Neues Kompetenzzentrum

Das Rätsel der Sprache

Wie kommt der Mensch zur Sprache? Wie kommunizieren Tiere? Am neuen «Center for the Interdisciplinary Study of Language Evolution» an der UZH spannen Forschende aus Geistes- und Naturwissenschaften zusammen, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Roger Nickl

Erdmaennchen
Ausgefeilte Verständigungsmittel: Junge Erdmännchen lernen, zwischen dreissig verschiedenen Rufen zu unterscheiden. (Bild: Wikimedia)

 

«Did Dietary Changes Bring Us „F“ Words?» – «Haben uns veränderte Ernährungsgewohnheiten die F-Wörter gebracht?» titelte die New York Times kürzlich auf ihrer Wissenschaftsseite. Den Stoff für den Artikel lieferte eine Studie einer interdisziplinären Forschungsgruppe rund um die UZH-Linguisten Balthasar Bickel, Damian Blasi, Steven Moran und Paul Widmer. Veröffentlicht wurde sie im Wissenschaftsjournal Science. Die Forscher zeigen, dass die F- und V-Laute, die heute im Englischen wie auch im Deutschen und vielen anderen Sprachen gängig sind, im Lauf der Menschheitsgeschichte relativ spät entstanden sind. 

Grund dafür waren vermutlich weichere Lebensmittel – Gemüse und Getreide – die im Übergang von Jäger-und-Sammler-Kulturen zu bäuerlichen Gesellschaften im Alltag der Menschen Einzug hielten. Die weniger zähe Nahrung veränderte mit der Zeit auch die Gebissform und zwar so, dass die oberen Schneidezähne leicht über die unteren herausragten. Dies ermöglichte, dass die Menschen neue Laute bilden konnten – die so genannten Labiodentale, bei denen die oberen Schneidezähne die Unterlippe berühren, wie bei der Aussprache des Buchstabens «F». Labiodentale sind heute rund in der Hälfte aller Sprachen weltweit vorhanden. 

Biologie und Linguistik

Die Studie, die weltweit grosse Beachtung fand, macht deutlich, wie fruchtbar und wissenschaftlich originell die Verbindung von Biologie und Linguistik sein kann. Spannen Natur- und Geisteswissenschaftler zusammen, wird ein ganz neuer Blick auf die Entwicklung der menschlichen Sprache möglich. Davon gehen die Forschenden des «Center für the Interdisciplinary Study of Language Evolution» (ISLE) aus, einem neuen UZH-Kompetenzzentrum, an dem auch die Linguisten Bickel, Blasi, Moran und Widmer beteiligt sind. 

Neben Sprachenwissenschaftlern und Biologinnen gehören Anthropologinnen, Psychologinnen und Philosophen zum ISLE. «Die Kombination und Kooperation von Natur- und Geisteswissenschaftlern am ISLE ist einzigartig», sagt Psycholinguistin Sabine Stoll, die das Kompetenzzentrum gemeinsam mit der Verhaltensbiologin Marta Manser leitet. Ziel des ISLE ist es, die Entstehung, Entwicklung und Zukunft der menschlichen Sprache zu rekonstruieren und zu erforschen.  Zentral ist dabei der Vergleich von ganz unterschiedlichen Kommunikationssystemen. 

Manser
Leiten gemeinsam das neue interdisziplinäre Zentrum für Evolution der Sprache: Psycholinguistin Sabine Stoll (links) und die Biologin Marta Manser. (Bild: zVg)

Rufende Erdmännchen

Biologin Marta Manser beispielsweise erforscht, wie sich Erdmännchen verständigen. Die kleinen Raubtiere, die in den Savannen Südafrikas leben, haben nicht nur ein reges, arbeitsteiliges Sozialleben, sondern verfügen auch über eine ausgefeilte Kommunikation. So kann ein Wache stehendes Erdmännchen seiner Gruppe beispielsweise mit einem Ruf nicht nur melden, ob ein Feind vom Boden oder aus der Luft droht. «Es kann auch mitteilen, wie weit ein gefährlicher Räuber entfernt ist», sagt Manser. Mittlerweile sind rund 30 unterschiedliche Erdmännchen-Rufe bekannt. Mit Hilfe neuester Aufnahme- und Analysetechnologie gelingt es der Verhaltensbiologin, immer mehr Bedeutungseinheiten in den Lauten und Rufen der kleinen Pelztiere zu identifizieren und so ein differenziertes Bild von deren Kommunikation zu erhalten.

Spannend ist diese Forschung auch für Psycholinguistin Sabine Stoll. Sie untersucht, wie Kinder in ganz unterschiedlichen Kulturen ihre Muttersprache erlernen und auf welchen Komponenten und Mechanismen dieser Spracherwerb beruht. «Interessant ist für mich beispielsweise die Frage, ob junge Erdmännchen die Rufe und ihre Bedeutung lernen müssen oder ob sie sie einfach kennen», sagt Stoll.  Durch den Vergleich mit einem wesentlich einfacheren Kommunikationssystem, wie dem der Erdmännchen und anderer Tierarten, könnte auch der menschliche Spracherwerb und seine Entstehung neu beleuchtet werden. 

Evolutionäre Linguistik studieren

Und vielleicht kann durch den Vergleich von menschlicher und tierischer Kommunikation auch das grosse Rätsel gelöst werden, wie die menschliche Sprache im Lauf der Evolution entstanden ist. Denn schon lange ist klar, dass die Sprache nicht vom Himmel gefallen ist. Sie hat sich vielmehr in kleinen Evolutionsschritten allmählich entwickelt. Gelingt es den Forscherinnen und Forschern, möglichst viele Puzzlesteine der Evolutionsgeschichte zusammenzufügen, entsteht früher oder später einmal das grosse Bild, das erklärt, wie das «Wunder» der Sprache entstanden ist. 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ISLE wollen dazu einen gewichtigen Beitrag leisten. Neben gemeinsamen Forschungsprojekten organisiert das interdisziplinäre Forschungsteam auch internationale Workshops und erarbeitet neue, innovative Forschungsmethoden. Auch die Studierenden werden von der fächerübergreifenden Sprachforschung profitieren: Ab diesem Herbstsemester bietet das ISLE ein Master-Studienprogramm Evolutionäre Linguistik mit gemeinsamen Veranstaltungen aus Sprachwissenschaft und Biologie an.

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazins.

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