Gesundheitsförderung

Der bewegte Mensch

Bewegungsfreundlicher Städtebau, Sportangebote und Coaching: Das Europabüro der Weltgesundheitsorganisation will mit einer heute verabschiedeten Strategie die Menschen zu mehr Bewegung motivieren. Sonja Kahlmeier vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der UZH war an der Ausarbeitung der Strategie beteiligt.

Adrian Ritter

«Genügend Bewegung erhöht die Lebenserwartung je nach Alter um bis zu vier Jahre»: Sonja Kahlmeier vom Arbeitsbereich Bewegung und Gesundheit. (Bild: Adrian Ritter)

Mit der «Europäischen Strategie Bewegung für Gesundheit» fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Europa ihre 53 Mitgliedsländer – von Portugal bis Russland – auf, die Bürgerinnen und Bürger zu mehr Bewegung zu motivieren.

UZH News: Frau Kahlmeier, warum soll ich mich mehr bewegen?

Sonja Kahlmeier: Weil die Statistik eindrucksvoll zeigt: Genügend Bewegung erhöht die Lebenserwartung je nach Alter um bis zu vier Jahre. Bewegung reduziert das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und bestimmte Krebsarten, hat positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und erleichtert die Gewichtskontrolle. Der gesundheitliche Effekt ist vergleichbar mit einem Rauchstopp. Deshalb empfiehlt die WHO Erwachsenen, sich wöchentlich 150 Minuten zu bewegen. Die Empfehlung ist umso wichtiger, weil sich in vielen Ländern die Menschen immer weniger bewegen.

Die WHO hatte 2013 einen globalen Aktionsplan formuliert mit dem Ziel, den Anteil der Menschen, die sich nicht genügend bewegen, bis 2025 um zehn Prozent zu reduzieren. Warum braucht Europa eine separate Strategie, um dieses Ziel zu erreichen?

Sonja Kahlmeier: Das Bewegungsverhalten ist stark kulturell geprägt. So hat Sport zum Beispiel in der westlichen Welt einen höheren Stellenwert als im arabischen Raum. Die sehr auf das Automobil ausgerichtete Kultur der USA wiederum unterscheidet sich stark von jener der skandinavischen Länder, wo der Fussgänger- und Veloverkehr traditionell eine grosse Bedeutung hat. Deshalb sind Strategien zur Bewegungsförderung gefragt, die auf die einzelnen Weltregionen und Länder zugeschnitten sind. In Europa sind dabei der vergleichsweise hohe Wohlstand und die ausgeprägte Alterung der Bevölkerung zu berücksichtigen. Weil zudem in Europa sehr viele Beschäftigte im Dienstleistungssektor tätig sind, ist auch der Anteil derjenigen Menschen hoch, die sich bei der Arbeit wenig bewegen.

Vorbildlich: Beim Projekt FITT bieten Fussballclubs in Grossbritannien ihren Fans ein zwölfwöchiges Bewegungscoaching an. (Bild: FITT)

Dass die WHO die Menschen zu mehr Bewegung aufruft, ist nicht neu. Was ist neu an der jetzt vorliegenden Strategie?

Sonja Kahlmeier:Es ist das erste Mal, dass zur Bewegungsförderung überhaupt eine europäische Strategie erstellt wurde. Bisher war Bewegung eher ein Nebenaspekt des Themas Ernährung und Übergewicht. Es gibt zwar viele Staaten, die eine eigene Strategie zur Bewegungsförderung haben. Diese schenken aber oft den Seniorinnen und Senioren zu wenig Beachtung. Die europäische Strategie bezieht zudem die Hausärzte mehr ein, um die Menschen zu Bewegung zu motivieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Ungleichheit. Menschen leben in unterschiedlich bewegungsfreundlichen Umgebungen und haben nicht zuletzt aufgrund ihrer sozioökonomischen Ressourcen unterschiedlichen Zugang etwa zu Sportangeboten. Die Strategie sagt klar, dass alle Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit haben sollten, sich ausreichend zu bewegen.

Die Strategie ruft einerseits die einzelnen Staaten dazu auf, eigene Aktionspläne zu erlassen. Andererseits werden auch konkrete Massnahmen empfohlen. Was weiss die Forschung darüber, wie die Menschen zu mehr Bewegung motiviert werden können?

Sonja Kahlmeier: Bisher wurden sieben besonders erfolgversprechende Ansatzpunkte identifiziert, die jetzt auch in der Strategie gut abgebildet sind: Bewegungsförderung in der Schule, gemeindenahe Aktivitäten, Sportangebote, Einbezug der Hausärzte, Öffentlichkeitsarbeit, eine bewegungsfreundliche Raumplanung und Vorrang für Fussgänger, Velos und den öffentlichen Verkehr.

Wichtig ist bei all dem, dass Gesundheitsförderung nicht belehrend ist, sondern dazu ermuntert, Spass zu haben an der Bewegung. Für die Forschung geht es jetzt darum, noch besser verstehen, wie die verschiedenen Bevölkerungsgruppen noch gezielter angesprochen werden können. Ein besonders gelungenes Beispiel ist das Projekt FITT in Grossbritannien. Dabei bieten Fussballclubs ihren Fans ein zwölfwöchiges Bewegungscoaching an. Damit konnten Männer mit Bewegungsmangel angesprochen werden, die sonst schwer erreichbar sind für Gesundheitsförderung. Und die Evaluation zeigt, dass die Teilnehmenden sich seit dem Coaching deutlich mehr bewegen.

Mehr Velowege, ein bewegungsfreundlicherer Städtebau und höhere Parkgebühren – diese Vorschläge aus der neuen Strategie werden in der Politik nicht nur auf Wohlwollen stossen.

Sonja Kahlmeier: Der Konsens bei der Ausarbeitung der Strategie war erstaunlich gross. Natürlich werden nicht in allen Ländern alle Empfehlungen umgesetzt werden. Es geht darum, eine Diskussion anzuregen, wie es auch bei anderen Gesundheitsthemen gelungen ist. Die 2005 von der WHO Europa verabschiedete Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas etwa hat dem Thema Übergewicht nachhaltig zu Beachtung verholfen.

Das ist auch beim Thema Bewegung nötig. Wieviel sich jemand bewegt, ist nicht nur Privatsache. Die Gesellschaft hat ein Interesse daran, dass die Menschen möglichst gesund sind, nicht zuletzt wegen der Kosten. Die direkten Gesundheitskosten von mangelnder Bewegung bewegen sich gemäss einer Studie in der Schweiz auf rund 1,165 Milliarden Franken pro Jahr.

Wie geht es weiter nach der Verabschiedung der Strategie?

Sonja Kahlmeier: Die Länder im europäischen WHO-Raum sind aufgefordert, bis 2020 erste Länderberichte vorzulegen bezüglich ihrer Aktivitäten zur Umsetzung der Strategie. Wünschenswert wäre zudem, dass auch andere Regionen und Länder der Bewegungsförderung mehr Beachtung schenken. In Afrika stellen ansteckende Krankheiten wie HIV, Malaria und Tuberkulose immer noch eine grosse Herausforderung dar. Gleichzeitig breiten sich aber auch dort nicht-übertragbare Krankheiten wie Diabetes und Herzkreislauferkrankungen rasant aus. Bewegungsförderung ist deshalb auch in diesen Ländern sinnvoll.

Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?

Sonja Kahlmeier: Die Schweiz hat traditionell eine gute Infrastruktur zur Förderung von Bewegung – etwa mit den Wanderwegen, Vita Parcours und Schwimmbädern. Der Breitensport ist traditionell gut verankert. Im Gegensatz zum globalen Trend hat in der Schweiz der Anteil der Erwachsenen, die sich weniger bewegen als empfohlen, in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent abgenommen. Dieser Erfolg ist unter anderem auf die Aktivitäten zur Bewegungsförderung in den Kantonen zurückzuführen. Trotzdem bewegen sich rund 25 Prozent der Schweizer Bevölkerung zu wenig. Derzeit befindet sich eine nationale Strategie zu nicht-übertragbaren Krankheiten in der Vernehmlassung. Diese schenkt dem Thema Bewegungsförderung zum Glück die nötige Aufmerksamkeit.

Zur Person

Sonja Kahlmeier ist Projektmanagerin im Arbeitsbereich Bewegung und Gesundheit am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der UZH. Als Mitarbeiterin der WHO Europa war sie von 2005 bis 2009 unter anderem daran beteiligt, Bewegungsförderung innerhalb der Weltgesundheitsorganisation als eigenständiges Thema zu etablieren und ein entsprechendes Netzwerkzu bilden.

PASTA – Studie zu körperlicher Aktivität und Mobilitätsverhalten: Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht. Die Stadt Zürich wächst und verändert sich. Eine gut funktionierende, stadtverträgliche Mobilität ist eine zentrale Voraussetzung für die Lebensqualität in der Stadt Zürich. Attraktive Quartiere bedürfen der Planung, was Wissen voraussetzt. Die Studie PASTA untersucht die Zusammenhänge von Verkehr und Gesundheit. Dazu werden Studienteilnehmende gesucht, die mittels FragebogenAuskunft geben, wie sie sich in und durch Zürich bewegen. Die Studie wird gleichzeitig in sechs europäischen Städten durchgeführt.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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