Universitäres Kinderspital Zürich

Wenn die Armut brennt

Das Kinderspital Zürich hilft einem Spital in der afghanischen Hauptstadt Kabul, brandverletzte Kinder besser zu betreuen. Nach der Renovation der Räumlichkeiten sollen jetzt die Mitarbeitenden geschult werden.

Adrian Ritter

Behandeln in Kabul beziehungsweise Zürich Kinder mit Brandverletzungen: Habib Ur Rahman Qasim vom Indira Gandhi Children's Hospital (links) und Clemens Schiestl vom Kinderspital Zürich. (Bild: Adrian Ritter)

Für einmal ist es nicht der Terror oder der Bürgerkrieg. Die Kinder, die Habib Ur Rahman Qasim zu sehen bekommt, haben sich zumeist zuhause am offenen Feuer verbrannt. Sie werden am Indira Gandhi Children's Hospital in der Hauptstadt Kabul behandelt. Habib Ur Rahman Qasim ist Kinderchirurg und Leiter der dortigen Station für brandverletzte Kinder.

Für eine angemessene Behandlung allerdings fehlt es in Kabul an allen Ecken und Enden an Infrastruktur und Wissen. Rund jedes zweite Kind stirbt auf der Station von Habib an seinen Verletzungen, nicht zuletzt wegen der schlechten hygienischen Bedingungen. Schon oft war Habib über die Zustände am Spital so verzweifelt, dass er Afghanistan am liebsten verlassen hätte – wie so viele andere Ärzte auch.

Dann aber brachte ihn ein Arztkollege mit Clemens Schiestl in Verbindung, dem Leiter des Zentrums für brandverletzte Kinder am Kinderspital Zürich. Daraus entstand ein intensiver Austausch über die jeweilige, so unterschiedliche Behandlungssituation – inklusive eines gegenseitigen Besuches in Kabul und Zürich. Als zusätzlicher Brückenbauer erwies sich dabei das Koordinationsbüro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Kabul.

Konnten dank Spenden saniert werden: Behandlungsräume für brandverletzte Kinder in Kabul. (Bild: zVg)

Eine eigene Station

Das Kinderspital Zürich ist führend in der Behandlung von brandverletzten Kindern und in der Forschung zu Ersatzhaut bei schweren Verbrennungen (vgl. Kasten). Für Clemens Schiestl war nach der Afghanistan-Reise im Jahre 2014 klar, dass er mithelfen möchte, die Behandlungsmöglichkeiten am Spital in Kabul zu verbessern.

Das ist inzwischen bereits geschehen. Mit Geldern einer Stiftung konnte die räumliche Infrastruktur saniert werden. Vorher fand die Behandlung brandverletzter Kinder in zwei Zimmern, vor allem aber auf dem Spitalgang in der Chirurgischen Klinik statt. Die Kinder lagen dabei nicht selten zu zweit in einem Bett.

Mit der Sanierung entstand eine eigentliche Station für brandverletzte Kinder mit sechs Zimmern. Die Mortalität der verletzten Kinder ist seit der Eröffnung im November 2014 allerdings nicht gesunken: Es hat sich herumgesprochen, dass die Behandlung besser wird, weshalb auch Eltern mit schwerst verbrannten Kindern nicht mehr versuchen, nach Pakistan oder Indien zu gelangen, sondern die Hilfe von Habib suchen.

Rund 500 Kinder suchen jährlich wegen Brandverletzungen die Klinik in Kabul auf. (Bild: zVg)

Schulung und Geräte

Im nächsten Schritt wird es für Habib jetzt darum gehen, seine Mitarbeitenden mit Hilfe des Kinderspitals Zürich besser zu schulen. Weitere Spenden sollen zudem dazu verwendet werden, chirurgische Geräte zu beschaffen.

In Ausnahmefällen kann sich Clemens Schiestl auch vorstellen, dass ein Kind zur Behandlung ans Kinderspital Zürich geflogen wird. Vor allem aber will er Hilfe zur Selbsthilfe leisten für eine bessere Behandlung vor Ort.

Es ist ein Anfang, denn die Situation im Spital in Kabul ist nicht nur auf der Station von Habib Ur Rahman Qasim desolat. So gibt es im ganzen Spital keine psychologische Betreuung für die kleinen Patientinnen und Patienten. Und eine medizinische Erstversorgung bei Unfällen im Sinne einer Ambulanz existiert in Afghanistan ebenfalls nicht. Trotzdem hat Habib Ur Rahman Qasim seit dem Kontakt in die Schweiz neue Hoffnung und Energie für seine Arbeit mit den Kindern.

Spenden für die Station für brandverletzte Kinder

Das Indira Ghandi Children's Hospital in Kabul wurde 1966 von der indischen Regierung erbaut. In der Zwischenzeit haben sich nach all den Kriegswirren in Afghanistan die indischen Ärzte aber zurückgezogen. Für Spenden an die die Station für brandverletzte Kinder am Indira Gandhi Children's Hospital hat die Eleonorenstiftungdes Kinderspitals Zürich ein eigenes Konto eingerichtet: Postkonto 84-222211-3; Vermerk «Afghanistan».

Ersatzhaut aus der Petrischale

Mit viel Erfolg arbeiten Forschende der Universität Zürich – unter ihnen auch Clemens Schiestl –  seit 14 Jahren am Ziel, Ersatzhaut aus der Petrischale zu entwickeln. Die Ersatzhaut soll bei Verbrennungen und Hautstörungen transplantiert werden können. Bei Verbrennungen dritten Grades wird die Haut derart schwer geschädigt, dass sie sich nicht mehr aus der eigenen Substanz regenerieren kann. Entsprechende Transplantate durchlaufen bereits erste klinische Studien. Die Forschung wird unterstützt vom Klinischen Forschungsschwerpunkt «Novel tissue engineered skin grafts for Zurich».

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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