Menschenrechte und Demenz

Die Würde bleibt

Das Kompetenzzentrum für Menschenrechte der UZH widmet sich in einer Veranstaltungsreihe dem Thema Demenz. Diskutiert werden medizinische, rechtliche und politische Fragen der Krankheit. Der Auftakt war filmischer Art. In «Vergiss mein nicht» portätiert Jungregisseur David Sieveking einfühlsam seine demente Mutter.

Adrian Ritter

Wenn das Familiengefüge ins Wanken gerät: Regisseur David Sieveking (rechts) mit seiner dementen Mutter Gretl. Im Hintergrund Vater Malte, der seine demente Frau zuhause pflegt. (Bild: vergissmeinnicht-film.de)

Die Szene ist berührend und skurill zugleich. Malte, der 73-Jährige Vater von David Sieveking, besucht endlich wieder einmal seine eigene Mutter im Pflegeheim. Er hatte kaum Zeit dazu, weil er zuhause seine demente Frau Gretl pflegt. Die 96-jährige Mutter macht sich Sorgen um den Sohn. Ob es nicht für alle Beteiligten besser wäre, seine demente Frau würde ebenfalls in einem Heim gepflegt werden, will sie wissen: «Kommst du noch zum Leben?».

Es ist eine der Schlüsselszenen im Film «Vergiss mein nicht», der Anfang 2013 in den Kinos lief. Darin begleitet der junge deutsche Regisseur David Sieveking mit der Kamera die fortschreitende Demenz seiner Mutter – und das durch die Krankheit sich verändernde Familiengefüge. Der Vater ist am Rande der Erschöpfung, der Sohn dringt immer tiefer in die spannende Vergangenheit seiner Mutter als Politaktivistin. 

Eingeschränkte Selbstbestimmung

Es ist ein einfühlsamer, eindringlicher Film – bestens geeignet als Einführung zur Veranstaltungsreihe «Menschenrechtliche Fragen rund um Demenz». Ausgehend vom Film zeigten am Dienstagabend im anschliessenden Kurzgespräch UZH-Rechtsprofessor Thomas Gächter und Franjo Ambroz, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Pro Senectute Kanton Zürich, die Bandbreite an Fragen auf, vor welche demente Menschen und insbesondere auch ihre Angehörigen und Pflegenden gestellt sind.

Die menschenrechtlich relevanten Aspekte reichen von der Ausgestaltung der Sozialpolitik über das osteuropäische Spitexpersonal bis zu Fragen der Menschenwürde bei eingeschränkter Selbstbestimmung – nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Film selber, der intimste Details der dementen Mutter preisgibt.

«Die Persönlichkeitsveränderung durch die Demenz stellt das Recht vor Herausforderungen», sagte Gächter. Die Menschenwürde könne aber nicht verkürzt ausgelegt und nur jenen zugesprochen werden, die über die volle Selbstbestimmung verfügen.

Medizin, Recht und Politik

In drei weiteren Veranstaltungen wird das Kompetenzzentrum für Menschenrechte der Universität Zürich die aufgezeigten Fragestellungen vertiefen. Am 1. Oktober geht es um neueste medizinische Erkenntnisse zu Demenz, am 22. Oktober um Menschenrechte in der Betreuung von demenzkranken Menschen und am 12. November um die Frage, ob die vom Bund geplante nationale Demenzstrategie, die im Herbst 2013 verabschiedet werden soll, den Menschenrechten genügend Rechnung trägt.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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