Medizin

Neues Herz, neues Leben

Was bedeutet ein fremdes Herz im eigenen Körper? Herzchirurg Michele Genoni berichtete im Rahmen der Vorlesungsreihe des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie über seine Erfahrung mit Herzpatienten und von Alternativen zum Spenderherz.

Sabina Huber-Reggi

Herz
Das gesunde menschliche Herz pumpt das Blut in alle Zellen, um den Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Ist das Organ erkrankt, können Kunstherzen dessen Arbeit übernehmen. Forschende der UZH arbeiten daran, künstliche Herzen zu optimieren. (Bild: Heikenwaelder Hugo, Wikimedia Commons)

 

1967 war es eine Sensation: Als in Südafrika der Arzt Christiaan Barnard einem Mann ein neues Herz verpflanzte, schaffte er etwas bis dahin Unvorstellbares. Doch der Patient starb – trotz geglückter Operation – nach 18 Tagen an einer Lungenentzündung. Seitdem hat die Herzchirurgie enorme Fortschritte gemacht. Heute überleben mehr als 90 Prozent der Patienten und Patientinnen eine Transplantation. Die Lebensqualität ist im Allgemeinen sehr gut. Dank des Eingriffs können Menschen, die aufgrund eines zu schwachen Herzens todkrank waren, wieder ein normales Leben führen.

«Rein technisch handelt es sich heute bei der Herztransplantation um eine relativ einfache Operation, bei der grosse Gefässe miteinander verbunden werden», sagte Michele Genoni, Professor für Herzchirurgie an der UZH und Leiter der Klinik für Herzchirurgie des Stadtspitals Triemli. Wenngleich Organtransplantationen heute in der Gesellschaft weitestgehend akzeptiert sind, bleiben viele medizinische Herausforderungen: Neben möglichen Infektionen sind Abstossungsreaktionen und die Nebenwirkungen der Medikamente gefürchtet. Vor allem aber hat eine Transplantation immer auch Auswirkungen auf die Psyche.

Ein Leben mit fremdem Herzen

Schon zu den Pionierzeiten von Christiaan Barnard stellte man sich die Frage, ob man einem Menschen, der hirntot ist, das Herz herausnehmen darf. Eine Organtransplantation sei immer eine schwierige und emotionale Angelegenheit, so Genoni. Dies sowohl für die Angehörigen, die die Organe des Verstorbenen spenden, aber auch für die Chirurgen und für die Empfänger des Organs. Genoni schilderte in seinem Vortrag sehr eindrucksvoll, wie stark eine Herztransplantation das Leben der Patientinnen und Patienten verändert.

Es könne sogar zu Persönlichkeitsveränderungen kommen, sagte Genoni. Einer der Gründe: Vor der Operation warten Herzkranke teilweise jahrelang auf ein neues Herz. In dieser Zeit sind die Patienten auf Hilfe im Alltag angewiesen und sind ständig mit dem Tod konfrontiert. Einige Betroffene sterben bevor ein geeignetes Spenderherz gefunden wird. Die Kranken müssten eine lange Zeit der Angst und der Unsicherheit ertragen. Dann komme plötzlich der Anruf vom Spital, die Operation finde innerhalb weniger Stunden statt. «Nach der Transplantation sind die Patienten glücklich und überwältigt, dass sie weiterleben dürfen, und dass sie wieder leistungsfähig sind», so Genoni. Ausnahmlos alle seien sehr dankbar für das Geschenk, das sie bekommen hätten.

Es gebe aber auch die Schattenseite: Der Alltag verändere sich drastisch. Jetzt können die Patientinnen und Patienten wieder für sich selbst sorgen, sie sind nicht mehr wie vorher auf Hilfe von Anderen, beispielweise vom Partner angewiesen. Eigentlich sind es positive Veränderungen, die aber im Zusammenleben mit den Mitmenschen doch eine Herausforderung darstellen können. Nicht zuletzt sei es die Auseinandersetzung mit dem fremden Organ, was vielen Patienten zu schaffen mache. «Die Transplantierten spüren neu das Herz schlagen. Aber sie spüren ein Herz schlagen, das nicht ihres ist», sagte Genoni, «und sie verdanken ihr Leben dem Tod eines anderen Menschen». Diese problematische Ausgangslage verlange eine enge psychologische Begleitung.

Genoni
Eine Herztransplantation ist auch eine emotionale Angelegenheit, sagt Michele Genoni, Professor für Herzchirurgie an der UZH und Leiter der Klinik für Herzchirurgie des Stadtspitals Triemli.

Die Suche nach Alternativen: Das Kunstherz

Eine Alternative zur Transplantation könnte in Zukunft ein Kunstherz sein. Kunstherzen werden schon seit Jahren zur Überbrückung der Wartezeit auf ein Spenderherz eingesetzt. Dabei handelt es sich um eine mechanische Pumpe, die ans Herz angeschlossen wird, um seine Leistung zu erhöhen. Das Kunstherz ist durch Kabel mit einer externen Energiequelle verbunden.

Obwohl Kunstherzen als Überbrückung durchaus lebensrettend sind und zudem die Lebensqualität steigern, bringen sie doch viele Risiken mit sich. Das Blut im Spenderherzen tendiert beispielweise dazu, zu gerinnen, was zu Schlaganfällen und Embolien führen kann. Auch die Infektionsgefahr ist beträchtlich. Dies vor allem aufgrund der Austrittspforten für die Kabel unterhalb des Bauchnabels. Unter diesen Umständen kann ein Kunstherz heute noch nicht als langfristige Alternative zum Spenderherz betrachtet werden. Viele Forschende arbeiten daran, die Technik zu verbessern. So hat auch das grosse interdisziplinäre Projekt «Zurich Heart» zum Ziel, die Technik so weit zu optimieren, dass beispielsweise eine Energiezufuhr ohne Leitung nach aussen möglich wird.

Dies würde die Lebensqualität erheblich steigern und vor allem das Infektionsrisiko reduzieren. Zudem soll sich das zukünftige Kunstherz an die individuelle Leistungsfähigkeit des Patienten automatisch anpassen und durch verbesserte Materialien keine Blutgerinnsel verursachen. Der Weg dahin ist noch lang aber vielversprechend.

Vorlesungsreihe: Wissen-schaf(f)t Wissen

Nächste Veranstaltungen

«Selbstlernende Computer in der Medizin – Hype oder Realität?»
9.04.2018, mit Prof. Dr. Joachim Buhmann, Professor für Computer Sciences am Institut für maschinelles Lernen der ETH Zürich

«Herzinsuffizienz - neue Einsichten, attraktive Aussichten»
11.06.2018, mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Frank Ruschitzka, Chefarzt und Direktor der Klinik für Kardiologie des Universitätsspitals Zürich

Sabina Huber-Reggi ist Geschäftsführerin des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie (ZIHP)

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