Wirtschaftsgeographie

Arbeiten wie die Bohème

Kreativ sind heute nicht mehr nur Designer und Künstlerinnen. Kreativität ist demokratisiert worden, sagt Catherine Robin. Die Wirtschaftsgeografin hat untersucht, wie kreative Menschen arbeiten – siehe dazu auch das Video.

Roger Nickl

Kreativ zu arbeiten ist heute erstrebenswert und angesagt, hat aber auch seine Schattenseiten, wie die UZH-Wirtschaftsgeografin Catherine Robin erklärt. (Video: Brigitte Blöchlinger)

Bücher für kreatives Kochen, Kurse für kreatives Schreiben, Ratgeber, die Kreativitätstechniken vermitteln – es gibt heute einen regelrechten Hype um die Kreativität. «Wir wollen und sollen alle kreativ sein», sagt Catherine Robin, «es gibt heute einen grossen Kreativitätswunsch, niemand möchte ein Gewohnheitstier sein, gleichzeitig existiert aber auch der Kreativitätsimperativ: Sei innovativ!» Das gilt insbesondere für die Arbeit. Die Wirtschaftsgeografin hat sich in einer Studie mit der Frage beschäftigt, wie Kreativität heute am Arbeitsplatz gelebt wird und wie sie sich auswirkt.

Flachere Hierarchien, mehr Freiräume

Die Arbeitsformen haben sich in westlichen Ländern seit der Mitte des letzten Jahrhunderts massiv verändert. Fabriken gibt es in den Schweizer Städten heute kaum noch, an die Stelle der Industrie trat die Dienstleistungs- und Wissensökonomie. Und in die leerstehenden Fabrik gebäude der ehemaligen Industrieunternehmen in den Stadtzentren ist die Kreativwirtschaft eingezogen. Es entstanden Architekturbüros, Künstler- und Designerateliers und innovative IT-Kleinunternehmen – in Zürich etwa im Maag- oder im Löwenbräuareal und in vielen anderen Industriebrachen, die umgenutzt wurden. Mit diesem Wandel von der industriellen zur wissensorientierten Arbeit verbunden ist auch die steigende Nachfrage nach kreativem Denken.

«Unterstützt wurde diese Entwicklung durch die Innovationsforschung in den USA», sagt Catherine Robin, «sie setzte seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr allein auf Wissen und Intelligenz, wenn es um die Frage ging, wie neue Ideen entwickelt werden, sondern zunehmend auch auf die Kreativität.»

Demokratisierung der Kreativität

Den grossen ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Erzählungen über die kreative Arbeit und ihren Stellenwert in der Gesellschaft wollte die Wirtschaftsgeografin Catherine Robin die kleinen, subjektiven Erzählungen von kreativen Menschen gegenüberstellen. In ihrer Dissertation ging sie der Frage nach, welchen Stellenwert Kreativität in verschiedenen Berufswelten heute in der Schweiz hat und was es für die Menschen selbst bedeutet, kreativ zu arbeiten.

In den Gesprächen, die die Wirtschaftsgeografin mit den verschiedenen Berufsleuten führte, zeigte sich, dass Kreativität tatsächlich in allen Branchen, die sie in den Blick genommen hat, eine wichtige Rolle spielt. Insofern bestätigt sich im Blick auf die Einzelnen die Demokratisierung der Kreativität, die von ökonomischen und sozial-wissenschaftlichen Studien diagnostiziert wurde. Die Vorstellungen allerdings, was mit dem Kreativsein gemeint ist, unterscheiden sich bei den einzelnen Berufsleuten jedoch erheblich. Sie reichen vom klassischen künstlerischen Gestalten über das qualitativ hochwertige handwerkliche Arbeiten, das Lösen von Problemen oder Aushecken von Strategien bis zur Möglichkeit, frei und selbständig entscheiden zu können.

In den Interviews, die die Wirtschaftsgeografin mit den Berufsleuten führte, zeigte sich auch, dass die künstlerische Kreativität – quasi die Urform des Kreativseins – heute immer noch ein hohes Ansehen geniesst und geradezu mystifiziert wird. «Wer gute Ideen hat oder etwas Kunstvolles schafft, erntet immer noch grosse Bewunderung», sagt Catherine Robin, «und weil das so ist, ist es positiv für das Selbstwertgefühl, wenn das eigene Tun kreative Züge trägt.» Auch wenn im Arbeitsalltag vieler meist nur kleine kreative Brötchen gebacken werden und es selten um den grossen innovativen Wurf geht.

Persönlicher Gewinn

Viel wichtiger als das soziale Ansehen, das das Kreativsein verspricht, ist sowieso der persönliche Gewinn, der durch die kreative Arbeit winkt, hat die Forscherin herausgefunden: «Viele setzen Kreativität heute mit erfüllter Arbeit gleich», sagt Catherine Robin, «Kreativität steht für die Freude, an dem, was man gerade tut, um es zum Gelingen zu bringen – sei dies das Schreiben eines Textes, das Schreinern eines Tischs oder das Durchführen eines chirurgischen Eingriffs.» So gesehen hat Kreativität sehr viel mit Zufriedenheit und Arbeitsglück zu tun.

Die Zufriedenheit, die das kreative Arbeiten verspricht, hat aber auch ihren Preis. Dies hat Catherine Robin vor allem bei Selbständigen aus klassischen Kreativwirtschaftsbranchen festgestellt, die sie befragt hat. Sie sind finanziell oft nur schlecht abgesichert und beispielsweise bei Auftragslücken entsprechend verwundbar. «Dennoch sind viele sehr zufrieden mit ihrer Arbeitssituation», meint Robin, «sie leben bewusst bescheiden – um das zu tun, was sie wollen, verzichten sie auf ein Auto oder die Ferien auf Bali.»

Wie Catherine Robins Studie zeigt, kann das kreative Arbeiten seine Tücken haben. Für viele hat der Kreativitätszuwachs in der Arbeitswelt aber durchaus einen positiven Effekt, weil Kreativität mit einem sinnvollen und erfüllten Tun verbunden wird. Damit das Kreativsein am Arbeitsplatz letztlich zufrieden macht, braucht es jedoch ein gesundes Mittelmass, ist Catherine Robin überzeugt. «Wenn man nur noch von kreativer Herausforderung zu kreativer Herausforderung stolpert, macht die Arbeit keinen Spass mehr», sagt die Forscherin. Das gilt für Künstlerinnen genauso wie für Bauarbeiter.

Roger Nickl, Redaktor UZH Magazin

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