Ökonomie

Per SMS aus der Armutsfalle

Armut beeinträchtigt das Denken und Handeln. Wer arm ist, fällt oft falsche Entscheidungen und bleibt deshalb arm. Der brasilianische Ökonom Guilherme Lichand will das ändern – per SMS.

Thomas Gull

Armut
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Die kognitiven Kapazitäten sind absorbiert: Wer arm ist, muss sich dauernd damit beschäftigen, die Probleme zu bewältigen, die Armsein mit sich bringt. (Bild: Pixabay)

 

Armut macht dumm. Denn der Mangel und das Risiko, die damit einhergehen, beeinträchtigen die mentalen Fähigkeiten. Arm zu sein, wirkt sich negativ auf die Intelligenz aus und beschäftigt das Gehirn auf eine Weise, die dazu führt, dass wer arm ist, oft die falschen Entscheidungen trifft und deshalb arm bleibt.

«Wenn wir Wege aus der Armut finden wollen», erklärt der Ökonom Guilherme Lichand, «dann müssen wir verstehen, wie sie unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflusst.» Der Brasilianer ist Professor für «Child Well-Being and Development» an der UZH. Sein Lehrstuhl wird vom Kinderhilfswerk UNICEF Schweiz unterstützt. Lichands Mission ist, zu verstehen, wie sich Armut mental auswirkt, und er entwickelt konkrete Projekte, die helfen, ihre negativen Effekte zu überwinden.

Armut macht dumm – wie lässt sich diese Diagnose begründen? Es gibt zwei wissenschaftliche Methoden, um diese These zu überprüfen: Experimente im Labor, die bei Ökonomen beliebt sind, weil sie erlauben, unter kontrollierten äusseren Umständen unser Verhalten zu erforschen. Der Zürcher Ökonom Ernst Fehr hat mit Hilfe solcher Experimente bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen. Die zweite Möglichkeit ist die Feldforschung. Doch diese ist schwierig. Denn wo findet man eine grössere Zahl von Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen leben und mal arm, mal reich sind?

Heute arm, morgen reich

Fündig wurden die Wissenschaftler bei Zuckerrohrbauern im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Deren Lebenszyklus kommt der Versuchsanordnung von «heute arm, morgen reich» am nächsten. Denn sie ernten nur einmal im Jahr. Wenn sie ihre Ernte verkauft haben, sind sie für den Moment vergleichsweise wohlhabend. Das Geld muss jedoch für das ganze Jahr reichen, bis zur nächsten Ernte. Kurz davor sind sie dann in der Regel wieder bitterarm, auch weil es ihnen schwerfällt, das Geld über eine so lange Zeit einzuteilen und sinnvoll zu verwalten.

Die Forscher haben den IQ der Zuckerrohrfarmer kurz vor und kurz nach der Ernte verglichen. Das Ergebnis war eindrücklich: «Vor der Ernte wurden die Bauern als kognitiv beeinträchtigt eingestuft», erklärt Lichand, «nach der Ernte hatten sie wieder einen normalen IQ.» Armut macht also im wahrsten Sinne des Wortes dumm.

Eine Erklärung dafür liefert ein Laborexperiment. Das geht so: Probanden werden «geprimt», das heisst, sie werden mit einer bestimmten Information versorgt, die ihr Denken beeinflusst. Den einen wird gesagt, sie hätten einen Schaden, der für 100 Franken geflickt werden könne, den anderen, die Reparatur koste 1000 Franken. Jene, bei denen die Reparatur 1000 Franken kostet, gelten als «experimentell arm». «Sie sind gestresst», erklärt Lichand.

Mit dem Experiment werden die psychologischen Prozesse reproduziert, die mit Armut einhergehen. Wie sich zeigt, beeinflusst das Priming die kognitiven Fähigkeiten der Probanden: Diejenigen, die sich mehr Sorgen machen, schneiden schlechter ab, wenn das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit getestet werden. «Im Labor zeigt sich somit ein direkter Zusammenhang zwischen Armut und Kognition», bilanziert Lichand.

Wie eine Lampe im Kühlschrank

Doch weshalb wirkt sich Armut so verheerend auf unsere Fähigkeit aus, klar zu denken? «Unser Gehirn hat etwa so viel Energie wie eine Lampe im Kühlschrank», sagt Lichand. Das bedeutet: Die Kapazitäten unseres Denkorgans sind beschränkt. Die Frage ist, wofür sie eingesetzt werden. Wenn man sich Sorgen macht oder Angst hat, absorbiert das einen Teil der Aufmerksamkeit und man hat weniger Ressourcen für andere Denkprozesse.

Die Auswirkungen solcher Mangelerscheinungen sind nicht aufs Finanzielle beschränkt, wie ein anderes Experiment gezeigt hat. Wer wenig Zeit hat, eine Form von Armut, an der gerade viele materiell Reiche leiden – dessen kognitive Kapazitäten sind in vergleichbarer Weise absorbiert und reduziert.

Wer arm ist, muss sich tagtäglich in vielfältiger Weise damit beschäftigen, die Probleme zu bewältigen, die Armsein mit sich bringt. Woher kommt das Geld für das nächste Essen, die Wohnung, die Rechnungen? Sollen wir die Kinder impfen? Zur Schule schicken? Wo gibt es sauberes Wasser? Und so weiter. «Arme Menschen müssen viel mehr Entscheidungen fällen, die uns abgenommen werden, einfach weil wir in besseren Verhältnissen leben», sagt Lichand. Armut bindet deshalb viele mentale Ressourcen, die man gut für andere Dinge gebrauchen könnte.

Armut steuert und verändert also die Aufmerksamkeit. Guilherme Lichand hat daraus einen ganz praktischen Schluss gezogen: «Wenn dem so ist, bedeutet das auch, dass wir die Aufmerksamkeit beeinflussen können.» Konkret geht es darum, die besten Plätze in der Aufmerksamkeitsrangliste mit den richtigen Dingen zu besetzen. Etwa dem Schulbesuch der Kinder. Lichand hat dazu in São Paulo, Brasilien, eine gross angelegte Studie mit mehr als 19000 Schulkindern durchgeführt.

Aufmerksamkeit lenken

Das ging so: Die Kinder wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Die Eltern der einen Gruppe erhielten von den Lehrpersonen regelmässig detaillierte Informationen über den Schulbesuch ihrer Kinder, die zweite Gruppe zweimal pro Woche ein SMS mit dem Hinweis, der Schulbesuch sei wichtig, die dritte Gruppe bekam gar keine Nachrichten oder Informationen. Wie sich herausstellte, war das Verschicken von SMS die effizienteste und kostengünstigste Strategie, um den Fokus der Eltern auf den Schulbesuch der Kinder zu lenken. Diese Form der Aufmerksamkeitssteuerung wird als «Nudging» bezeichnet, was man mit «Anstossen» übersetzen könnte, oder anders formuliert, die SMS waren ein Denkanstoss für die Eltern: «Nicht vergessen, es ist wichtig, dass dein Kind zur Schule geht!»

Für Lichand ist entscheidend, dass der einfache Denkanstoss via SMS mindestens ebenso gut funktioniert wie das viel aufwändigere Informieren der Eltern durch die Lehrpersonen. Das ist teurer und oft auch kaum möglich, weil die Kommunikationsmittel fehlen. Ein Handy hat aber auch in Brasilien fast jeder. «Wir können auf einfache und kostengünstige Weise auch arme Eltern erreichen», sagt der Ökonom.

Erfolgreiche Denkanstösse

Die Denkanstösse sind ein phänomenaler Erfolg: Sie haben die Absenzen reduziert und das Lerntempo wurde um drei Monate beschleunigt. Das heisst, Kinder, deren Eltern angestossen wurden, waren am Ende des Jahres im Schulstoff drei Monate weiter. Und der wichtigste Effekt: Es blieb ein Drittel der Kinder weniger sitzen, die Repetitionsquote konnte von neun auf sechs Prozent gesenkt werden.

Das hat direkte finanzielle Konsequenzen. Für jedes Kind, das sitzen bleibt, muss der brasilianischen Staat rund 1300 Franken zusätzlich aufwenden. Umgerechnet auf alle Schulkinder spart der Staat damit pro Kind und Jahr 40 Franken. «Das Programm kostet aber nur drei Franken pro Kind», sagt Lichand und lächelt, «die Rendite dieser Investition liegt also bei etwa 1300 Prozent.» Das sollte ein attraktiver Anreiz sein, die Denkanstösse via SMS flächendeckend einzuführen – zum Nutzen der Kinder wie der Staatskasse. Ein vergleichbares Projekt läuft im Moment an der Elfenbeinküste, unterstützt von der Jacobs Foundation.

Mentale Armutsfalle

In einem Nachfolgeprojekt hat Lichand untersucht, wie die mentale Armutsfalle funktioniert. Den Eltern der Kinder, die während eines Jahres am erfolgreichen Nudging-Programm teilgenommen hatten, wurde angeboten, dieses fortzu-führen. Allerdings gegen Bezahlung. Der Betrag dazu, rund drei Franken, wurde ihnen auf ihr Handykonto gutgeschrieben. Sie konnten entscheiden, ob sie dieses Geld für das Programm einsetzen oder vertelefonieren wollten.

Das Nudging-Programm hatte nicht für alle Familien gleich gut funktioniert. Die einen profitierten stark davon, andere gar nicht. «Wie es bei welcher Familie wirkte, wussten wir dank der Auswertung unserer grossen Datensätzen sehr genau», sagt Lichand. Verblüffend war nun, dass die reichen Eltern – sie verdienen fünfmal mehr als den Minimallohn – ganz anders auf das Angebot reagierten als die armen Eltern, die weniger als den Minimallohn erhalten.

Die reicheren Eltern waren eher bereit zu investieren, wenn sie vorgängig vom Programm profitiert hatten. Die ärmeren Eltern hingegen investierten paradoxerweise, wenn das Programm nichts gebracht hatte. Je mehr sie davon profitierten, umso geringer war jedoch ihre Motivation, Geld für das neue Programm auszugeben. Hier zeigt sich, wie die mentale Armutsfalle funktioniert: Die Armen fällen falsche Entscheidungen. Weshalb, ist die Frage. Lichands Erklärung: «Die ärmeren Eltern sind offenbar stärker am kurzfristigen Gewinn – sprich dem Telefonguthaben – interessiert und verlieren den Blick auf die Langzeitwirkung – den Schulerfolg ihrer Kinder.»

Die Entscheidung der Armen konnte allerdings beeinflusst werden: Wenn man sie darüber informierte, in welcher Weise sie profitieren, entschieden sie gleich wie die Reichen. «Das unterstreicht, wie wichtig ist, was bei uns auf der mentalen Prioritätenliste ganz oben steht», sagt Lichand.

Auf jeden Fall hat der brasilianische Ökonom gezeigt, dass schon ganz einfache Denkanstösse eine grosse Wirkung haben können. In diesem Fall auf den Schulerfolg. Die Strategie des Nudging wird auch in anderen Bereichen angewendet. Etwa indem man den Leuten am Freitag, wenn sie ihren Lohn erhalten, ein SMS schickt mit dem Hinweis, mit dem Geld haushälterisch umzugehen und es nicht gleich wieder auszugeben. Ein Projekt, das Lichand mit der grössten öffentlichen Bank Brasiliens durchführt.

Launen des Schicksals

Um seine wissenschaftlichen Erkenntnisse im Alltag umzusetzen, hat Lichand in Brasilien die Firma M-Gov gegründet. Sie unterstützt die Regierung bei der Umsetzung von Projekten wie dem Eltern-Nudging per SMS.

Mit seiner wissenschaftlichen Arbeit zeigt Guilherme Lichand Wege auf, die aus der Armutsfalle führen können. Für ihn ist das auch eine moralische Verpflichtung: «In Brasilien gibt es immer noch 25 Millionen Menschen, die in Armut leben. Insbesondere Kinder haben nicht die gleichen Lebenschancen, wie beispielsweise ich sie hatte.» Das sei unfair: «Denn wohin wir geboren werden, ist Zufall. Die einen haben Glück, die anderen Pech. Und gerade Kinder können ihre Lebensumstände nicht selber beeinflussen.» Lichands Projekte helfen, die Mechanismen der Armut besser zu verstehen und die Launen des Schicksals zumindest etwas auszugleichen.

Thomas Gull ist Redaktor des UZH Magazins

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