Tagung: Medizin und Religion

Feldzug gegen die Sünde

Das Religionswissenschaftliche Seminar veranstaltet am 11./12. Mai eine Tagung zum Verhältnis von Religion und Medizin. Zu den Referierenden gehört die UZH-Medizinhistorikerin Iris Ritzmann. Im folgenden Beitrag reflektiert sie die Grenzlinien zwischen Medizin und Religion. Als Beispiel dient ihr die unterschiedliche medizinische Bewertung der Onanie im Laufe der Jahrhunderte.

Iris Ritzmann

Iris Ritzmann: «Die Religion verlor mit zunehmender Säkularisierung ihren alleinigen Anspruch, die Welt zu deuten.» (Bild: Marita Fuchs)

Religion und Medizin – wer diese beiden Begriffe zusammen hört, denkt möglicherweise zuerst einmal an Gesundbeten, Beschwören von Krankheiten oder religiös konnotierte, alternativmedizinische Angebote. Diese religiösen beziehungsweise magischen Praktiken bilden ein deutliches Gegenangebot zur wissenschaftlich orientierten Medizin der Moderne. So zumindest könnte man auf den ersten Blick meinen. Aber ist die akademische Medizin wirklich frei von religiösen Inhalten?

Die Medizingeschichte als akademisches Fach interessiert sich weniger für die eindeutigen Zuordnungen, als vielmehr für die Grenzverläufe zwischen verschiedenen Denk- und Handlungssystemen, die oftmals spannende Fragen aufwerfen.

Ein Vergleich zwischen religiös konnotierten Heilpraktiken und einer akademischen Medizin führt, wenn er von den Extremen her gezogen wird, zu einfachen Antworten: Auf der einen Seite magischer Heilzauber, auf der anderen forschungsbasierte Praxis. Ein Blick in die Geschichte aber kann weg von dieser simplen Dichotomie führen, was das folgende Beispiel zeigen will.

Im Zeitalter der Aufklärung konnten publizierende Ärzte zu grosser Bekanntheit und Ansehen gelangen, so etwa der Lausanner Arzt Samuel Auguste Tissot. Mit der medizinischen Ratgeberschrift «Avis au peuple sur sa santé» von 1761 machte er sich einen Namen als Aufklärungsarzt – das Werk wurde schnell zum Bestseller.

Die Geissel der Menschheit

Viel bekannter aber wurde Tissot unter seinen Kollegen mit einer lateinischen Abhandlung drei Jahre zuvor. Das Büchlein handelte von der Onanie, die der Autor als eigentliche Geissel der Menschheit identifizierte.

Die Onanie oder «Selbstbefleckung», wie die deutsche Übersetzung betitelt wurde, bewertete Tissot nicht nur theologisch als eine Sünde gegen Gott, sondern auch medizinisch als eine Sünde gegen den von Gott gegebenen Körper. Blutarmut, Schwindsucht und schliesslich der Tod erklärte er als logische Folgen dieses Verstosses gegen die Gesetze der Schöpfung.

Tissot war nicht der einzige Arzt, der diese Meinung vertrat. Doch ihm gelang es, damit einen Trend zu setzen, der zu einem lange währenden medizinischen Kampf gegen die Selbstbefriedigung führte. Denn eine religiöse Sünde medizinisch zu deuten, bedeutete konkret, präventive Verhaltensregeln, Bandagen und chirurgische Massnahmen zu propagieren und letztlich bis ins Intimleben vorzudringen.

Vom Säfteverlust zur Degeneration

Die Wahrnehmung der Selbstbefriedigung als sündiges Verhalten wandelte sich im Laufe der Zeit und basierte je nach vorherrschender Leitidee auf unterschiedlichen Erklärungen.  Tissot selbst erklärte seine Sündenthese auf der Grundlage der damals verbreiteten Viersäftelehre: Der Samenfluss – durch Onanie oder ausschweifenden Lebenswandel, nicht aber durch den ehelichen Beischlaf – führe zum Säfteverlust und damit zu bedrohlichen Krankheitszuständen.

Der Logik des 19. Jahrhunderts, des «nervösen» Zeitalters, entsprechend, führte die Selbstbefriedigung dagegen zur Neurasthenie (Nervenschwäche). Mit dem Aufkommen der Vererbungslehre als neuem Deutungsmuster wurden die Folgen der Selbstbefriedigung dann zu Degeneration und damit zur Schädigung nachfolgender Generationen umformuliert. Da die Bewertung als sündhaftes Verhalten im Vornhinein feststand, fand sich stets eine medizinische Erklärung.

Eingriff ins Intimleben

Welchen Sinn machte dieser ärztliche Feldzug gegen die Sünde? Die Religion bot zwar umfassende Verhaltensanleitungen und erlaubte damit eine Einflussnahme bis ins Intimleben der Gläubigen. Sie verlor aber mit zunehmender Säkularisierung ihren alleinigen Anspruch, die Welt zu deuten.

Diese Kompetenz versuchten sich neue Machtsysteme anzueignen, darunter besonders deutlich die Medizin. Im 18. Jahrhundert mehrheitlich als Handwerk verstanden, erkämpften sich die gelehrten Ärzte die Deutungsmacht über Gesundheit und Krankheit, über richtiges und «widernatürliches» Verhalten, über Normen, Risiken und Sünden gegen den eigenen Körper.

Entdifferenzierungen? Religion und Medizin

In westlichen Gesellschaften lassen sich sowohl Prozesse der Differenzierung wie auch der Entdifferenzierung von Medizin und Religion beobachten. Über den Einfluss von Kolonialismus und Globalisierung liess und lässt sich dasselbe auch in anderen Gesellschaften feststellen. Alternativmedizinische Konzepte und manche psychotherapeutischen Verfahren weisen religiöse Bezüge auf und möchten «Spiritualität» zum Teil explizit in die Heilungsprozesse einbeziehen. Vermehrt werden diese auch in das öffentliche Gesundheitswesen integriert, von Patienten genutzt und entsprechend angeboten. Doch nicht nur medizinisch-therapeutische Kontexte beziehen Religion mit ein. Es finden sich auch innerhalb von religiösen Organisationen mehr und mehr Angebote, die auf die Behandlung von Krankheit, auf Heilung fokussieren. Die Fachtagunggeht unter anderem der Frage nach: Was bedeutet es, wenn Heilverfahren, die religiöse Referenzen aufweisen, zunehmend innerhalb des Medizinsystems präsent sind und religiöse Organisationen sich nicht nur um «Heil», sondern auch um Heilung kümmern? Paul U. Unschuld: "Ying Yang meine Zuversicht. Die Geburt der Medizin und die Suche nach existenzieller Selbstbestimmung" Samstag, 11. Mai um 16.15 Uhr Religionswissenschaftliches Seminar, Kirchgasse 9, 8001 Zürich, Raum 200 Professor Paul U. Unschuldist Sinologe und Medizinhistoriker und dabei Experte auf dem Gebiet der Chinesischen Medizin. Er leitet seit 2006 das Horst-Görtz-Institut für Theorie, Geschichte und Ethik chinesischer Lebenswissenschaften an der Charité in Berlin.

Iris Ritzmann ist Privatdozentin am Medizinhistorischen Institut der UZH.

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