Verhaltensforschung

Das Tier und wir

Sprache, Intelligenz, Kooperation - was uns Menschen auszeichnet, finden Wissenschaftler auch immer öfter im Tierbereich. Tiere halten uns den Spiegel vor und helfen zu verstehen, was uns zu Menschen gemacht hat.

Thomas Gull und Roger Nickl

«Das soziale Lernen macht nicht nur das einzelne Affenjunge intelligenter, sondern die ganze Gruppe»: Die UZH-Anthropologin Caroline Schuppli erforscht das Verhalten von Orang-Utans auf Sumatra.

 

Der Mensch sei das einzige Wesen, das im Flug eine warme Mahlzeit zu sich nehmen könne, witzelte der deutsche Komiker Loriot. Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülows (wie Loriot mit bürgerlichem Namen hiess) Erklärung der anthropologischen Differenz zwischen Mensch und Tier greift wohl etwas zu kurz, auch wenn sie nicht vollkommen danebenliegt. Denn immerhin sind die Entwicklung des Flugzeugs und die Entdeckung des Feuers zwei kulturelle Leistungen, die den Menschen vom Tier unterscheiden. Trotzdem: Die Dinge sind etwas komplizierter. Die Wissenschaft beschäftigt sich heute intensiv mit den Fragen, was den Menschen zum Menschen macht, worin er sich von den Tieren unterscheidet oder eben nicht, und wie die spezifisch menschlichen Fähigkeiten entstanden sein könnten.

Nicht nur Anthropologinnen, Verhaltensbiologinnen und Veterinärmedizinerinnen, sondern etwa auch Philosophen, Linguisten und Psychologen erforschen das Verhalten und die Fähigkeiten von Tieren und versuchen daraus Schlüsse zu ziehen, wie unsere Intelligenz, die menschliche Sprache oder unser kooperatives Sozialverhalten entstanden sind. Dabei beschäftigen sie sich mit ganz unterschiedlichen Tierarten, von unseren nächsten Verwandten, den Affen, über Hunde, Erdmännchen und Delfine zu Singvögeln, Krähen und Kraken. Bei allen finden sich – oft in rudimentären Formen – Fähigkeiten, über die auch wir Menschen verfügen. Die Wissenschaft interessiert sich dafür, wie diese Fähigkeiten ausgebildet sind und wie sich deren Evolution erklären lässt.

Welt ohne Gott

Doch weshalb wollen wir das überhaupt wissen? «Wir sind verunsichert, was unseren Status, unsere Stellung in der Natur anbelangt», erklärt der Philosoph Hans-Johann Glock, der sich in seiner Forschung mit Fragen des Geistes bei Tieren auseinandersetzt. «Wir Menschen haben unseren Platz in der Welt immer durch die Abgrenzung nach oben zum Göttlichen und nach unten zu den Tieren bestimmt.» Die Säkularisierung hat religiöse Deutungsmuster wie die Schöpfungsgeschichte obsolet gemacht, die Abgrenzung nach oben, zum Göttlichen, entfällt damit, «es bleibt noch jene zu den Tieren oder zu den Robotern und künstlichen Intelligenzen», sagt Glock.

In dieser Konstellation der Welt ohne Gott versucht die Wissenschaft den Menschen zu verorten. Die Erforschung der Tiere hält uns dabei gewissermassen den Spiegel vor, in dem wir uns betrachten können und bestimmen, wer wir sind und wie der Mensch entstanden ist. Wenn wir diese Frage klären wollen, kom-men wir nicht umhin, uns mit unseren näheren und entfernteren Verwandten im Tierreich zu befassen. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts stellte der französische Natur-forscher Etienne de Condillac in seinem «Traité des animaux» fest, Tiere wären nicht so interessant, wenn es nicht eigentlich um die Frage ginge, was der Mensch sei.

Tiere können planen

Wie der Blick über die Schulter der UZH-Forscherinnen und -Forscher zeigt, besitzen Tiere zahlreiche Fähigkeiten, die wir ihnen lange Zeit kaum zugetraut hätten. So konnte der Anthropologe Michael Krützen kürzlich zeigen, dass Delfine individuelle «Namen» tragen und lebenslange Freundschaften mit Artgenossen pflegen, der Anthropologe Carel van Schaik hat bei Orang-Utans einfache Kulturtechniken nachgewiesen, oder die Verhaltensbiologin Marta Manser dokumentiert, wie geschickt und intensiv Erdmännchen kooperieren und kommunizieren.
Ausgeräumt worden ist auch die Vorstellung, Tiere lebten nur im Hier und Jetzt, die selbst der den Tieren gegenüber aufgeschlossene Philosoph Friedrich Nietzsche vertreten hat. «Mittlerweile haben viele Experimente gezeigt, dass Tiere nicht nur Erinnerung haben, sondern auch für die Zukunft planen können», sagt Hans-Johann Glock. Das gilt etwa für Menschenaffen, denen Forscher am Leipziger Max-Planck-Institut beigebracht haben, mit Werkzeugen einen Behälter mit Futter zu öffnen. Als die Wissenschaftler eines Tages die Werkzeuge nicht neben den Behälter legten und die Affen ihn nicht öffnen konnten, reagierten sie enttäuscht und frustriert. Als sie jedoch die Werkzeuge beim nächsten Mal wieder vorfanden, nahmen sie sie mit an ihren Schlafplatz.
Krähen, die die britische Kognitionswissenschaftlerin Nicola Clayton beobachtete, legen auf intelligente Weise Futtervorräte an: Verderbliche Mehlwürmer deponieren sie an Orten, an die sie bald wieder zurückkehren, die wesentlichen haltbareren Erdnüsse lagern sie in Verstecken, die sie weniger oft frequentieren. Beispiele wie diese zeigen, dass Fähigkeiten wie das planende Handeln, die wir als spezifisch menschlich ansehen, ansatzweise bereits bei Tieren vorhanden sind. Die aktuelle Forschung bringt damit Menschen und Tiere näher zusammen. 
Stellt sich also die Frage, was den entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmacht. Für Hans-Johann Glock gibt es das eine Merkmal, das uns fundamental anders macht, nicht. Er sieht vielmehr ein Zusammenspiel von drei wesentlichen Faktoren: instrumentelle Intelligenz – vor allem die Fähigkeit, kausale Zusammenhänge zu verstehen; Kooperation – unser durch Werte und Normen geprägtes Zusammenleben; und die differenzierte und flexible menschliche Sprache. «Alle diese Fähigkeiten kann man zumindest in rudimentärer Form auch im Tierreich beobachten; aber wir verfügen in einem weit grösseren Ausmass über sie und in einer absolut ein-maligen Kombination», sagt Glock: «Die Mischung macht’s aus!» Sie ermöglichte den Quantensprung, der die evolutionäre Entwicklung des Menschen letztlich ermöglicht hat, zunächst über die biologische, später auch über die kulturelle Evolution.
Anthropologinnen und Linguisten der UZH forschen nach den Ursprüngen der Kompetenzen, die gemäss Hans-Johann Glock die menschliche Evolution ermöglicht haben: Intelligenz, kooperatives Verhalten und die Sprache. Dazu beobachten die Anthropologinnen Caroline Schuppli und Judith Burkart Orang-Utans und Krallenaffen und der Sprachwissenschaftler Simon Townsend unter anderem Singvögel und Affen.

Abschauen macht klug

Caroline Schuppli erforscht, wie Intelligenz entsteht, indem sie Orang-Utans im Dschungel beobachtet. Die roten Menschenaffen sind keine besonders sozialen Tiere – anders als wir Menschen. Das gilt auch für die Mütter, die ihre Jungen vorzugsweise allein aufziehen. Doch wenn sie sich mit anderen Artgenossen treffen und dem Nachwuchs Gelegenheit geben, von anderen zu lernen, wirkt sich das positiv auf die Jungen aus: Sie werden intelligenter. «Junge Affen, die von anderen lernen, haben ein viel grösseres Repertoire an Techniken und kennen eine breitere Palette an Nahrungsmitteln», sagt die Forscherin. Sie wissen mehr über ihre Umwelt und finden sich darin besser zurecht.

Evolutionsbiologisch betrachtet sind sie damit «fitter», sagt Schuppli: «Wer mehr und bessere Nahrung organisieren kann, und das mit weniger Aufwand, verbessert damit seine Überlebens- und Fortpflanzungschancen.» Was die jungen Affen klug macht, ist das soziale Lernen, das Abschauen bei anderen. Sie tun das zuerst bei ihren Müttern, und wenn sie dann Gelegenheit haben, bei anderen Artgenossen. Je vielfältiger die Gelegenheiten, von anderen zu lernen, umso grösser ist am Schluss die Band-breite an Fähigkeiten. Darin gleichen Orang-Utans Menschenkindern – beide lernen, indem sie abschauen und das Gesehene dann selber üben.

Wie das geht, demonstriert Caroline Schuppli mit einem kurzen Film, der Affenmutter Lisa und ihren Sohn Lois zeigt: Lisa holt sich einen Stängel vom Urwaldboden, schält diesen und frisst dann das schmackhafte und nähr-stoffreiche Kambium. Lois schaut aufmerksam zu – in der Fachsprache als Peering (Starren) bezeichnet. Dann versucht er es selber. In diesem Fall hat er noch zu wenig genau geschaut, wie es Mama macht, denn der Sprössling frisst statt des Kambiums die harte Rinde. Irgendwann wird er es richtig machen.

«Das soziale Lernen macht nicht nur das einzelne Affenjunge intelligenter, sondern die ganze Gruppe», wie Caroline Schuppli dank der Beobachtung von zwei Affenpopulationen – die eine auf Sumatra, die andere auf  Borneo – zeigen konnte. Die Orang-Utans auf Sumatra sind viel sozialer sind als jene auf Borneo – die Weibchen sind etwa 55 Prozent der Zeit mit anderen Artgenossen zusammen, jene auf Borneo nur während etwa 15 Prozent. Damit hat der Affennachwuchs auf Sumatra wesentlich mehr Gelegenheit, bei anderen abzuschauen, und Kulturtechni-ken können besser von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Die Sumatra-Orang-Utans haben deshalb ein höheres kulturelles Niveau als jene auf Borneo. Das zeigt sich darin, dass bei den Sumatra-Affen 198 sozial weitergegebene Innovationen nachgewiesen werden konnten, bei jenen auf Borneo nur deren 116. Und Werkzeuge verwenden nur die Orang-Utans auf Sumatra. Das Paradebeispiel dafür ist das Öffnen der Neesia-Frucht, deren Samen sich versteckt in einer sehr harten, fussballförmigen Schale befinden und von rasiermesserscharfen Nadeln geschützt werden. Orang-Utans in Sumatra führen Stöckchen in Risse der Frucht-schale ein und lösen so die Samen von der Frucht, die ihnen dann direkt in den Mund fallen. Caroline Schuppli zieht aus ihren Beobachtungen weitreichende Schlüsse: «Das soziale Lernen beeinflusst die Evolution einer Art, weil es klüger macht.»

Dank sozialem Lernen kann ein Orang-Utan-Jun-ges beispielsweise 50 statt nur 5 Fähigkeiten erwerben. Das soziale Lernen verbindet die Orang-Utans mit uns Menschen. Allerdings: Wir sind viel sozialer und haben deshalb viel mehr Gelegenheiten, bei anderen abzuschauen, von ihnen zu lernen und unser Wissen weiterzugeben. Die Zürcher Anthropologen um den emeritierten Professor für Anthropologie Carel van Schaik gehen davon aus, dass gerade diese Fähigkeit, kulturelle Errungenschaften zu tradieren, der Schlüssel ist zum Aufbau komplexer, arbeitsteiliger Gesellschaften, wie wir Menschen sie entwickelt haben. 

Die Jungen gemeinsam aufziehen

Der andere zentrale Aspekt, der die Entwicklung zu uns heutigen Menschen ermöglicht hat, ist die gemeinsame Aufzucht der Jungen. So lautet die bahnbrechende These der UZH-Anthropologin Judith Burkart. Das gemeinschaftliche Aufziehen der Jungen teilen wir jedoch gerade nicht mit den Menschenaffen. Burkart hat es bei Krallenaffen beobachtet und dokumentiert. Für sie ist es die fehlende Verbindung, wenn es darum geht, die Menschwerdung zu erklären: «Die gemeinsame Aufzucht der Jungen ist ein entscheidender Faktor.» Weshalb? Weil sie voraussetzt, dass wir zusammenarbeiten, unsere eigenen Bedürfnisse auch einmal zurückstellen – was ein Schimpanse beispielsweise nie tun würde – und weil sich Gelegenheit zum sozialen Lernen und zur Weitergabe von Wissen ergibt. 

Wie hat nun die Mischung aus Neugier, sozialem Lernen und dem gemeinschaftlichen Aufziehen des Nachwuchses von den Orang-Utans zu uns Menschen geführt? Für Caroline Schuppli ging das so: «Ich denke, dass Umweltfaktoren den Anfang machten. Der Lebensraum hat sich verändert, er wurde vielfältiger. Eine Strategie unserer Vor-fahren, mit dieser Veränderung umzugehen, war es, explorativer zu werden. Jene, die neugieriger waren, hatten einen Vorteil.» Wer sich auf diese Weise neue, bessere Nahrungsquellen erschliessen konnte, hatte die Energie, um ein grös- seres Gehirn zu unterhalten. Und: Wenn genügend Nahrung vorhanden ist, gibt das Gelegenheit – sollen wir sagen: Musse um Neues auszuprobieren. Gleichzeitig erlaubt ein höheres Nahrungsangebot eine höhere soziale Toleranz, die wiederum soziales Lernen ermöglicht. Das zeigt der Vergleich der Sumatra- und der Borneo-Orang-Utans. Auf Sumatra gibt es mehr Nahrung, die Affen dort haben mehr Spielraum, um sich auszutauschen und neue Dinge auszuprobieren, und haben gleichzeitig mehr Gelegenheiten zum sozialen Lernen. 

Vom Neesia-Stöckchen zum Supercomputer

Wie diese Geschichte ausgeht, wissen wir: an ihrem (vorläufigen) Ende steht der Homo sapiens, der moderne Mensch, mit seinen komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften mit ihrer institutionalisierten Weitergabe von Wissen durch Bildung und der professionalisierten Entwicklung von neuem Wissen an den Hochschulen und in Unternehmen. Das hat eine Weile gedauert, doch erdgeschichtlich ist es nur ein Wimpernschlag vom Neesia-Stöckchen zum Supercomputer.

Damit technische Wunderwerke wie der Computer entstehen konnten, brauchte es nicht nur Intelligenz, Werkzeuge und Zusammenarbeit, sondern auch Sprache. Simon Townsend vom Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft erforscht die Evolution der Sprache an der Schnittstelle von Linguistik und Biologie. Für ihn ist klar: «Tiere haben kein komplexes Sprachsystem wie wir Menschen.»  Was macht denn unsere Sprache so einzigartig? Die Schlüsselaspekte sind die Zuweisung von Bedeutung (Semantik) und die Struktur (Syntax), die es ermöglichen, mit einem beschränkten Satz an Zeichen und Lauten sehr viele verschiedene Dinge zu sagen.

Als vergleichender Linguist untersucht SNF-Förderprofessor Townsend, woher unser einmaliges Sprachsystem kommt, wie alt es ist und wie es sich entwickelt hat. Er tut dies, indem er die Kommunikation anderer Tierarten dokumentiert und vergleicht. Auf dem Menü stehen dabei unsere engsten Verwandten, die Schimpansen, genauso wie Vögel oder Erdmännchen.

«Über die Entstehung der Sprache wissen wir im Moment noch nicht viel», sagt Townsend und lacht. Denn das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich kann die Wissenschaft heute noch nicht erklären, wie und wann sich die menschliche Sprache entwickelt hat. Einige Wissenschaftler glauben, es handle sich um ein sehr junges Phänomen, das vor etwa 100 000 Jahren entstanden ist, eng verbunden mit der menschlichen Fähigkeit, abstrakt und symbolisch zu denken, die sich etwa in Höhlenmalereien manifestiert. «Daran glaube ich nicht», sagt Townsend, «die menschliche Sprache ist zwar einzigartig komplex, aber wir sehen Vorformen davon bereits bei Tieren.» Der entscheidende Punkt sei, dass auch unser komplexes Sprachsystem aus einfachen Komponenten bestehe, wie etwa der Kombination von Wörtern wie «duck and cover!» (in Deckung!) oder Vor- und Nachsilben, die Wörtern eine andere Bedeutung geben können (Vorspeise, sorgsam). Solche Formen gibt es auch bei Tieren. Für Townsend ein Indiz dafür, dass die Sprache in einem langen, evolutionären Prozess entstanden ist und nicht eines Tages «aus dem Kopf des Zeus entsprang», wie er es ausdrückt.

Schlangen mobben

Townsend und sein Team erforschen, wie Tiere kommunizieren und wie sich das mit der menschlichen Sprache vergleichen lässt. Ein aktuelles Beispiel ist die Forschung der Postdoktorandin Sabrina Engesser an Rotscheitelsäblern und Elsterdrosslingen. Die Rotscheitelsäbler, in Australien lebende Singvögel, können für sich bedeutungslose akustische Elemente verschieden kombinieren (AB oder BAB). Die Kombinationen haben unterschiedliche Bedeutungen. Die im Süden Afrikas heimischen Elsterdrosslinge wiederum verbinden zwei Rufe zu einem neuen. «Die Vögel haben einen Ruf, um auf kleine Gefahren aufmerksam zu machen, und einen zweiten, um andere Gruppenmitglieder zu sich zu rufen, etwa um Nahrung zu teilen», erklärt Townsend, «wenn sie die beiden Elemente zu einem Ruf kombinieren, bedeutet das: Grosse Gefahr, kommt und helft!» Das ist etwa der Fall, wenn eine Schlange auftaucht, die die Nester der Vögel plündern könnte. Auf den Ruf hin versammeln sich die Vögel schleunigst und vertreiben gemeinsam den Eindringling. Engesser nennt diese Rufkombination deshalb «Mobbing-Sequenz». «Das ist ein Beispiel dafür, dass auch Tiere aus bestehenden Lauten neue Strukturen mit eigener Bedeutung komponieren können», sagt Townsend.

Der andere zentrale Aspekt der menschlichen Sprache ist die Zuweisung von Bedeutung. Diese ist arbiträr, das heisst willkürlich – was sich beispielsweise daran zeigt, dass verschiedene Sprachen ganz unterschiedliche Wörter für dieselben Dinge nutzen, wie Baum/arbre/tree. Und wir können unsere Kommunikation entkoppeln von unseren emotionalen Zuständen. «Bisher ging man davon aus, dass Tiere dies nicht können», sagt Townsend. Mittlerweile weiss er es besser.

Affen und Äpfel

Townsend hatte die rare Gelegenheit, zu beobachten, was passiert, wenn zwei Affenrudel zusammenkommen: 2010 wurde die Schimpansengruppe im Zoo von Edinburgh ergänzt durch acht Affen aus einem Safaripark in Holland. Für die vergleichenden Linguisten interessant: Die Schimpansen aus Holland mochten Äpfel und reagierten darauf mit aufgeregten Grunzlauten, während für ihre Artgenossen in Edinburgh Äpfel keine Delikatesse waren – sie zeigten entsprechend wenig Begeisterung.

Mit der Zeit integrierten sich die beiden Affengruppen, die Vorlieben blieben jedoch dieselben. Doch innerhalb von drei Jahren hatten die zugezogenen Schimpansen ihren Ruf für Äpfel angepasst: Er klang weniger aufgeregt. «Das be-deutet: Obwohl sie immer noch aufgeregt sind, wenn’s Äpfel gibt, können sie Laute produzieren, die diese Aufregung nicht spiegeln», erklärt Townsend. Und die Affen sind in der Lage, mit einem anderen Laut auf die Äpfel zu reagieren.

Das heisst, sie können das Gleiche mit einem anderen Laut bezeichnen, was ein Hinweis auf Arbitrarität ist. Für Townsend belegen solche Beispiele, dass es im Tierreich Vorläufer und einfachere Grundformen der menschlichen Sprache gibt. «Wenn wir diese erklären können, können wir uns fragen, wie die komplexeren Formen entstanden sind.» Ganz grundsätzlich verläuft die Evolution der Sprache von den rudimentären Grundformen zu immer grösserer Komplexität. Diese wiederum ist ein evolutionärer Vorteil: «Wer besser kommuniziert, hat bessere Chancen zu überleben.» Die komplexe Sprache und Kommunikation haben es den Menschen ermöglicht, das Zusammenleben in immer grösseren Gruppen zu organisieren und Wissen weiterzugeben. Ohne komplexe Sprache keine komplexe Kultur. 

Über sich selbst nachdenken

Die Wurzeln dieser unvergleichlichen Entwicklung liegen, wie wir gesehen haben, im Tierreich. Viele Fähigkeiten, die den Menschen ausmachen und die menschliche Kultur und Gesellschaft ermöglichten, sind dort bereits angelegt. Dies macht die aktuelle Forschung immer deutlicher, auch wenn viele der grossen Fragen der Menschwerdung noch offen sind. Bei Tieren finden sich oft in einfachen Formen Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die uns Menschen aus-zeichnen, wie Intelligenz, Zusammenarbeit und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten. Dem Menschen ist es jedoch gelungen, diese zu potenzieren. Seine Intelligenz ermöglicht es ihm, vorausschauend zu planen und komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Die Fähigkeit zu Kooperation hat es ihm erlaubt, grosse, vielgestaltige Gesellschaften zu schaffen, und die Sprache sichert die Kommunikation, ohne die diese Gemeinschaften nicht funktionieren würden, und sie erlaubt die Tradierung von Wissen und kulturellen Zusammenhängen.

Vor allem aber hat der Mensch die Fähigkeit, über sich selber nachzudenken und die anderen Tiere und deren Verhalten zu erforschen und mit seinem eigenen zu vergleichen. Das tun die Forschenden an der UZH und anderswo. Dank ihnen wissen wir immer mehr über die Tiere und über uns selbst. Denn wie bereits Etienne de Condillac festgestellt hat: Wirklich interessant ist die Frage, was eigentlich der Mensch sei.

Thomas Gull und Roger Nickl, Redaktoren UZH Magazin

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