Lecture of Economics in Society

Vom Ende der Barbaren

Das Thema «Ökonomie von Krieg und Frieden» stand im Zentrum eines wissenschaftlichen Forums, das am Montag in Zürich stattfand. Das «UBS International Center of Economics in Society» hatte dazu bekannte Persönlichkeiten wie Nobelpreisträger Mohamed ElBaradei, Bundesrat Didier Burkhalter und den Evolutionspsychologen Steven Pinker eingeladen. Pinker erläuterte seine These eines «neuen Friedens».

Marita Fuchs1 Kommentar

Vermutet, dass in Zukunft zwischenstaatliche Kriege sowie Gewalt gegen Frauen und Kinder seltener auftreten: Evolutionspsychologe Steven Pinker. (Bild: zVg)

Nach den erschütternden Anschlägen in Paris ist die Welt erneut mit gewaltsamen Attentaten und Terror konfrontiert. Doch nicht nur das, auch weitere Konflikte wie Bürgerkriege in Afrika, im Nahen Osten oder der Ost-West-Konflikt in der Ukraine lässt die Hoffnung fahren, die viele nach dem Ende des Kalten Krieges hatten: die Hoffnung auf Frieden.

Anders sieht es der Evolutionspsychologe und Bestseller-Autor Steven Pinker. In seinem Abschlussvortrag am gestrigen Ökonomie-Forum des UBS International Center of Economics in Society begründete er seine These vom Rückgang der Gewalt im Laufe der Zivilisation.

Diese nach den Anschlägen von Paris geradezu provozierende These des Harvard-Professors traf auf offene Ohren. Der Saal des «Kaufleuten» in Zürich war bis zum letzten Platz gefüllt. Nach dem Vortrag gab es einige Wortmeldungen, die Pinker auf die Terroranschläge ansprachen und fragten, wie der Terror mit seiner These zu vereinbaren sei.

Der Evolutionspsychologe betonte, dass trotz der schrecklichen Ereignisse die Terrorgefahr überschätzt werde. Das Risiko, auf der Strasse zu sterben, sei viel höher, als durch einen Terroranschlag. Das liege auch an der medialen Berichterstattung, die die Menschen immer wieder mit Terrormeldungen konfrontieren, bis die Angst davor ins Irrationale steige und die Bürgerinnen und Bürger das Gefühl für das wirkliche Ausmass dieser Form von Gewalt verlieren.

Linearer Fortschritt

Pinker ging im Folgenden weit in die Kulturgeschichte der Menschheit zurück und belegte seine These vom Rückgang der Gewalt mit vielen Statistiken. So habe – ganz anders als heute – in der Zeit der Jäger und Sammler die Gefahr, eines gewaltsamen Todes zu sterben, bei etwa 50 Prozent gelegen. Der Harvard-Professor zeichnete nach, wie mit der Entstehung des modernen Staates ein Prozess einhergegangen sei, den der Soziologe Norbert Elias als «Prozess der Zivilisation» bezeichnet habe. Folter, Kriege, Mord, Völkermorde, rassistische Gewalt, Kindstötung, Gewalt gegen Frauen, Verbrechen gegen Homosexuelle und das qualvolle Töten von Tieren seien im Laufe der Geschichte abgeschwächt und geächtet worden.

Den Grund für diese Fortentwicklung verortete Pinker im humanitären Fortschritt, in der Unwissenheit abgebaut und Aberglauben entlarvt wurden. Das habe dazu geführt, dass sich die Gewaltbereitschaft verringerte. Zudem habe der Buchdruck und die Möglichkeit, Bücher zu lesen und sich damit das Gedankengut anderer anzueignen, dazu geführt, Empathie zu empfinden. So hätten die Menschen gelernt, ihre gewalttätigen Triebe immer mehr zu kontrollieren.

Lange Phase des Friedens

Der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert bescheinigte Pinker eine lange Phase des Friedens. In dieser Zeit hätten die Häufigkeit zwischenstaatlicher Kriege und die Opferzahlen pro Krieg abgenommen. «Und die Menschenrechte gewannen immer mehr an Bedeutung», betonte Pinker. Gefördert werde dieser Prozess durch die Demokratien, den Handel zwischen den Ländern und die internationalen Verknüpfungen untereinander. Zudem habe sich die Haltung gegenüber Krieg an sich geändert. Er erscheine nicht mehr als heroisch, sondern als dumm und grauenhaft.

Referierte ebenfalls an der Veranstaltung zum Thema «Ökonomie von Krieg und Frieden»: Nobelpreisträger Mohamed ElBaradei. (Bild: zVg)

Motive der Gewalt oder Gewaltverzicht

Pinker wäre nicht Evolutionspsychologe, wäre er in seinem Vortrag nicht auch auf die Ursachen von Gewalt an sich eingegangen. Aggression und Gewalt gehörten zur menschlichen Natur, sagte er. Motive für Gewalt seien zum Beispiel das Bestreben, andere zu übervorteilen, sie auszuplündern oder zu berauben, aber auch Dominanzverhalten könne eine Rolle spielen oder das Bedürfnis nach Rache. Ebenso könnten Ideologien wie militante religiöse Vorstellungen oder übertriebener Nationalismus Gewalt verursachen.

Auf der anderen Seite stehe jedoch das, was Pinker als «Our Better Angels», unsere besseren Engel, bezeichnete: Selbstkontrolle, Empathie, Vernunft und moralisches Empfinden. Der Mensch schätze jeweils ab, was ihm mehr bringe, Gewalt oder Gewaltverzicht. Mit Better Angels sprach Pinker gleichzeitig sein 2011 erschienenes Buch «The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined» an.

Zukunft der Gewalt

Obwohl er als Wissenschaftler keine Voraussagen über die Zukunft machen könne, möchte er doch von «Engeln» sprechen, die ihn optimistisch stimmen würden, sagte Pinker zum Schluss seines Vortrags. Bestimmte Formen der Gewalt seien stark zurückgegangen, so etwa Menschenopfer, Kannibalismus, Sklaverei oder öffentliche Folter. Und er vermute, dass in Zukunft zwischenstaatliche Kriege zurückgehen würden, ebenso Gewalt gegen Frauen und Kinder. Allerdings sei zu befürchten, dass Bürgerkriege und Terrorismus in nächster Zeit nicht abnähmen. Man müsse den historischen Verlauf im Auge behalten, bilanzierte Pinker. Die Reduktion von Gewalt verlaufe nicht linear und unaufhaltsam, sondern kontinuierlich über eine lange Zeit.    

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

1 Leserkommentar

Francisca Loetz schrieb am historisch nicht überzeugend In der Geschichtswissenschaft haben die populären Thesen Pinkers aufgrund ihrer grossen methodischen Mängel nicht überzeugt. Einfach nachzulesen u.a. unter: http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-17445?title=s-pinker-the-better-angels-of-our-nature&recno=2&q=pinker&sort=newestPublished&fq=&total=2">oder in den Feuilletons grosser Tageszeitungen: https://www.perlentaucher.de/buch/steven-pinker/gewalt.html.

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