Saga-Konferenz

Kulturvermittler im Drachenboot

Die Wikinger kamen weit herum, sie entdeckten unter anderem Island und Neufundland. Wie ihr Weltbild in die Literatur einfloss, war Thema der grossen Saga-Tagung, die an den Universitäten Zürich und Basel stattfand.

David Werner

Die Wikinger faszinieren noch heute: Behelmte Krieger an einem Wikinger-Festival. (Bild: Wikipedia)

In den Köpfen leben sie noch immer – die behelmten, bärtigen Nordmänner, die im frühen Mittelalter mit ihren Drachenbooten die Küsten Europas heimsuchten. Speziell in Island beruft man sich gern auf die Wikingertradition. So nannten sich zum Beispiel die Isländischen Hochrisiko-Investoren zur Zeit des Banken-Booms stolz «Utrasarvíkingar». Dann kam die Finanzkrise, und die modernen Wikinger erlitten Schiffbruch. Wagemut, Triumph und Niederlage – das lag in diesen dramatischen Tagen um 2008 so nah beieinander wie in einer altnordischen Saga.

Erstmals in der Schweiz

Die mittelalterlichen Erzählungen aus Island und Norwegen haben ihre Faszinationskraft bis heute bewahrt – auch für die Literaturwissenschaft. Alle drei Jahre treffen sich die Nordistinnen und Nordisten aus der ganzen Welt zu einer internationalen Saga-Konferenz. Dieses Jahr fand sie erstmals in der Schweiz statt. Geleitet wurde die Tagung von Jürg Glauser, Professor für Altnordische Philologie an den Universitäten Zürich und Basel. Fast dreihundert Forscherinnen und Forscher aus aller Welt nahmen teil, über 200 Referate wurden gehalten.

Das Schwerpunktthema «Saga and Space» stiess bei den Forschenden laut Jürg Glauser auf grosse Resonanz. «Die Frage, wie die Raumkategorie in Literatur und Kunst medial rekonstruiert, erzählt und vermittelt wird, hat gegenwärtig in den Geisteswissenschaften Konjunktur», stellt er fest.

Freuen sich über die Resonanz, die das Thema «Raum» an der Saga-Konferenz in Zürich und Basel gefunden hat: Nordistin Sandra Schneeberger und Jürg Glauser, Professor für Professor für Altnordische Philologie. (Bild: David Werner)

Odin stammt aus Troja

Eine der Besonderheiten der altnordischen Literatur ist, dass sie nicht, wie der Grossteil des europäischen Schrifttums der Zeit, in Latein verfasst wurde, sondern in der Volkssprache, also auf Altisländisch und Altnorwegisch. Die kulturelle Beharrungskraft war am nordwestlichen Rand Europas besonders gross. Anders als auf dem europäischen Festland flossen hier viele mündliche Überlieferungen der vorchristlichen germanischen Welt in die Literatur ein.

Bruchlos vollzog sich freilich der Übergang auch im Norden nicht:  Die Saga-Autoren waren geprägt von der Schreibschule des Benediktinerordens, und viele von ihnen waren mit christlichem und klassisch-antikem Bildungsgut vertraut. So wurde dem germanischen Göttervater Odin, auch Wotan genannt, angedichtet, er stamme aus Troja – und sei von dort über Schweden und Norwegen nach Island gekommen. «Man spürt in vielen Sagas den Willen eines an der Peripherie situierten Volkes, sich auf der europäischen Landkarte einzutragen», sagt Glauser. Dies geschah, indem man sich in einen kulturellen Bezug zu den kulturellen Zentren setzte.

Landnahme mit erzählerischen Mitteln

Die Weltläufigkeit der Saga-Literatur verdankt sich wesentlich den Wikingern: Sie sorgten für einen erstaunlichen Wissens- und Kulturtransfer – als Begleiteffekt ihrer europaweiten Raubzüge sozusagen. Prägend für die Kultur der Nordleute war aber nicht nur die Seefahrt, sondern auch das Siedlertum. Island und Nordnorwegen bildeten eine Art «Wilden Westen» des Früh- und Hochmittelalters. Der Prozess der Landnahme dauerte vom 8. Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende, er war also teilweise noch in Gang, als die Sagas niedergeschrieben wurden.

So erklärt sich ein typisches Merkmal vieler Sagas: ihre Ortsbezogenheit. Im Vergleich etwa zur altenglischen oder altfranzösischen Literatur vermitteln die Sagas oft einen auffallend realistischen und konkreten Eindruck vom Ort der Handlung. Glauser erklärt dies mit der Funktion, welche diesen Texten im Prozess der Landnahme zukam: «Es ging darum, den anonymen Weiten der menschenleeren Insel ein Gesicht zu geben und sie erklärbar zu machen. Man nahm die Landschaft in Besitz, indem man sie mit Erzählungen besetzte.»

Wie in den Sagas Historiografie und Kartografie zusammenwirken, wie Geschichte und Raum aufeinander bezogen werden, war Thema vieler Referate an der Saga-Konferenz. Gezeigt wurde auch, inwiefern die in den Sagas dargestellte Geschichte   mit der archäologisch rekonstruierbaren Geschichte übereinstimmt – und inwiefern nicht. Weitere Schwerpunktthemen der Tagung waren «Körper und Sinne» sowie «Medialität». Je eine Plattform erhielten auch der Nationale Forschungsschwerpunkt «Mediality» und der Universitäre Forschungsschwerpunkt «Sprache und Raum».

Digitale Wikinger

Ein Highlight der Tagung war laut Mitorganisatorin Sandra Schneeberger ein Roundtabel-Gespräch zum Thema Digital Humanities. «Es war eine Gesamtschau der heute in der Nordistik genutzten Möglichkeiten, neue Informationstechnologien in Forschung und Lehre einzusetzen», sagt sie. Dabei flossen auch die Erfahrungen mit dem Massive Open Online Course (MOOC) zum Thema «Saga and Space» ein. Jürg Glauser und Sandra Schneeberger haben diesen MOOC im letzten Semester erfolgreich an der UZH durchgeführt.

David Werner, Leiter Publishing

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