Altersmigration

Sonnenuntergang an der «Costa Geriatrica»

«Alter(n) ohne Grenzen?» heisst eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe des Zentrums für Gerontologie der UZH. Einer der ersten Vorträge galt der Altersmigration: «Nichts wie weg – Schweizer Pensionäre im Sog des Südens». 

Paula Lanfranconi

Blicken mit Zuversicht in die Zukunft: Senioren an der spanischen Küste, der so genannten «Costa Geriatrica». (Bild: iStock Foto)

Sie heissen «El Paradiso» oder «Golden Valley», liegen an Spaniens Küsten und sind der Traum vieler Rentnerinnen und Rentner. Die beliebtesten Ziele der europäischen Altersmigration, sagte der Sozialgeograph Andreas Huber in seinem Vortrag, seien mehr oder weniger identisch mit den Destinationen des internationalen Tourismus. Doch nirgends erreiche das Phänomen der Altersmigration derartige Dimensionen wie an Spaniens Küsten. «Spötter nennen sie auch Costa Geriatrica.»  

Schweizer Pensionierte gehörten in den 1970er Jahren zu den ersten Altersmigranten, die sich an der Costa Blanca, in der Provinz Alicante, niederliessen. Ihre Rente war dort fünfmal mehr wert als zuhause. Inzwischen haben gegen 5000 Schweizer Rentnerinnen und Rentner ihren Traum vom Leben unter spanischer Sonne realisiert. Allerdings, relativierte Andreas Huber, leben die meisten – den schönen Namen zum Trotz – nicht in mediterranen Landhäusern, sondern in gesichtslosen Retortensiedlungen ausserhalb der gewachsenen Orte.

Mindestens einmal pro Jahr in die alte Heimat

Und doch betrachten die meisten Schweizer ihr Migrationsprojekt als gelungen, wie Andreas Huber in der grössten je in Spanien durchgeführten Studie feststellte. Er schrieb 3000 Landsleute über 55 Jahren an. Geantwortet hatten 1100, also knapp 40 Prozent. Als Auswanderungsgründe nannten sie vor allem das Klima, die tieferen Lebenshaltungskosten und gesundheitliche Überlegungen. 80 Prozent leben in Zweipersonenhaushalten, die Mehrheit hat eine Berufslehre gemacht. In Spanien entstehen durch die Altersmigration neue Arbeitsplätze, während der hiesigen Volkswirtschaft, schätzt Huber, dadurch rund 260 Millionen Franken pro Jahr entgehen.

Die Auswanderung, sagte Huber, bedeute aber nicht, dass der Kontakt zur Schweiz abbreche: Zwei Drittel der Pensionäre reisen mindestens einmal pro Jahr in die alte Heimat – sei es, um die Enkel zu besuchen oder um der Hitze zu entfliehen. Und drei Viertel bekommen regelmässig Besuch von Verwandten und Freunden aus der Schweiz.

Schwarzer Fleck im Paradies

Allerdings hat das südliche Paradies auch Schattenseiten: Jeder Dritte Antwortende vermisst kulturelle Angebote und jeder Zweite fühlt sich durch Bau- und Verkehrslärm belästigt. Und: «Partnerverluste», sagte Huber, «können zur Tragödie werden.» Ein «schwarzen Fleck im Paradies» und grosses Tabuthema sei der Alkoholkonsum.

Rechnet mit einer weiteren Beschleunigung der Altersmigration: Sozialgeograph Andreas Huber. (Bild: Paula Lanfranconi)

Inzwischen sind 20 Prozent der an die Costa Blanca migrierten Schweizer über 80 Jahre alt. Wie steht es da um Rückkehrpläne? Fast die Hälfte aller Migranten antwortete, sie möchten «unter keinen Umständen» zurück in die Schweiz. Dies bedeute eine Herausforderung für die Region, sagte Huber: «Allein schon die Anzahl Pflegeplätze für die Einheimischen liegt unter dem von der WHO empfohlenen Standard.» Allerdings entstünden auch spezielle Alterseinrichtungen für Ausländer.    

Zunahme vielfältiger Migrationsformen

In den nächsten Jahren, wenn immer mehr reisefreudige Babyboomer in Rente gehen, rechnet Huber mit «einer weiteren Beschleunigung vielfältiger Migrationsformen». Als neue Zielregionen sieht er Kroatien, Ungarn, die Südtürkei, Südostasien, Australien, Mittelamerika, die Karibik oder Brasilien. Allerdings könne sich dieser Prozess auch verlangsamen: Viele Traumdestinationen sind inzwischen teurer geworden, die Landschaft ist zugebaut, man kämpft mit ökologischen Problemen, zum Beispiel Wassermangel.

Huber schloss seinen Vortrag mit einer – nicht ganz ernst gemeinten – Empfehlung: Wer jetzt, nach dem Platzen der spanischen Immobilienblase zugreife, könne für einen Schnäppchenpreis ein Haus am Mittelmeer erwerben. «Aber bedenken Sie: Die wenigsten dieser Häuser sind altersgerecht gebaut.»

Im nächsten Vortrag in der Reihe «Alter(n) ohne Grenzen?»am 16. Oktober spricht UZH-Professor Edouard Battegay, Direktor Innere Medizin am USZ,  über «Multiple Grenzen: Multimorbidität im hohen Alter».

Paula Lanfranconi ist Journalistin.

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