Talk im Turm

Dem Sensenmann ein Schnippchen schlagen

Was bringt uns die Medizin von morgen? Dieser Frage widmete sich die siebte Ausgabe des Talks im Turm am vergangenen Montag. Die Redaktoren des UZH-Magazins hatten die Anästhesistin Beatrice Beck Schimmer und den Pathologen Holger Moch zum Gespräch geladen. Sehen Sie hier die Videoaufzeichnung des Podiumsgesprächs.

Marita Fuchs1 Kommentar

Im Talk im Turm diskutierten die Anästhesistin Beatrice Beck Schimmer und der Pathologe Holger Moch mit den beiden «magazin»-Redaktoren Thomas Gull und Roger Nickl über die Medizin von morgen. (Video: UZH, MELS)

Video-Aufzeichnung auf YouTube (in HD)

Dem Altwerden können wir nicht entrinnen und doch wünschen wir uns alle, gesund zu bleiben, bis das Ende naht. In diesem Sinne titelte das neue «magazin» der UZH: «Gesund sterben». Geht das überhaupt zusammen: ohne Beschwerden alt werden? Der Talk im Turm am vergangenen Montag machte diese Frage zum Thema. Die Redaktoren des UZH-Magazins, Thomas Gull und Roger Nickl, hatten mit der Anästhesistin Beatrice Beck Schimmer und dem Pathologen Holger Moch zwei hochrangige Vertreter der medizinischen Forschung eingeladen. Beide machen mit innovativen Methoden bei der Tumorbehandlung von sich reden.

Gezielt gegen Tumoren

Beck Schimmer will mit Nanopartikeln Tumoren zu Leibe rücken. Die Winzlinge sollen Medikamente direkt zum kranken Gewebe bringen. Der Vorteil: Die Medikamente wirken dort, wo sie sollen. Nebenwirkungen, wie sie etwa eine herkömmliche Chemotherapie mit sich bringt, könnten damit vermieden werden. Noch erforscht die Medizinerin dieses vielversprechende Verfahren im Labor, doch sie hofft, dass bereits in fünf Jahren ihre Forschung Anwendung in der Klinik findet.

Auch Holger Moch will gezielt Medikamente dort einsetzen, wo sie im Körper gebraucht werden, um gesundes Gewebe und das Immunsystem zu schützen. Als anschauliches Beispiel hatte er einen Computerchip mit Erbgutinformationen mitgebracht. Indem er alle relevanten Gene gleichzeitig teste, könne er mit einer einzigen Untersuchung Aussagen über sämtliche potenziell wirksamen Medikamente treffen, so Moch. Bei Brustkrebs zum Beispiel gibt es bereits ein Medikament, das auf die Veränderung eines bestimmten Gens – die bei etwa einem Fünftel der Patientinnen vorkommt – ausgerichtet ist. «Beim Lungenkarzinom haben wir heute bereits mehr als sieben verschiedene zielgerichtete Medikamente zur Verfügung», so Moch.

Mit schlechten Prognosen umgehen

Doch die Genomanalyse birgt auch Konfliktpotenzial. Im weiteren Verlauf des Gesprächs ging es darum, wie sich die Kenntnis der eigenen Gesundheitsrisiken aufgrund einer Genomanalyse auf den Einzelnen auswirkt. Auf die Frage, ob die Schauspielerin Angelina Jolie, die aufgrund einer schlechten Prognose beide Brüste amputiert hat, ein gutes Vorbild abgebe, meinte Moch: «Ihr Verdienst ist, dass sie durch die Bekanntgabe ihrer Risikofaktoren die Genomanalyse zu einem grossen, kontrovers diskutierten Thema gemacht hat.»

Er selbst habe sein Genom noch nicht analysieren lassen, weil er aufgrund seiner Familienanamnese nicht beunruhigt sei. Beck Schimmer gestand ein, dass sie mit negativen Prognosen schlecht umgehen könne und deshalb vor einer Analyse zurückschrecke. Sie setze lieber auf Vorsorge, gehe regelmässig zum Arzt, mache eine Darmspiegelung und andere Vorsorgeuntersuchungen.

Kostenfrage ungelöst

Es gebe auch ein Recht auf Nichtwissen, bilanzierte Moch. Nicht jeder müsse eine Genomanalyse machen und wenn, müsse sichergestellt sein, dass er den Befund mit einem Arzt oder einer Ärztin besprechen könne. Die grosse Herausforderung in der Medizin von morgen liege in der individuellen Beratung der Patienten.

Auf die Frage, ob die neuen medizinischen Möglichkeiten der Genomanalyse die Kosten noch schneller als bisher in die Höhe treiben, waren sich die beiden Diskutanten nicht einig. Moch zeigte sich überzeugt, dass die medizinische Entwicklung teuer werde, während Beck Schimmer zu bedenken gab, dass durch den gezielten Einsatz von Medikamenten weniger Nebenwirkungen aufträten. Das würde zur Kostensenkung beitragen. 

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

1 Leserkommentar

Peter Straub schrieb am Die Medizin allein kann das Problem nicht lösen Die Frage stellt sich nicht nur, ob es möglich ist, dem Sensemann ein Schnippchen zu schlagen, sondern auch, ob das Sinn macht - und das nicht allein unter wirtschaftlichen und politischen Aspekten - oder nur eine wissenschaftlich verbrämte, letztlich infantile Sehnsucht ist. Die Herausforderung auf Seiten des Individuums wird sein, wie weit es sich von Kollektivdynamiken wie etwa dem Gesundheitswesen, erfassen lassen will und wie es diesen gegenüber seine Autonomie bewahrt.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000