Islamismus in Sri Lanka

Liberale Kräfte geraten ins Kreuzfeuer

Vor zwei Monaten haben Anschläge auf Kirchen und Hotels Sri Lanka erschüttert. Sucht man nach den Hintergründen der Attentate rücke nicht der globale Dschihad, sondern die Identitätspolitik des Landes in den Vordergrund, sagen Forschende der UZH.

Benedikt Korf und Christine Schenk

Stadt in Sri Lanka.
Das friedliche Zusammenleben verschiedener Ethnien ist bedroht. Stadt in Sri Lanka. (Bild: iStock)

 

Die Attentäter kamen aus dem Hinterhalt. Als die Gläubigen ins Gebet vertieft waren, schlugen sie zu, 2019 ebenso wie 1990. Nur waren es damals keine Kirchen, sondern Moscheen, und statt Christen starben Muslime.

Kattankudy als Drehscheibe

Vor dreissig Jahren machte die Regierung für den Tod von 147 muslimischen Männern in vier Moscheen in Kattankudy, an der Ostküste Sri Lankas, die LTTE, eine separatistische tamilische Organisation, auch bekannt als Befreiungstiger, verantwortlich.

Kattankudy ist auch der Geburtsort von Zahran Hashim, einem der mutmasslichen Drahtzieher der Bombenanschläge vom Ostersonntag 2019, bei denen mehr als 250 Personen starben. Hinter diesen Anschlägen steckt nach Meinung der Regierung vor allem die islamistische Splittergruppe National Thowheed Jama'ath (NTJ), die ihre Wurzeln in Kattankudy hatte.

Vordergründig handelt es sich um zwei blutige Anschläge, die ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Dennoch kann man die Attentate vom Ostersonntag 2019 nicht ohne die Anschläge vom 3. August 1990 verstehen.

Verteilung der Ethnien nach der Volkszählung 2012.
Verteilung der Ethnien nach der Volkszählung 2012. (Bild: Wikipedia, Department of Census and Statistics)

 

Anfällig für antichristliche Ideologie

Die aktuellen Ereignisse von Ostern 2019 stehen quer zu den bekannten Konflikten zwischen den ethnischen Gruppen der Tamilen, Muslime und Singhalesen in Sri Lanka. Warum suchten sich die islamistischen Attentäter christliche Kirchen (neben Hotels) als Ziele aus? Wieso nicht buddhistische Heiligtümer, wo die Bedrohung der Muslime in den letzten Jahren doch vornehmlich von buddhistischer Seite kam?

Immer wieder ist dafür der Einfluss des IS geltend gemacht worden, der schon seit mehreren Jahren im virtuellen Raum auf der Jagd ist nach neuen Kämpfern für den globalen Dschihad. Das ist jedoch zu kurz gegriffen. Tatsächlich scheinen eher die zunehmende interne Fragmentierung der Muslime, eine polarisierende Klientelpolitik und die antimuslimische Agitation von singhalesischen und vermehrt tamilischen Politikern einige Muslime in Sri Lanka für die antichristliche Ideologie des IS anfällig gemacht zu haben. Das legt zumindest unsere gemeinsam mit Shahul Hasbullah von der Universität Peradeniya in Sri Lanka durchgeführte Forschung nahe. 

Zunehmende Polarisierung

Blick zurück: Die Attentate auf Kattankudys Moscheen 1990 fallen in die Zeit des srilankischen Bürgerkriegs, in dem die tamilischen Befreiungstiger gegen den singhalesisch dominierten Staat kämpften. Die Muslime versuchten sich aus diesem Krieg zwischen tamilischen Hindus und singhalesischen Buddhisten herauszuhalten. Gelungen ist es den Muslimen nicht, stattdessen kam es zu einer Polarisierung zwischen der tamilischen und der muslimischen Minderheit, die beide an der Ostküste Sri Lankas leben.

Einsatz für die Interessen der Muslime

Als der Bürgerkrieg Ende der achtziger Jahre eskalierte, töteten die LTTE, die so genannten Befreiungstiger, immer wieder Muslime, da sie diese verdächtigten, mit der Armee zu kollaborieren. Unter Sri Lankas Muslimen lösten diese Entwicklungen grosse Verunsicherung aus, und zunehmend verstanden sie sich neben Singhalesen und Tamilen als eigene ethnische Gruppe. In dieser Zeit gründete der sri-lankische Politiker, M.H.M. Ashraff, den Sri Lanka Muslim Congress (SLMC), die erste Partei, die sich explizit für die Interessen der Muslime einsetzte. 1994 trat der SLMC in die nationale Regierung ein, und Ashraff wurde zum Minister ernannt.

Muslimische Politiker halten bis heute wichtige Ministerämter. Viele von ihnen bespielen erfolgreich die Klaviatur der Klientelpolitik in Sri Lanka, wo Politik als umfassende Verteilungsmaschine funktioniert. Parteien und Politiker schanzen ihren Anhängern staatliche Jobs zu und kanalisieren staatliche Mittel in ihre Wahlkreise, um Strassen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen. In ärmeren ländlichen Gebieten ist die Klientelpolitik besonders wichtig, entscheidet sie doch über den Zugang zu dringend benötigten staatlichen Mitteln.

Aufsplitterung unter den Muslimen

M.H.M Ashraff galt als besonders erfolgreicher Klientelpolitiker. Als er am 16. September 2000 überraschend bei einem Hubschrauberabsturz starb, fragmentierte sich ohne seine charismatische Führung die politische Landschaft der Muslime schnell: Verschiedene Lokalmatadoren zerstritten sich im Wettbewerb um die muslimische Wählerschaft, und vom Sri Lanka Muslim Congress (SLMC) spalteten sich neue politische Parteien ab.

In dieser Dynamik spielte M.L.A.M. Hizbullah, ein einflussreicher Politiker aus Kattankudy, eine wichtige Rolle. Immer wieder wechselte er die Parteizugehörigkeit, um sich einen Sitz im Parlament und ein Ministeramt zu sichern. Hizbullah wurde so zum Sinnbild des opportunistischen muslimischen Politikers, der sich nur um seine Wählerklientel und den eigenen Vorteil kümmert.

Dieses Bild verdeckt jedoch, dass Hizbullah zugleich eine wichtige Kraft war, um in dem polarisierten muslimischen Milieu in Kattankudy zwischen unterschiedlichen islamischen Strömungen und ihren Anhängern zu vermitteln. Paradoxerweise sollte genau dies die Radikalisierung von Zahran Hashim, einem der zentralen Drahtzieher vom Ostersonntag, und seinen Anhängern befördern. Wie kam es dazu?

Islamische Reformbewegungen gegen den Sufismus

Seit den achtziger Jahren gewannen neue Vorstellungen darüber, was es bedeutet, ein guter Muslim oder eine gute Muslima zu sein, in Kattankudy und anderswo in Sri Lanka immer mehr an Bedeutung: die aus Indien stammende, pietistisch orientierte Bewegung der Tabligh Jama'ath und die aus dem Nahen Osten kommende Bewegung der Thowheed Jama'ath setzten sich fest.

Diese islamischen Reformbewegungen wurden unter dem Druck der ethnischen Polarisierung zu einer wichtigen Quelle der Identifikation. Beide richteten sich gegen die mythischen Strömungen des Sufismus, der traditionell stark unter Sri Lankas Muslimen verbreitet war. Die neuen Bewegungen wollten die Sufis von ihren «unislamischen» Elementen und ihren Glaubenspraktiken reinigen. Dabei gehen die Anhänger des Thowheed tendenziell aggressiver gegen die Sufis vor als die der Tabligh.

Kattankudy ist ein wichtiges Zentrum dieser islamischen Reformbewegungen in Sri Lanka und dokumentiert diese Entwicklung beispielhaft. In einer Situation, in der wirtschaftlicher Aufschwung mit einer prekären Sicherheitslage einherging, gewannen die Prediger von Tabligh und Thowheed Einfluss in den Moscheen. Prediger und Organisationen, die dem Thowheed nahestehen, erhalten oft finanzielle Unterstützung von arabischen Gönnern, unter anderem, um lokale Predigerschulen zu unterhalten.

Sufismus verliert an Einfluss

Muslimische Politiker wie Hizbullah waren diesen Kreisen eng verbunden. In den Moscheen im Osten Sri Lankas predigte auch der mutmassliche Attentäter der jüngsten Anschläge, Zahran Hashim, der schon lange als Verfechter einer noch radikaleren Islamauslegung als die der Thowheed galt. Er war wegen seiner extremen Gesinnung aus einer Predigerschule ausgeschlossen worden, was ihn nicht daran hinderte, ein charismatischer Prediger zu werden.

Die vordem traditionell einflussreichen Sufiprediger verloren hingegen zunehmend an Einfluss. Einige von ihnen wurden sogar offiziell vom muslimischen Gelehrtenrat in Sri Lanka, dem All Ceylon Jammiyathul Ullama (ACJU), exkommuniziert. 2006 kam es im Anschluss an den Tod eines bekannten Sufipredigers sogar zu gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen zwei seiner Anhänger starben.

In diesem schwierigen Umfeld kam Hizbullah noch einmal ins Spiel. Als Moulavi Abdul Rauf, ein charismatischer Sufiprediger aus Kattankudy, 1979 von ACJU exkommuniziert wurde, setzte sich Hizbullah jahrelang für ihn ein und konnte schliesslich die Aufhebung der Exkommunikation bewirken. Im Gegenzug hatte Moulavi Abdul Rauf dem Politiker einen wichtigen Wählerblock verschafft: seine Anhängerschaft, die auf ungefähr 3000 Muslime geschätzt wurde. So gelang Hizbullah das Kunststück, sich eng mit der Bewegung des Thowheed zu verbinden und zugleich als politischer Patron eines wichtigen Sufipredigers aufzutreten.

Zunehmende Radikalisierung

Am 10. März 2017 kam es zum Streit zwischen Anhängern von Zahran Hashim und Moulavi Abdul Rauf. Beobachter des muslimischen Milieus in Sri Lanka halten diesen Zusammenstoss für einen Wendepunkt, der Zahran Hashim und einige seiner Anhänger weiter radikalisierte. Aufgrund des Schutzes, den Moulavi Abdul Rauf von Hizbullah erhielt, musste Zahran Hashim vor dem Zugriff der Polizei flüchten.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten besorgte islamische Geistliche die srilankischen Sicherheitskräfte auf Hashims ideologische Verbindungen zum IS aufmerksam gemacht, Verbindungen, die er auch in Internetforen propagierte. Der Geheimdienst unterschätzte die Schlagkraft Hashims, den entsprechenden Hinweisen soll er nicht nachgegangen sein.

Antimuslimische Agitation

Solange der Bürgerkrieg gegen die Befreiungstiger der LTTE anhielt, betrachteten singhalesische Politiker die Spannungen in Kattankudy und anderswo als «interne Angelegenheit» der Muslime. Muslimische Parteien waren schliesslich in Koalitionen mit singhalesischen Parteien in die Regierung eingebunden. Die Muslime verfügten oft über die entscheidenden Sitze im Parlament, um der einen oder anderen Partei zur Mehrheit zu verhelfen.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs kam es jedoch vermehrt zu antimuslimischen Agitationen nationalistischer singhalesischer Politiker und Mönche, die zur Folge hatten, dass sich zunehmend eine feindliche Stimmung gegenüber Muslimen unter der singhalesischen Bevölkerung breitmachte. 2014 und 2018 kam es zu antimuslimischen Ausschreitungen in Aluthgama und in Digana, beides Orte, die nicht im bürgerkriegsversehrten Osten, sondern in der Nähe der mehrheitlich singhalesisch bewohnten Städte Colombo und Kandy liegen. Die Sicherheitskräfte schritten nur zögerlich gegen die antimuslimischen Extremisten ein. Wieder entstand grosse Verunsicherung unter den Muslimen, die sich nicht mehr vom Staat geschützt fühlten. 

Niederungen der Politik

Die Puzzleteile lassen sich zusammensetzen: Einflussreiche muslimische Politiker, die mit singhalesischen Politikern koalieren und ihre Regierungsposten erfolgreich für eine Klientelpolitik zugunsten ihrer muslimischen Wählerschaft nutzen. Tiefgehende religiöse Spannungen innerhalb der Muslime, die sich zugleich immer mehr gegenüber anderen ethnischen Gruppen abschotten. Opportunistische Klientelpolitiker, die dennoch eine wichtige Rolle dabei spielen, die verschiedenen religiösen Strömungen politisch zusammenzuhalten und in den vielfältigen Konflikten zu vermitteln. Singhalesische Politiker, die mit muslimischen Politikern in der Regierung sitzen und zugleich ihre Anhänger gegen Muslime mobilisieren.

Die Antwort auf die Frage, wieso es zur Radikalisierung einer muslimischen Gruppe in Sri Lanka kommen konnte, ist weniger im globalen Jihad als in den Niederungen der Identitätspolitik in Sri Lanka zu suchen. Und wer von Identitätspolitik in Sri Lanka spricht, kann von der fatalen Logik der Klientelpolitik nicht schweigen.

Ethnische Polarisierung führt zu Gewalt

Friedliche Koexistenz bedeutet eben nicht, sich möglichst voneinander abzuschotten und in Ruhe zu lassen, sondern verlangt nach einer fairen politischen Zuteilung staatlicher Ressourcen, unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Stattdessen verschärft die Logik der Klientelpolitik die Polarisierung innerhalb und zwischen den ethnischen Gruppen immer weiter. Im Extremfall bis zur politischen Gewalt, die Sri Lanka schon so oft erschüttert hat.

Liberale Kräfte haben es schwer

Liberale Kräfte geraten in dieser ethnischen Polarisierung ins Kreuzfeuer. Shahul Hasbullah, jüngst verstorbener Professor an der Universität Peradeniya, ist dafür ein Beispiel, er stand für einen liberalen Islam. Ihm sind viele der Einsichten zu verdanken, die hier dargelegt wurden. Er war seiner muslimischen Gemeinschaft eng verbunden, aber immer offen und voller Verständnis für die Anliegen, Ängste und Sorgen anderer ethnischen Gruppen.

Als Aktivist setzte er sich nicht nur für die Rechte muslimischer Kriegsopfer ein, sondern auch für die Anliegen der tamilischen Minderheit. Auch er war besorgt - über eine konservative Islaminterpretation, über die zunehmende Verhärtung der Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen. An seiner eigenen Universität musste er sich der Einschüchterungsversuche singhalesischer Nationalisten erwehren. Es ist zu befürchten, dass Menschen wie Shahul Hasbullah es in Zukunft noch schwerer haben werden, in Sri Lanka Gehör zu finden.

Benedikt Korf ist Professor für Politische Geografie an der UZH. Christine Schenk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Religionswissenschaftlichen Seminar der UZH. Dieser Beitrag ist kürzlich in der FAZ erschienen.

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