Kunst in der Renaissance

Der Triumph der Fantasie

In der Renaissance wandelte sich das Bild des Künstlers vom Handwerker zum kreativen Schöpfer. Zentral für diesen Imagewandel waren neu entstehende kunsttheoretische Schriften von Malern, Bildhauern und Architekten. Der Historiker Bernd Roeck hat diesen Gelehrten unter den Renaissance-Künstlern ein Buch gewidmet. 

Roger Nickl

Triumphzug der Fantasie: Giuseppe Arcimboldo schuf «Das Wasser» 1566. 

Etwas gruselig sieht es schon aus, das mit «Das Wasser» betitelte Stillleben in Porträtform, welches der italienische Maler Giuseppe Arcimboldo 1566 schuf. Das angedeutete, seitliche Konterfei einer Frau besteht ausschliesslich aus kalten, feuchten Wassertieren. Unterschiedlichste Fische, Krebse und Kraken stehen anstelle von Nase, Stirn, Backe, Schulter oder Decoltée. Arcimboldos faszinierendes Bild ist spielerisch und grotesk zugleich. Einige Jahrhunderte zuvor wäre ein solches Gemälde wohl kaum vorstellbar gewesen.

Spassverderber Augustinus

Denn auch wenn es bereits im Mittelalter die abstrusen Bildwelten eines Hieronymus Bosch gab: Erst die Renaissance verlieh der Kunst Flügel und führte zu einem eigentlichen Triumphzug der Fantasie. An diesem Fest des kreativen Künstlergeistes nahm auch Arcimboldo teil. «Im Mittelalter wurde die Kunst oft an die Zügel der Religion genommen», sagt Bernd Roeck, Professor am Historischen Seminar der Universität Zürich im Gespräch. Die Fantasie galt als suspekt und stand unter Generalverdacht.

«Massgeblich dafür dürften die Vorbehalte eines notorischen Spassverderbers, des Kirchenvaters Augustinus, gewesen sein. Augustinus verübelte der Phantasie, dass sie alle möglichen Dinge als wirklich erscheinen lasse, die nicht mit Gottes Schöpfung in Einklang standen», präzisiert Roeck. In der Renaissance änderte sich dieses Denken. Es wurden nicht nur grundlegende Prinzipien wie die Zentralperspektive entwickelt, sondern auch fantastische neue Genre wie etwa die Groteske geschaffen.

Malende Mathematiker, blinde Bücherwürmer

Und nicht nur das: Im 15. und 16. Jahrhundert blühte auch die Kunsttheorie auf. Maler, Bildhauer und Architekten begannen zur Feder zu greifen, ihr Tun zu reflektieren und ihre je eigene Philosophie des Kunstschaffens zu entwerfen. In diese Theorien, die sich zusehends von antiken Kunstvorstellungen lösten, flossen auch neuste wissenschaftliche Erkenntnisse etwa zu den Gesetzen der Optik oder zur Anatomie des menschlichen Körpers ein. Kunst und Wissenschaft näherten sich an. Die entstehenden Theorien waren Ausdruck einer neu entstehenden künstlerischen Gelehrsamkeit.

Den Gelehrten unter den Künstlern – mit wenigen Ausnahmen alles Italiener – hat Renaissance-Experte Bernd Roeck nun ein schönes, süffig geschriebenes Buch gewidmet. Der Autor bettet das Kunstschaffen der Zeit in die damals wichtigsten sozialen, ökonomischen, technischen und historischen Entwicklungen ein und zeichnet gleichzeitig ein faszinierendes Panorama der kunsttheoretischen Reflexion, die vom Begründer der neuzeitlichen Kunsttheorie, Leon Battista Alberti und dem malenden Mathematiker Piero della Francesca über das geheimnisvolle Genie Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer, «den Platon aus Nürnberg», bis zum Vater der Kunstgeschichte Giorgio Vasari und dem blinden Bücherwurm Giovanni Battista Armenini reicht. Dies um nur einige zu nennen.

Nobilitierte Artisten

Bernd Roecks chronologische, in Früh-, Hoch- und Spätrenaissance periodisierte Darstellung folgt den Wegen der künstlerischen Theoriebildung und zeigt, wie sich das Wissen der Zeit darin spiegelt. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die neu entstehenden Kunsttheorien auch eine wichtige soziale Funktion hatten: Sie leisteten einem neuen Image des Künstlers Geburtshilfe. Noch im Mittelalter galten Maler, Bildhauer und Architekten vor allem als Handwerker. «Der Rahmen eines Bildes war damals oft wesentlich teurer als die Arbeit des Malers», sagt Bernd Roeck.

In der Renaissance findet dann, unterstützt durch die Kunsttheorie, eine Nobilitierung der Artisten statt. Die Künstler werden eben zu Gelehrten und schliesslich zu Schöpfern eigener Kunstwelten. Ihr Image an den Höfen wird aufpoliert und sie tauchen plötzlich, wie etwa der Maler Giotto in Giovanni Boccaccios Novellensammlung «Decamerone», in literarischen Erzählungen und Anekdoten auf. Auch dies ist ein Hinweis auf den sich abzeichnenden sozialen Prestigegewinn.

Parallelen zur Jetztzeit

Liest man Bernd Roecks Buch über die gelehrten Künstler der Renaissance, so fallen immer wieder Parallelen zur Jetztzeit auf. Heute ist es üblich, dass das Schaffen von Künstlern in eine je eigne Philosophie eingebettet ist, die den Betrachtern den Zugang zu den Werken vielfach erst ermöglicht. Angelegt ist diese Entwicklung bereits in den gelehrten Schriften der Renaissance-Künstler.

Und auch das Bild des Künstlers als eines etwas eigenwilligen, leicht spinnigen und exzentrischen Wesens nimmt in dieser Epoche seinen Anfang. Seither werden Künstler in der öffentlichen Wahrnehmung häufig irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn angesiedelt – bis heute.

Roger Nickl, Redaktor des «magazins» der UZH.

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