Fortpflanzungsmedizin

Kinder nach Wunsch

Die Fortpflanzungsmedizin kennt viele Mittel, um einen lang gehegten Kinderwunsch zu erfüllen. Sie wirbelt aber auch unsere Vorstellung von Familie und Verwandtschaft durcheinander, wie ein ethnologisches Forschungsprojekt aufzeigt.

Katja Rauch

Kleinfamilie heute – zwei Väter, ein Kind: Die modernen Reproduktionstechnologien schaffen neue Verwandtschaftsverhältnisse. (Bild: iStockphoto)

Da ist die Frau, die sich in einer «Do it yourself»-Insemination das Sperma eines befreundeten Mannes selber injiziert. Hier das Paar, das eine Eizellspende in Anspruch nimmt und den so entstandenen Embryo von einer anderen Frau austragen lässt. Die Fortpflanzungsmedizin kennt heute ganz unterschiedliche Mittel, um lang gehegte Kinderwünsche zu erfüllen.

Doch es ist wie meistens bei technologischen Quantensprüngen: Die neuen Möglichkeiten ziehen auch eine lange Kette von schwierigen psychologischen, sozialen, rechtlichen und politischen Fragen nach sich. Eine davon: Wollen wir die Eizellspende auch in der Schweiz erlauben oder nicht? Darüber diskutieren im Moment gerade National- und Ständerat. Als Argument dagegen wird unter anderem angeführt, die medizinisch unterstützte Fortpflanzung dürfe nicht zu Familienverhältnissen führen, die von dem abweichen, was natürlicherweise möglich ist.

«Aber was heisst natürlich?», fragt die Soziologin Kathrin Zehnder. Es sei nicht anzunehmen, dass das Pendant zur Eizellspende, die Samenspende, zu natürlicheren Familienverhältnissen führe. Tatsache ist, dass Samenspenden für Ehepaare in der Schweiz seit jeher erlaubt sind. «Angewandt wird diese Methode bei kinderlosen Paaren bereits seit 200 Jahren», weiss Zehnder. Die Eizellspende hingegen ist jung. Sie wurde erst in den 1980er-Jahren möglich, als die Befruchtung im Reagenzglas erfunden wurde, die sogenannte In-vitro-Fertilisation.

Emotionale Achterbahn

Die Mittel der heutigen Fortpflanzungsmedizin sind nicht nur vielfältig, sie wirbeln auch unsere traditionellen Vorstellungen von Verwandtschaft und Familie durcheinander. Kathrin Zehnder und ihre beiden Kolleginnen Nolwenn Bühler und Yv Eveline Nay wollten wissen, wie sich die Reproduktionstechnologie auf das Leben und das Familienbild von betroffenen Paaren in der Schweiz auswirkt.

Für das ethnologische Nationalfondsprojekt «Fertility and Family in Switzerand» haben die drei Forscherinnen in langen Interviews Paare befragt, die nur dank dieser medizinischen Techniken zu einem – meist lange ersehnten – Kind gekommen sind. In einem Teilprojekt hat Kathrin Zehnder heterosexuelle Paare befragt, die auf natürlichem Weg kein Kind bekommen konnten.

Ist der Mann unfruchtbar, ziehen diese Paare eine Fremdsamenspende heute kaum noch in Betracht, hat die Soziologin herausgefunden: «Das genetisch eigene Kind besitzt für die allermeisten oberste Priorität.» In vielen Fällen kann die In-vitro-Fertilisation diesen Wunsch nach dem eigenen Kind erfüllen. Allerdings müssen die Frauen dafür viel in Kauf nehmen: Zur In-vitro-Befruchtung mit den Keimzellen des Paares gehören invasive Techniken, die den Körper der Frau stark belasten. Dazu kommt nicht selten eine monatelange emotionale Achterbahn aus Hormonbehandlungen, Hoffnungen, Verzweiflung, wenn sich der Embryo nicht eingenistet hat, und erneuter Hoffnung.

Weil sich das Kinderbekommen für diese Paare so aufwendig gestaltet, ist auch die Schwangerschaft für viele der Frauen angstbesetzt. «Sie wissen, was auf sie zukommt, wen n sie noch einmal von vorne beginnen müssen», erklärt Kathrin Zehnder. Sobald die Babys aber einmal auf der Welt seien, seien diese Strapazen für die Eltern kein Thema mehr. Zehnder hat auch mit einer Frau gesprochen, die eigene Eizellen in den USA von einer Leihmutter austragen liess. Inzwischen sind die so entstandenen Zwillinge drei Jahre alt. Die Umstände ihrer Zeugung und Geburt würden für die Mutter immer unbedeutender, sagt Soziologin Zehnder.

Hilfe aus dem Ausland

Familien können heute ganz unterschiedlich entstehen: biologisch durch das Austragen des Kindes, sozial durch das Zusammenleben oder genetisch durch die Abstammung. Welcher dieser Aspekte überwiegt, ist je nach Konstellation verschieden. «Die modernen Reproduktionstechnologien stellen die Gesellschaft bei der Entstehung von Verwandtschaftsverhältnissen vor neue Fragen», halten die drei Forscherinnen fest. «Es muss gesellschaftlich neu ausgehandelt werden, wie und wodurch man Mutter oder Vater wird.»

In ganz besonderem Mass gilt dies, wenn gleichgeschlechtliche Paare Eltern werden wollen. Sie müssen mit ihrem Kind immer wieder ein neues «Coming-out» durchlaufen: in der Krippe, im Kindergarten, in der Schule. Schwule und lesbische Elternpaare erregen immer noch Aufsehen, auch wenn die sogenannten Regenbogenfamilien heute gar nicht mehr so selten sind. Yv Eveline Nay hat vor vier Jahren begonnen, homosexuelle Paare mit Kinderwunsch zu suchen.

Nach Schätzungen wachsen heute in der Schweiz zwischen 6000 und 30 000 Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern auf, die Mehrheit davon bei lesbischen Paaren. Alle diese Paare müssen sich von Anfang an damit auseinandersetzen, dass – zumindest genetisch – noch weitere Menschen in ihrer Elternschaft eine Rolle spielen. So auch Renate und Aurelia. «Die beiden Frauen dachten zunächst daran, einen Freund um sein Sperma zu bitten», erklärt Yv Eveline Nay, «doch sie befürchteten, dass ein Spermaspender trotz gegenteiliger Abmachung Vatergefühle und -wünsche entwickeln könnte.»

Die beiden wollten aber keine «erweiterte Familie». Also entschieden sie sich für eine Insemination mittels Spermaspende von einer Samenbank in einem benachbarten europäischen Land. Denn in der Schweiz sind Samenbanken per Gesetz nur verheirateten heterosexuellen Paaren zugänglich. Auch schwule Paare mit Kinderwunsch suchen Hilfe im Ausland. Neben einer Adoption gibt es für sie die Möglichkeit, zuerst eine Eizellspenderin zu suchen und dann eine austragende Frau.

Sobald sie allerdings mit ihrem im Herkunftsland legalen Kind in die Schweiz zurückkehren wollen, kommt es zu einem Spiessrutenlauf durch Ämter und Behörden – ein aufwendiges Unterfangen und psychisch immens belastend.

«We are family»

Durch den Trend zur Regenbogenfamilie hat der Slogan «We are family», diese politische Solidaritätsbekundung der Schwulen- und Lesbenbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre, mittlerweile eine neue Bedeutung bekommen. «Auch wir sind eine Kleinfamilie», könnten viele schwule Väter und lesbische Mütter heute sagen. Damit rufen sie allerdings nicht nur Kritik bei konservativen Traditionalisten hervor, sondern auch bei Vertreterinnen des lesbischen Feminismus. Patriarchale Strukturen, monieren diese, würden mit den neuen Regenbogen-Kleinfamilien gestützt, das Frausein reduziere sich nun auch bei lesbischen Frauen vermehrt auf die Mutterrolle.

Sollte hier tatsächlich eine neue Norm im Entstehen sein? Wenn ja, wird auch der eigene und fremde Erwartungsdruck auf lesbische Frauen und schwule Männer steigen. Yv Eveline Nay jedenfalls hörte schon jetzt in ihren Interviews nicht nur Sätze der Freude darüber, dass dank der Fortpflanzungsmedizin gleichgeschlechtliche Elternschaft überhaupt möglich geworden ist. Ab und zu kam auch der Einwand: «Jetzt müssen wir uns ebenfalls mit der gesellschaftlichen Erwartung, Kinder zu haben, auseinandersetzen.»

Wie schnell sich gesellschaftliche Ansichten und Normen ändern können, zeigt sich übrigens auch bei der Samenspende. «Bis in die 1980er- Jahre», so Kathrin Zehnder, «galt die Devise, eine Samenspende sei völlig okay, aber das Kind dürfe die Geschichte seiner Zeugung nie erfahren.» Heute ist es genau umgekehrt. Nach Schweizer Gesetz soll denn auch ein Kind seinen biologischen Spendervater kennen lernen dürfen, sobald es volljährig ist.

Verwandtschaft nicht naturgegeben

Mutter- und Vaterschaft haben sich sowohl bei Hetero- als auch bei Homosexuellen durch die Reproduktionstechnologien verändert. Wenn ein Kind neben einer sozialen auch eine biologische und eine genetische Mutter haben kann, so zeigt das, dass Verwandtschaftsverhältnisse nichts natürlich Gegebenes sind, sondern etwas kulturell Geschaffenes, das immer wieder neuer Aushandlungsprozesse bedarf. Dem National- und Ständerat würden Bühler, Nay und Zehnder empfehlen, die Eizellspende auch in der Schweiz offen zu diskutieren: «Die Reproduktionsmedizin existiert, und die Menschen nehmen sie in Anspruch, gleichgültig, ob sie dafür nach Spanien, Belgien oder in die USA reisen müssen. Da ist es doch besser, wenn auch die Schweiz einen den realen Verhältnissen angemessenen rechtlichen Umgang damit findet.»

Tagung

Am 21. November 2014 veranstaltet das Kompetenzzentrum Medizin – Ethik – Recht Helvetiae (MERH) in Zusammenarbeit mit dem Collegium Helveticum und dem UniversitätsSpital Zürich die Tagung«Zur Zukunft der Fortpflanzungsmedizin». An der Tagung werden medizinische, rechtliche und ethische Perspektiven des Themas erörtert. Die Teilnahme ist kostenlos.

Katja Rauch ist freischaffende Journalistin.

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