Talk im Turm

Im Bakterienzoo

Bakterien stecken voller überraschender Eigenschaften. Entdecken Sie in der Videoaufzeichnung des «Talk im Turm» vom vergangenen Montag die grosse Welt der allgegenwärtigen Kleinstlebewesen, die uns manchmal zwar schaden, ohne die wir aber nicht leben könnten.

David Werner

Im «Talk im Turm» diskutierten Anne Müller, Professorin für Experimentelle Medizin, und Leo Eberl, Professor für Mikrobiologie, mit den beiden «magazin»-Redaktoren Thomas Gull und Roger Nickl über Viren und Bakterien. (Video: UZH, MELS)

Bakterien sind bekanntlich klein – ein einzelnes Bakterium misst nur rund einen Tausendstel Millimeter –, zusammen aber machen sie den grössten Teil der Biomasse auf der Erde aus. Anderthalb Kilogramm Bakterien trägt jeder Mensch im Durchschnitt mit sich herum. Die meisten dieser Mikroorganismen schaden uns nicht, nur einige wenige können uns gefährlich werden. Und gewisse Arten sind nützlich und schädlich zugleich, so zum Beispiel ein Bakterium namens Heliobacter pylori. Anne Müller, Professorin für experimentelle Medizin am Institut für Molekulare Krebsforschung der UZH, ist eine Expertin für diesen Bakterientyp.

Magenschleimhaut als Lebensraum

Die äussere Gestalt von Heliobacter pylori erinnert ein wenig an einen Tintenfisch. Mit seinen langen Tentakeln schraubt er sich wie ein Korkenzieher durch sein Habitat, die Magenschleimhaut. Der Winzling hat es geschafft, die aggressive Magensäure in seinem nahen Umfeld zu neutralisieren. Völlig konkurrenzlos lebt er in seiner ökologischen Nische. Über Jahrtausende hinweg entwickelte er sich gemeinsam mit dem Menschen. Er bewohnte den Homo sapiens schon zu einer Zeit, als dieser sich von Afrika aus über die Welt zu verbreiten begann.

Gefährlich und nützlich zugleich

Das Gefährliche an Helicobacter pylori ist, dass er die Entstehung von Magenkrebs fördern kann. «Vor allem bei Menschen, die erst nach dem Aufbau ihres Immunsystems von diesem Bakterium besiedelt werden, steigt das Magenkrebsrisiko», erklärte Anne Müller im Talk im Turm.

Helicobacter pylori hat aber auch eine «gute» Seite: Er schützt vor Allergien. Kinder, die mit dem Keim infiziert sind, zeigen ein deutlich unterdurchschnittliches Risiko für Asthma und andere allergische Reaktionen. Anne Müller will die für den Menschen positiven Eigenschaften des Bakteriums medizinisch nutzen: Sie entwickelt einen aus Heliobacter-Bestandteilen zusammengesetzten Wirkstoff gegen Allergien.

Schwindende Arten

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren fast alle Menschen von Heliobacter pylori kolonisiert. Seither zieht sich der Keim aber in westlichen Gesellschaften stark zurück, nur noch 30 Prozent der europäischen Bevölkerung trägt ihn in sich, in der jüngsten Generation ist er kaum mehr vorhanden. Die Folgen lassen nicht auf sich warten: Immer mehr Menschen leiden an Allergien.

Es ist die Allgegenwart von Antibiotika, die Heliobacter pylori das Leben immer schwerer macht. Und nicht nur ihm. Die Artenvielfalt des Bakterienzoos, den wir in uns tragen, nimmt ab. Und das, warnte Anne Müller, habe negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit.

Alternativen zu Antibiotika

Ein anderes Problem, das der Medizin Sorgen bereitet, ist die rasante Entwicklung von immer mehr Bakterienstämmen, die gegen Antibiotika resistent sind. Der Zeitpunkt, an dem mit Antibiotika nicht mehr viel auszurichten ist, dürfte nicht mehr allzu fern sein, sagte Leo Eberl, Professor für Mikrobiologie am Institut für Pflanzenbiologie.

Eberl sucht nach alternativen Strategien, um krankheitserregenden Bakterien beizukommen. Konkret beschäftigt er sich mit Pseudomonas aeruginosa, einem unauffällig aussehenden, stäbchenförmigen Bakterium, das sich gern in Spitälern aufhält, wo es dann Patienten befällt. Gegen diesen Keim vorzugehen, ist besonders schwierig, da er sehr schnell Resistenzen entwickelt.

Die Bakterien des Typs Pseudomonas aeruginosa greifen koordiniert an. Sie «kommunizieren» miteinander, indem sie Signalstoffe aussenden. Bei Attacken bilden sie einen zähen, undurchdringlichen Biofilm, in dem sie sich verschanzen. Körpereigene Abwehrkräfte sowie Desinfektionsmittel und Antibiotika kommen gegen diesen zähen Schleim kaum an. Etwas aber hilft: Knoblauch. «Man weiss schon lange, dass Knoblauchzehen, wie viele andere Gewürzpflanzen auch, antibakterielle Effekte haben», sagte Eberl. Die Erkenntnis aber, dass man mit Knoblauch-Essenzen gefährliche Bakteriengesellschaften aufsprengen kann, eröffnet der alternativen Bekämpfung von Bakterien neue Perspektiven. Näheres dazu erfahren Sie im Video.

David Werner ist Leiter Publishing.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000