Paul Krugman an der UZH

Katerstimmung in Europa

Der bekannte Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman analysierte an der UZH die Ursachen der wirtschaftlichen Krise Europas. Sein Rezept: Eine Ausweitung der Fiskalpolitik.

Marita Fuchs

Paul Krugman
Paul Krugman
Plädiert in seinem Vortrag in der UZH-Aula für eine europäische Transferunion: Paul Krugman. (Bild: zVg)

In der Aula der Universität Zürich formulierte vor 70 Jahren Churchill seine Vision von einem vereinten Europa. Heute ist die Europäische Union längst Realität. Allerdings steckt sie in einer schwerwiegenden Krise.

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sprach am vergangenen Donnerstag in der Aula über die Frage «Can Europe Be Saved?». Krugman war auf Einladung des «UBS International Center of Economics in Society» gekommen. Sein Vortrag zog zahlreiche Besucherinnen und Besucher an, die Aula füllte sich rasch, der Vortrag wurde in mehrere Hörsäle übertragen. UZH-Professor Fabrizio Zilibotti begrüsste den berühmten Gast, der als Begründer der «Neuen Ökonomischen Geographie» gilt.

Leiden unter Lowflation

Nach dem Kollaps von Lehman Brother 2008 wirke in Europa heute immer noch die Finanzkrise nach, sagte Krugman zu Beginn. Vielleicht überdecke aber auch die anhaltende Krise das Übel, das durch grundsätzliche strukturelle Probleme der Europäischen Währungsunion selbst verursacht werde. Der ‚Kater’ nach der Krise halte bereits viel zu lange an, die hohe Arbeitslosigkeit in einzelnen europäischen Ländern sei ein schwerwiegendes Problem. Rein makroökonomisch gesehen leide Europa unter einer so genannten Lowflation, einer längeren Phase sehr niedriger Inflation, obwohl die Europäische Zentralbank seit 2015 die Basisgeldmenge erhöht habe. Für Zentralbanken ist eine Inflation von etwa 2 Prozent Garant für Preisstabilität. Im Jahr 2015 lag die Inflation in der Eurozone bei 0,0 Prozent.

Doch vom baldigen Zerfall der Währungsunion sei nicht auszugehen, sagte Krugman, der politische Zusammenhalt in Europa sei – trotz Krise – relativ gross. Tatsächlich sei den Ministern, Kanzlern und Präsidenten auf ihren Gipfeltreffen bislang immer etwas eingefallen, wenn es eng wurde – und wenn nicht ihnen, dann Notenbankchef Mario Draghi.

Die Ursache der Eurokrise sei nicht in der hohen Staatsverschuldung zu suchen, betonte der amerikanische Starökonom. Als Beispiel führte er Griechenland und Finnland ins Feld. Die Finnen hätten nicht – wie es häufig von den Griechen behauptet würde – über ihre Verhältnisse gelebt und Staatsschulden angehäuft. Trotzdem seien sie, wie die Griechen, von einer Krise eingeholt worden. In Finnland sei das durch den Abbau Tausender Arbeitsplätze des Telekom-Ausrüsters Nokia und zusätzlich durch die nachlassende Nachfrage nach dem wichtigem Exportgut Papier erfolgt.

Euro als Fessel

Doch wie sollen Länder wie Finnland wieder aus der Krise kommen? Sie müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen, sagte Krugman. Da gebe es zwei Wege: entweder durch den Abbau des Lohn- und Preisniveaus oder durch die Abwertung der eigenen Währung. Letzteres sei im Euro-Verbund aber nicht möglich, da alle dieselbe Währung, den Euro, haben. Das Ergebnis dieses Dilemmas sei Deflation, Rezession und eine hohe Arbeitslosigkeit. Länder wie etwa Italien, Portugal oder Spanien gehe es ähnlich wie den Finnen.

Ein weiteres Problem sei die fehlende Transferunion, wie sie etwa in der Schweiz zwischen den Kantonen bestehe. Dabei verpflichten sich die verbündeten Staaten zu einem regelmässigen Finanzausgleich. Die Starken helfen den Schwachen. Doch davon sei in Europa nicht die Rede. «Ich bin jetzt 63 Jahre alt», sagte Krugman mit dem ihm eigenen Schalk, «doch eine Fiskal- oder Transferunion in Europa werde ich wohl nicht mehr erleben.»

Krugman – Diktator auf Zeit

Der Wirtschaftsprofessor entwarf auch Lösungsansätze und schlug als Rezept die Ausweitung der Fiskalpolitik vor. Damit könnten die Staaten durch Beeinflussung von Steuern und Staatsausgaben die konjunkturellen Schwankungen ausgleichen. Japan habe es vorgemacht. Im Lande Nippons habe man durch staatliche Investitionen in Bauten und Infrastruktur die Arbeitslosigkeit niedrig gehalten.

Anstatt auf Fiskalpolitik setze Europa aber fälschlicherweise auf Austerität, sprich: auf Sparprogramme. Scherzhaft schlug Krugman zum Schluss seiner Ansprache vor, dass man ihn für zwei Jahre zum Diktator wählen könne, er würde dann mit einer geeigneten Fiskalpolitik die Inflationsrate wieder auf Vordermann bringen.

Marita Fuchs ist Redaktorin UZH News

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