Warnung von Forschenden

«Es geht nicht mehr um Science-Fiction»

Neue gentechnische Methoden wie CRISPR-Cas9 erlauben präzise Eingriffe in das Erbgut. Zusammen mit prominenten Forschenden warnt UZH-Assistenzprofessor Martin Jinek in «Science» vor unethischen Anwendungen beim Menschen. Der Biochemiker erläutert, wieso er den Appell unterzeichnet hat.

Stefan Stöcklin

«Es braucht eine Debatte zwischen den Forschenden und der Öffentlichkeit»: Martin Jinek. (Bild: zVg)

Herr Jinek, zusammen mit renommierten Forschenden aus den USA, darunter mehreren Nobelpreisträgern, empfehlen Sie in einem Aufruf im Fachblatt «Science» einen zurückhaltenden Umgang mit einer neuen gentechnischen Methode, CRISPR-Cas9, die Sie selbst massgeblich mitentwickelt haben. Warum?

Martin Jinek: Wir diskutieren in der Wissenschaft seit einiger Zeit sehr intensiv über diese Technologie. Sie birgt einerseits vielversprechende Möglichkeiten zur Heilung von Krankheiten, könnte in Zukunft aber auch dazu verwendet werden, Menschen durch eine Keimbahnmodifizierung unwiderbringlich genetisch zu verändern. Ein solcher Einsatz ist höchst umstritten, und viele Forschende – ich eingeschlossen – sind dagegen. Noch ist die Methode für einen Einsatz beim Menschen technisch noch nicht soweit, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis dies der Fall sein wird. Ich denke, es ist die Pflicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, auf solche heikle Entwicklungen hinzuweisen. Wir brauchen eine möglichst breite Diskussion und Richtlinien vor allem in den Ländern, die noch keine entsprechenden Gesetze haben.

In dem Aufruf fordern Sie ein Moratorium für genetische Veränderungen beim Menschen, die an nachfolgende Generationen vererbt würden.  Solche Keimbahn-Eingriffe sind in der Schweiz und in anderen Ländern bereits verboten. Fürchten Sie, dass diese Gesetze umgangen werden, weil die Technologie relativ einfach ist in der Anwendung?

Martin Jinek: Ich denke nicht, dass Forscherinnen und Forscher diese existierenden Gesetze missachten würden, etwa in der Schweiz oder den europäischen Nachbarländern. Aber es gibt andere Länder, wo diese gesetzlichen Rahmenbedingungen fehlen, zum Beispiel in den USA oder China. Dort wäre es relativ einfach möglich, diese Experimente legal durchzuführen, speziell wenn sie mit privaten Mitteln finanziert würden.

Es braucht deshalb vor allem in diesen Ländern eine neue Debatte zwischen Forschenden, Politikern, Juristen, Bioethikern und der Öffentlichkeit. Die gesetzlichen Verbote zur Keimbahntherapie in Europa wurden in den 1990er Jahren verankert, zu einer Zeit also, als diese genetischen Interventionen technisch nicht möglich waren. Es war einfach, solche Utopien zu verbieten. Nun geht es nicht mehr um Science-Fiction, sondern um realistische Möglichkeiten. Ein Missbrauch würde der Wissenschaft in allen Ländern schaden.

Sie plädieren im Aufruf auch für mehr Forschung, um in Zukunft einen sicheren Einsatz der Technik zu gewährleisten. In welchen Bereichen sind Anwendungen beim Menschen sinnvoll?

Martin Jinek: Die Technologie hat grosses Potential bei der Behandlung genetischer Krankheiten in Organen oder Körperzellen, das heisst somatischen Krankheiten. Sie basieren auf defekten Genen, die korrigiert würden, aber die Intervention würde nicht an Nachkommen vererbt. Ich denke zum Beispiel an Krankheiten des Immunsystems oder von Blutzellen, zum Beispiel der Thalassämie, die zu Blutarmut führt. Zur Heilung müssten den Patienten Blutstammzellen entnommen werden, die in der Petrischale genetisch korrigiert und als funktionsfähige Zellen danach wieder dem Knochenmark zugeführt würden.

Sie rufen in der Zeitschrift Science zur Diskussion zwischen Forschenden und Öffentlichkeit über einen verantwortungsvollen Umgang mit neuen gentechnischen Methoden auf. Würden Sie sich dazu auch persönlich für solche Diskussionen zur Verfügung stellen?

Martin Jinek: Sicher. Das Thema von CRSPR-Cas9 ist seit meinem Aufenthalt im Labor von Jennifer Doudna sehr stark mit meiner wissenschaftlichen Karriere verbunden. Ich konnte viel zum Verständnis und zur Anwendung dieser Technologie beitragen. Ein verantwortungsvoller Umgang ist mir sehr wichtig.

Wichtiges Forschungswerkzeug

CRISPR-Cas9 ist ein effizientes Abwehrsystem gegen Viren, das in Mikroorganismen entdeckt wurde. Es dient heute als wichtiges Forschungswerkzeug der Gentechniker und erlaubt es, das Erbgut von tierischen und pflanzlichen Zellen gezielt zu verändern. Mit CRISPR-Cas9 können Gene nach Wunsch aus dem Genom ausgeschnitten, verändert oder ersetzt werden. Noch ist dieses «Genome Editing» vor allem ein Forschungswerkzeug, aber Anwendungen beim Menschen rücken in Griffweite. Aus Sorge über einen möglichen Missbrauch der Technologie haben Forschende vor kurzem im Wissenschaftsmagazin «Science» einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie einen vorsichtigen und ethischen Umgang anmahnen. Unter den 20 Unterzeichnenden befinden sich die beiden Nobelpreisträger David Baltimore und Paul Berg oder Jennifer Doudna, in deren Labor massgebende Arbeiten zur Technologie – zusammen mit Martin Jinek – durchgeführt wurden. Ein komplementärer Aufruf wurde zeitgleich im Fachblatt «Nature» von Edward Lanphier und weiteren Forschenden veröffentlicht. Martin Jinek ist Assistenzprofessor im Biochemischen Institut der UZH und wurde mehrfach für seine Arbeiten ausgezeichnet. Zuletzt erhielt er im Januar 2015 den Friedrich-Miescher-Award für seine Forschungsarbeiten über CRISPR-Cas9.

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News und Journal

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