interessanterweise ist es kaum vorauszusehen, welche Texte besonders viel gelesen und geteilt werden. Wir haben monatlich durchschnittlich 60.000 Seitenzugriffe und die Gesamtzugriffe haben sich innerhalb des letzten Jahres fast verdoppelt. Und um eine magische Zahl zu nennen: Es gab bereits insgesamt eine Million Zugriffe!

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

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