Islamwissenschaft

Alchemistischer Bestseller

Poetische Lehrgedichte, die alchemistisches Wissen und Religion verbanden: Die im 12. Jahrhundert entstandenen «Goldsplitter» eroberten von Marokko aus die arabische Welt. Bei der Beschäftigung mit ihrem Autor machte Forscherin Regula Forster eine überraschende Entdeckung.

Michael T. Ganz

Islamwissenschaft
Islamwissenschaft
Alchemistische Poesie: Seite aus dem Kommentar zu den «Goldsplittern» von Ibn Arfa' Ra's (12. Jahrhundert).


Fès im 12. Jahrhundert: eine pulsierende Me­tropole im Norden Marokkos, an der Kreuzung der Karawanenstrassen zwischen Mittelmeer und Schwarzafrika, zwischen Atlantik und Maghreb gelegen, ein Umschlagplatz für wertvolle Rohstof­fe aller Art, die das Handwerk in der für jene Zeit überdurchschnittlich grossen Stadt blühen lassen. Vor kurzem erst haben die herrschenden Almora­viden, geschwächt vom Abwehrkampf gegen eindringende Christen, den Almohaden den Vorrang abgetreten. Somit schwingen sich Berberstämme aus dem Süden zur neuen politischen und religiö­sen Elite von Fès empor; als überzeugte Islamisten etablieren sie ein anderes Verständnis von Wis­senschaft und krempeln das Bildungssystem um. Die Atmosphäre in Fès ist angespannt.


Mittendrin steht der Prediger und Rechtsge­lehrte Ibn Arfa’ Ra’s. Seine Vorfahren sind aus Andalusien eingewandert, er hat sich in Fès zur Respektsperson emporgearbeitet. Berühmt ist er vor allem für seine Dichtkunst: Ibn Arfa’ Ra’s ist Verfasser der «Schudhur adh­dhahab», zu Deutsch «Goldsplitter», einer Sammlung von 43 nach Reim­buchstaben geordneten Gedichten. Es handelt sich um eine für jene Zeit typische Lehrdichtung – ein­prägsam wie ein Schlagertext und deshalb auch leicht auswendig zu lernen. Ungewöhnlich allerdings ist der Inhalt der rund 1400 Verse: In den «Gold­splittern» geht es um alchemistische Prozesse.
 

Ruf des Okkulten

Alchemie ist eine Sparte der Naturphilosophie. Sie versucht, die Eigenschaften und Reaktionen der irdischen Substanzen zu erklären. Erstmals schrift­lich erwähnt wird alchemistische Forschung in ägyptischen und hellenistischen Schriften des 6. Jahrhunderts; im 18. Jahrhundert wird sie von der modernen Chemie und Pharmakologie abge­löst. Je stärker sie an Bedeutung gewinnt, desto mehr hängt der Alchemie der Ruf des Okkulten an. Zu Unrecht, denn Wunschziel der Alchemisten in Antike und Mittelalter ist es nicht nur, aus unedlen Metallen Silber und Gold herzustellen. So suchen sie etwa auch nach einem Universalheil­mittel für Krankheiten aller Art – eine keineswegs unrealistische Idee, denken wir bloss an die Ent­deckung des Penicillins anno 1928.


Über die frühen alchemistischen Praktiken im arabischen Raum ist wenig bekannt. «Wir wis­sen nicht, wer dort Alchemie praktizierte», sagt Regula Forster, «wir wissen nur, dass es eine Al­chemistenszene gab.» Die Professorin für Arabis­tik stützt sich auf Textstellen in alten Handschrif­ten, wo Alchemisten der Lüge bezichtigt werden oder gar von Hinrichtungen alchemistischer For­scher die Rede ist. Denn freilich hatten sie Feinde. Den religiösen Fundamentalisten war die Natur­philosophie ein Dorn im Auge, liberalere Muslime wiederum liessen die Alchemisten eher gewähren.
«Das Verhältnis zwischen Religion und Alchemie war zwiespältig», sagt Regula Forster.


Um dieses Verhältnis besser zu verstehen, suchte Forster nach einem Protagonisten, der bei­des – Religion und Alchemie – verband. Und stiess auf Ibn Arfa’ Ra’s, den Prediger und Alchemisten in Personalunion, Autor der «Goldsplitter», die in poetischer Sprache mit religiös geprägten Bildern alchemistische Prozesse beschreiben. Ein Glücks­fall, wie es schien. Am Beispiel des Ibn Arfa’ Ra’s würde sie zeigen, dass Religion und Alchemie im arabischen Raum durchaus koexistieren konnten.

 

Doch es kam anders. Denn nach zweijähriger Recherchearbeit ist nun klar: Ibn Arfa’ Ra’s ist nicht eine Person, sondern zwei. «Man hat sie fusioniert», sagt Forster. Viele Quellen deuten darauf hin, dass der Prediger und Rechtsgelehrte nicht identisch ist mit dem Alchemisten, der die «Goldsplitter» schrieb. Entstanden ist die seltsame Fusion wohl dadurch, dass man Teile der traditionellen arabi­schen Namensketten beider Männer in der Über­lieferung allmählich wegliess. In diesen oft sehr langen Ketten werden die Vorfahren der Namens­träger genannt; fallen diese Namen weg, kann es zu Verwechslungen kommen.


Begeisterter Mulla

«Jetzt hatte ich natürlich ein Problem», erzählt Re­gula Forster und schmunzelt. Gescheitert ist ihr Projekt deswegen nicht, es musste allerdings einen anderen Weg einschlagen. Denn allein schon die «Goldsplitter» des profanen Autors Ibn Arfa’ Ra’s verknüpften Religion und Alchemie sehr wohl. Dies zeigt sich vor allem auch in den zahlreichen späteren Abschriften des – leider verschollenen – Originals von Ibn Arfa’ Ra’s. Ein Beispiel stammt aus der iranischen Stadt Qom. Im 19. Jahrhundert war Qom eine Hochburg der schiitischen Lehre; der Buchdruck fand in der islamischen Welt damals noch kaum Verwendung. So kopierte ein von den Schriften des Ibn Arfa’ Ra’s offensichtlich begeis­terter Mulla das Hauptwerk des Marokkaners einmal mehr von Hand. In den ersten Teil seines Hefts schrieb er Sprüche des Propheten, im zwei­ten Teil folgten nahtlos die Verse der «Goldsplitter». Für Regula Forster ist damit klar: «Auch in jener Zeit noch hat man die Alchemie absolut ernst ge­nommen, sogar im religiösen Kontext.» Die Ver­bindung von Religion und Alchemie gibt es sehr wohl.


Andere Spuren führten die Forschenden nach Ägypten. Vieles deute darauf hin, dass sich Ibn Arfa’ Ra’s – wir sprechen fortan nur noch vom Al­chemisten – im Land am Nil niedergelassen habe, sagt Forster. In einer handschriftlichen Kopie des «Goldsplitter»­Kommentars, die Projektmitarbei­terin Juliane Müller in einer iranischen Bibliothek ausgrub, hält der Schreibende fest, Ibn Arfa’ Ra’s persönlich habe ihm den Text am Hafen von Alex­andria diktiert. Gut möglich, dass der grosse Erfolg, den Ibn Arfa’ Ra’s im marokkanischen Fès mit sei­nen alchemistischen «Goldsplittern» hatte, den islamistischen Almohaden nicht gefiel, sie den missliebigen Bestsellerautor deshalb bedrängten und sich dieser ins religiös und geistig offenere Ägypten absetzte.


Dass Ibn Arfa’ Ra’s auch dort von sich reden machte, ist allerdings bemerkenswert. «Der Wis­sensfluss verlief damals von Osten nach Westen und nicht umgekehrt», erklärt Regula Forster. «Dass ein Autor aus dem Westen im Osten Beachtung fand, ist ungewöhnlich.» Bis ins 20. Jahrhundert wurden im Gebiet des heutigen Ägypten, Syrien, Iran und Irak Abschriften der «Goldsplitter» und des Begleitkommentars angefertigt; rund 100 davon sind noch auffindbar. Gedruckt wurde das Werk des Ibn Arfa’ Ra’s ein einziges Mal, und zwar 1881 in Bombay. Von der Auflage erhalten sind nur noch ein paar wenige Exemplare, alle anderen wurden in den indischen Bibliotheken und Archiven von Termiten zerstört.

 

Ein Text wie vor 850 Jahren

Von Beginn weg war es deshalb auch ein Ziel des Projekts, die «Goldsplitter» neu zu drucken, dies in Form einer kritischen und kommentierten Aus­gabe auf Arabisch mit deutscher Übersetzung. Bereits haben Regula Forster und ihre drei Zürcher Kolleginnen und Kollegen 83 der rund 100 erhal­tenen Handschriften aufgespürt, gelesen, verglichen. Haben die weniger bedeutenden Kopien des Werks ausgeschieden, um sich auf die originalgetreusten zu stützen und den arabischen Text möglichst so wiederzugeben, wie ihn Ibn Arfa’ Ra’s vor rund 850 Jahren verfasst haben könnte.

 

Warum die viele Mühe? «Ich will herausfin­den, warum Alchemie in der islamischen Welt neben all dem Religiösen so populär war, und der Best­seller des Ibn Arfa’ Ra’s ist dazu ein guter Aus­gangspunkt», erklärt Forster. Ihr Grundinteresse und auch ihr Ziel sind also dieselben geblieben, auch wenn ihr Projekt unerwartet eine andere Richtung genommen hat als geplant. Etwas, das Forster im Übrigen weder erstaunt noch beunruhigt. Im Gegenteil: «Gute Forschung bringt immer an­dere Resultate als die erwarteten. Es wäre verdäch­tig, wenn unsere Recherchen nur die These bestä­tigten, mit der wir an die Arbeit gingen. Dann wäre unser Projekt entweder falsch angelegt oder schlicht uninteressant.»

 

Michael T. Ganz ist freier Journalist.

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