Spin-off

Mit Era-107 den Appetit sanft bändigen

Viele Schlankheitsmittel sind gesundheitsschädlich oder zu wenig wirksam. Nun entwickelt ein Spin-off der UZH einen Appetithemmer, der keine unerwünschten Nebenwirkungen hervorruft und das Gewicht im Vergleich zu zugelassenen Standardmedikamenten im Tiermodell doppelt so stark reduziert.

Nathalie Huber

Eine Pille wird auf einem gelben Teller präsentiert.
Den Appetit zügeln mit Era-107. Das UZH Spin-off EraCal entwickelt eine vielversprechende Anti-Adipositas-Pille. (Bild: iStock, Kirillm)

 

Sie gelten als Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts: Adipositas und Übergewicht. Auch Schweizer Frauen und Männer werden immer dicker – zurzeit sind rund 41 Prozent der Erwachsenen und rund 19 Prozent der Jugendlichen übergewichtig. Laut WHO leiden weltweit 1,9 Milliarden Menschen an Übergewicht und 650 Millionen Menschen sind fettleibig, mit einem Body-Mass-Index von über 30 kg/m².

Übergewicht und Adipositas verursachen hohe Kosten für die Gesellschaft, denn sie sind Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, einige Krebsarten, Atemwegs- und muskulo-skeletale Erkrankungen sowie Depressionen. Die Therapie von Übergewicht – mittels Lifestyle-Massnahmen, medikamentös oder letztlich chirurgisch – ist ein lukrativer Markt. «Wenn auch ein schwieriger», wie Josua Jordi, Mitgründer des UZH Spin-off EraCal Therapeutics, einräumt.

Kampf gegen Vorurteile

Jordi will mit seinem Partner Simon Breitler einen Appetithemmer auf den Markt bringen. Im Kontakt mit potentiellen Investoren sehen sich die Jungunternehmer des Öfteren mit Vorurteilen konfrontiert. Adipositas werde vielfach als reines Lifestyle-Phänomen betrachtet. «Übergewichtige Menschen werden schnell als willensschwach abgetan», so Jordi. Dies obwohl wissenschaftlich erwiesen ist, dass Übergewicht eine chronische Krankheit ist, genetisch veranlagt sein kann und stark mit dem Ausbildungsniveau sowie soziokulturellen Umständen zusammenhängt.

Zudem haben Medikamente zum Abnehmen keinen guten Ruf, denn viele unter ihnen verursachen unerwünschte Nebenwirkungen und werden nicht mehr verkauft. Zum Beispiel führte Acomplia® mit dem Wirkstoff Rimonabant zu psychiatrischen Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Angst, Aggression, Depression oder sogar zu Selbstmordgedanken. Das UZH Spin-off muss folglich beweisen, dass sein neues Produkt besser ist als verfügbare Schlankheitsmittel. Es ist dabei auf gutem Weg, wie die positiven Resultate der präklinischen Studien belegen.

Zebrafisch als in-vivo-Modell

Seit 2014 forscht Jordi an einem Appetitmodulator. Im Rahmen seines Postdoktorats an der Harvard University hat er eine neue Strategie für die Suche nach psychoaktiven Medikamenten entwickelt. Gemeinsam mit dem Harvard-Professor Florian Engert testete er die Wirkung von rund 10'000 psychoaktiven Molekülen an mehr als 100'000 Zebrafischlarven. Hierfür analysierten sie das Fressverhalten der Fische sowie eine Reihe anderer Verhaltensweisen, zum Beispiel die Reaktion auf Licht und Töne. Dank dieser Methode konnten die Forscher bekannte Stoffe mit unerwünschten Nebenwirkungen von vornherein herausfiltern. Über eine Kaskade von Experimenten fanden sie letztlich einige wenige Substanzen, die den Appetit der Tiere modulierten und selektiv wirkten.

Diese vielversprechenden Appetithemmer, die beim Zebrafisch Hirnregionen aktivieren, die auch beim Menschen vorkommen, testete Jordi in Mäusen und Ratten – in Zusammenarbeit mit UZH-Professor Thomas Lutz vom Institut für Veterinärphysiologie. Die wirksamste Substanz darunter ist ein neues, sogenannt kleines Molekül. Die Spin-off-Gründer liessen den Stoff 2018 unter dem Namen Era-107 patentieren.

Doppelter Gewichtsverlust

Im Vergleich mit den in der Schweiz zugelassenen appetithemmenden Stoffen wie Orlistat, Lorcaserin oder Liraglutid wirkt Era-107 stärker: Mäusen, denen Era-107 verabreicht wurde, nahmen mindestens doppelt so stark ab wie jene mit den Standardmedikamenten. Insgesamt verloren die Mäuse mit Era-107 vierzehn Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts. Ein aussichtsreiches Ergebnis. «Um ein erfolgreiches Anti-Adipositas-Medikament zu lancieren, müssen wir zeigen, dass der neue Wirkstoff zu einer Gewichtsabnahme von mindestens zehn Prozent im Vergleich zum Ausgangsgewicht führt und dies innerhalb von zwölf Monaten», hält Jordi fest.  

Ohne Nebenwirkungen

Verglichen mit den zugelassenen Arzneistoffen weist Era-107 laut Jordi auch ein besseres oder gleich gutes Sicherheitsprofil auf. Orlistat beispielsweise ist stark abführend und verursacht Bauchschmerzen; Liraglutid kann Übelkeit, Verstopfung oder Kopfschmerzen verursachen und Schwindel tritt bei Lorcaserin auf. «Era-107 hingegen verursachte in den vorklinischen Versuchen bei Mäusen oder Ratten keine Nebenwirkungen», sagt Jordi.

Anti-Adiposita wirken unterschiedlich: Sie reduzieren die Aufnahme von Nahrungsbestandteilen im Darm, sie erhöhen den Energieumsatz oder sie hemmen das Hungergefühl – wie Era-107 es tut. Der Appetithemmer könnte in Form einer Pille für übergewichtige Männer und Frauen ab einem BMI von 27,5 kg/m² verschrieben werden. Bis Patientinnen und Patienten zukünftig vom vielversprechenden Appetitzügler profitieren können, muss das UZH Spin-off noch einige Hürden nehmen. Denn der Schritt vom Tiermodell zum Patienten ist bei der Entwicklung neuer Medikamente eine grosse Herausforderung.

Fundiertes Know-how  

Aktuell testet das Jungunternehmen den Arzneimittelkandidaten weiter auf seine Sicherheit hin und konzipiert die klinischen Studien. Dabei arbeiten Josua Jordi und Simon Breitler eng mit Medizinalchemikern und Statistikern zusammen. Ausserdem haben ausgewiesene Expertinnen und Experten aus Forschung und Wirtschaft Einsitz im Vorstand der Firma und stehen den Gründern beratend zur Seite. «Wir haben die versiertesten Leute an Bord», ist Jordi überzeugt und verweist dabei auf Ann Kessler, die die Diätpille Xenical® für Roche mitentwickelt hat und Henning Böttcher, den Entdecker des Anti-Depressivums Viibryd®.

«Wir planen, den Wirkstoff Ende 2021 erstmals am Menschen zu testen. Bis im Jahr 2024 wollen wir zeigen, dass Era-107 sicher ist und bei Patientinnen und Patienten auch die erwünschte Wirkung erzielt», führt Jordi aus. Bis ein Medikament zugelassen wird, dauert es in der Regel zehn bis sechzehn Jahre. Wenn alle klinischen Studien erfolgreich verlaufen, könnte Era-107 im Jahr 2028 auf den Markt kommen.  

Schweizer Top-Startup

Auf dem Weg zur Firmengründung sowie in ihrer Anfangsphase profitierten Josua Jordi und Simon Breitler von unterschiedlichen Finanzierungsgefässen und Weiterbildungsprogrammen sowie spezifischer Forschungsinfrastruktur – beispielsweise dem Therapy Development Accelerator und UZH Entrepreneur Fellowship sowie dem UZH Incubator Lab. Auch die private, Innovationen fördernde, Organisation VentureKick unterstützte das Jungunternehmen finanziell und erkor es dieses Jahr zu einem Schweizer Top-Startup.

Um die weiteren Entwicklungsschritte vom Wirkstoff hin zum Medikament finanzieren zu können, ist das Spin-off auf zusätzliches Fremdkapital angewiesen. Allein bis zum Beginn der ersten klinischen Studie benötigt es 10 Millionen Franken – eine Million hat bereits der Life Sciences Fund der UZH Foundation und der Novartis Venture Fund investiert. Ob das Startup den Weg bis zur Zulassung des Medikaments im Alleingang schafft, oder ob es sein Patent aufgrund der hohen Investitionskosten für grossangelegte klinische Studien letztlich verkaufen muss, wird sich zeigen.

Hintergrund

EraCal Therapeutics ist ein im Jahr 2018 gegründetes Spin-off, das aus der Forschung an der Universität Zürich und der Harvard University hervorgeht. Es entwickelt eine sichere, wirksame Anti-Adipositas-Pille. Die innovative Forschung des Jungunternehmens wurde durch den Forschungskredit der UZH unterstützt.

Ausserdem investierten der Life Sciences Fund der UZH Foundation und der Novartis Venture Fund im Frühjahr 2019 eine Million Franken in die Firma. EraCal Therapeutics wurde auch vom UZH Bioentrepreneur Fellowship und dem UZH-Therapy Development Accelerator unterstützt. Zurzeit nutzt es die Laborräume des UZH-Incubator Labs in Schlieren.

Nathalie Huber, Redaktorin UZH News

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