Insomnie

Schlafmittel sind keine Lösung

Erlerntes festigen und Unwichtiges entfernen – dies sind wichtige Aufgaben des Schlafs. Wie sich Schlafmangel auf Geist und Körper auswirkt, erklärte der Neurologe Christian Baumann in seinem Vortrag in der Reihe «Wissen-schaf(f)t Wissen».

Christina Giger

Endlich ruhig schlafen: Am klinischen Forschungsschwerpukt «Schlaf und Gesundheit» der UZH werden neue Therapien zur Behandlung von Schlafstörungen entwickelt. (BIld: Robert Huber)

Schlaf ist nicht nur wichtig für die Erholung von Geist und Körper. Die nächtliche Auszeit ist auch essentiell, um Erlerntes zu festigen. Studien zeigen eindrücklich, dass man zum Beispiel neu erlernte Fingerfertigkeiten erst wirklich beherrscht, nachdem man geschlafen hat. Ein paar Stunden nach dem Training waren die Probanden zwar schon besser, aber richtig gut sass das Erlernte erst, nachdem sie eine Nacht geschlafen hatten. Auch Schadstoffe und schädliche Proteine werden über Nacht aus den Hirnzellen entfernt. Wichtige Nervenverbindungen werden gestärkt, unwichtige gekappt. Das Hirn wird aufgeräumt. «Der Schlaf ist also sozusagen der Hausmeister des Gehirns», sagte Christian Baumann an seinem Vortrag. Baumann ist Professor für Neurologie und Leiter der Parkinson- und Schlafforschung an der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich.

Mehr Fehler, risikofreudiger und krank

Wer sich zu wenig Bettruhe gönnt, bei dem kann der Schlaf seine wichtigen Funktionen nicht mehr erfüllen. Je weniger ein Mensch schläft, desto mehr Fehler macht er bei einfachen Tests, wie Studien von Zürcher Schlafforschern zeigen. Ausserdem waren Probanden mit hohem Schlafentzug auch viel risikofreudiger als Personen, die genug geschlafen hatten. «Welchen Einfluss das auf politische oder wirtschaftliche Entscheidungen hat, mag ich mir gar nicht vorstellen», kommentierte Baumann Bilder von deutlich unausgeschlafenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich häufig sogar damit brüsten, mit wenig Schlaf auszukommen.

«Schlaf ist der Hausmeister des Gehirns», sagt Christian Baumann, UZH-Professor für Neurologie und Leiter der Parkinson- und Schlafforschung an der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich. (BIld ZvG)

Ebenso wie der Geist leidet auch der Körper unter chronischem Schlafmangel. Wenn der «Hausmeister» nachts nicht mehr aufräumen kann, können sich schädliche Stoffe im Körper ablagern und zu Diabetes, Alzheimer und anderen Krankheiten führen. In einem Mausmodell verschlimmerte sich die Alzheimer-Krankheit bei wenig Schlaf. Schliefen die Mäuse hingegen tiefer und länger, wurde das Fortschreiten der Krankheit gebremst.

Mehr Schlaf im Bunker

Aber schlafen wir wirklich zu wenig? Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung gibt an, nachts sieben bis acht Stunden zu schlafen. In einer Studie aus den USA verbrachten Probanden zwei Wochen in einem Tageslicht-abgeschirmten Raumsystem, ohne Zeitgeber wie Telefone oder Uhren. Sie durften schlafen und wach sein, wann sie wollten. Die jüngeren Probanden schliefen im Schnitt 8.9 Stunden pro Nacht. Dies zeigt deutlich, dass der Körper eigentlich mehr Schlaf benötigen würde, als ihn sich die meisten Menschen gönnen. Bei Schlafstörungen regelmässig Medikamente einzunehmen, sei keine Lösung, sagte Baumann. Die Gefahr der Abhängigkeit und Toleranz sei zu gross. Vielmehr empfiehlt er beispielweise eine Verhaltenstherapie. Dabei geht der Arzt den Ursachen der Schlafstörung nach. Der Patient lernt, am Abend besser abzuschalten, um entspannt ein- und durchschlafen zu können, damit der «Hausmeister» Schlaf seine Arbeit verrichten kann.

Christina Giger ist wissenschaftliche Koordinatorin beim Zürcher Zentrum für Integrative Humanphysiologie (ZIHP).

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