Hirnforschung

Siegeszug der Bildgebung

Im kommenden Jahr läuft der Nationale Forschungsschwerpunkt «Neuro» aus. Eine Veranstaltung von Universität Zürich und ETH Zürich zog Bilanz und warf einen Blick in die Zukunft der Hirnforschung. Insbesondere die bildgebenden Verfahren werden die Prävention, Diagnose und Therapie von Hirnkrankheiten verbessern helfen, so das Fazit. 

Adrian Ritter

Blick ins Hirn: Bildgebende Verfahren tragen massgeblich zum Fortschritt in den Neurowissenschaften bei.  (Bild: Pixelio/Dieter Schütz)

Für Roger Nitsch, Direktor der Abteilung für Psychiatrische Forschung an der UZH ist klar: Das Gehirn ist immer noch zu grossen Teilen unverstanden. Umso wichtiger sei das Zentrum für Neurowissenschaften Zürich (ZNZ) und der 2001 lancierte Nationale Forschungsschwerpunkt (NFS) «Neuro – Plastizität und Reparatur des Nervensystems» des Schweizerischen Nationalfonds.

Der NFS ist an der Universität Zürich (Leading House) und der ETH Zürich angesiedelt und läuft noch bis 2013 (vgl. Kasten). In seinem Rahmen analysieren rund 120 Forschungsgruppen die Funktionen des gesunden Gehirns, versuchen die Mechanismen von Hirnerkrankungen besser zu verstehen und entwickeln neue Therapieansätze.

Dabei können sie beachtliche Erfolge vorweisen, wie die laufenden Arbeiten zur Immuntherapie von Querschnittlähmung, Alzheimer und Parkinson sowie zur motorische Rehabilitation nach einem Schlaganfall zeigen.

Ob das Gehirn jemals in seiner Gesamtfunktion verstanden werden kann, bleibt für Nitsch eine offene Frage: «Wir versuchen mit dem Gehirn unser Gehirn zu verstehen – das bleibt eine schwierige Aufgabe

«Fortschritte in der Bildgebung werden es ermöglichen, Diagnose, Therapie und Prävention von Hirnerkrankungen weiter zu verbessern.» Roger Nitsch, Direktor der Abteilung für Psychiatrische Forschung an der UZH.  (Bild: Adrian Ritter)

Risiken erkennen

Wie anfällig das komplexe System «Gehirn» ist, zeigten Susanne Walitza, ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes, und Erich Seifritz, Direktor der Klinik für Affektive Erkrankungen und Allgemeinpsychiatrie Zürich Ost der Psychiatrischen Universitätsklink Zürich (PUK), in ihren Referaten am vergangenen Donnerstag an der ETH Zürich auf.

Gerade das junge und noch in Entwicklung befindliche Gehirn sei Risiken verstärkt ausgesetzt, sagte Susanne Walitza. Zu diesen Risiken gehört etwa, wenn Jugendliche keine guten Bindungen in Familie, Kindergarten und Schule entwickeln können.

Es gelte, allfällige Störungen in der Hirnentwicklung frühzeitig zu erkennen, um sie besser therapieren zu können. Nicht jede Auffälligkeit sei jedoch eine Störung, die behandelt werden müsse, zeigte Walitza am Beispiel des Aufmerksamkeitsdefizits (ADHS) auf.

Die Hyperaktivität trete kulturübergreifend bei drei bis vier Prozent aller Kinder und Jugendlichen auf. Hinzuschauen gelte es vor allem dann, wenn die Hyperaktivität zu einer Selbstgefährdung der Kinder führe. Ritalin sei dabei nur das letzte Mittel der Wahl – im Gegensatz etwa zur immer notwendigen Psychotherapie.

Erich Seifritz von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (links): «Ich hoffe, dass wir in der Psychiatrie in zehn bis zwanzig Jahren individuellere Therapien anbieten können.» Rechts: Anton Valavanis, Klinik für Neuroradiologie/USZ. (Bild: Adrian Ritter)

Depression individuell behandeln

Für die Erwachsenenpsychiatrie gab Erich Seifritz der Hoffnung Ausdruck, bis in zehn oder zwanzig Jahren individuellere Therapien anbieten zu können. Die bildgebenden Verfahren würden es beispielsweise ermöglichen, verschiedene Untertypen von Depression zu erkennen. Wenn es gleichzeitig gelinge, die genetischen und biologischen Grundlagen der Krankheit noch besser zu verstehen, werde dies den Weg freimachen für eine personalisiertere Medizin.

Hilfreiche Bildgebung

Nicht nur psychiatrische, auch somatische Krankheiten weisen einen individuellen Verlauf auf, sagte Professor Anton Valavanis, Direktor des Klinik für Neuroradiologie am Universitätsspital Zürich. Bei einem Schlaganfall könnten bildgebende Verfahren heute das Blutgerinsel im Gehirn lokalisieren helfen. Mit der «Thrombektomie» liege zudem eine neue und erfolgversprechende Behandlungsform vor, um Gerinsel aus einem Blutgefäss zu entfernen.

Erst am Anfang stehe dagegen die Neuronanotechnologie, bei welcher Mikroroboter zum Gerinsel vordringen und es lokal auflösen sollen, antwortete Valavanis auf eine Frage aus dem Publikum.

Die Podiumsteilnehmer zweifelten nicht daran, dass der Hirnforschung grosse Fortschritte bevorstünden. Sie werde in Zukunft «noch interdisziplinärer» sein, meinte Seifritz, und «noch technischer», sagte Wyler. Dieser Ansicht war auch Roger Nitsch: «Mit dem Siegeszug der Bildgebung können Diagnose, Therapie und auch Prävention von Hirnerkrankungen weiter verbessert werden.» 

Susanne Walitza, Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst: «Das junge Gehirn ist Risiken verstärkt ausgesetzt.» Links: Daniel Wyler, Prorektor Medizin und Naturwissenschaften der UZH.  (Bild: Adrian Ritter)

Neurotower als Ziel

Daniel Wyler, Prorektor Medizin und Naturwissenschaften der Universität Zürich, hob die Bedeutung der Neurowissenschaften an der UZH hervor. Die Universität habe rund 20 Millionen Franken in den NFS Neuro investiert und in den vergangenen Jahren zehn neue Professuren mit einem Bezug zur Hirnforschung geschaffen – von Lehrstühlen im Bereich Klinik bis zur Neuroökonomie.

«Was fehlt, ist die bauliche Infrastruktur, um die Forschungsgruppen unter einem Dach zu vereinen», so Wyler. Wie sein Vorredner Roger Nitsch wünscht sich auch Wyler einen «Neurotower» für Zürich.

Schwerpunkte bilden

Dieser Wunsch war nicht zuletzt an den anwesenden Gesundheitsdirektor des Kantons Zürich, Regierungsrat Thomas Heiniger, gerichtet. Dieser mochte keine Zusage machen für eine Unterstützung der Idee des Neurotowers. Heiniger empfahl den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sich weiter zu vernetzen und Schwerpunkte zu bilden. «Das wird auch die nötigen finanziellen Mittel anziehen», so Heiniger.  

Unbestritten war an der Veranstaltung, dass der Forschungsstandort Zürich gut aufgestellt ist in Sachen Neurowissenschaften. «Zürich gehört schon jetzt zur kleinen Gruppe der weltweit führenden Forschungsorte der Neurowissenschaften», so Valavanis. So brauche man etwa die Konkurrenz des kürzlich angekündigten Hirnforschungsverbundes «Neuropolis» der Hochschulregion Genf/Lausanne nicht zu fürchten.

Die öffentliche Veranstaltung fand im Rahmen des zweitägigen Symposiums des Zentrums für Neurowissenschaften Zürich und des NFS Neuro statt. 

NFS «Neuro»

Seit 2001 arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen des NFS Neuroin acht Projekten an besseren Therapien für Erkrankungen und Verletzungen des Nervensystems. Wenn der Forschungsschwerpunkt 2013 ausläuft, bleiben etliche seiner Errungenschaften bestehen. So konnten von den acht Assistenzprofessuren, die im Rahmen des NFS geschaffen und finanziert wurden, bisher vier in permanente Professuren an der UZH/ETHZ überführt werden. Zudem wird ein Teil der geschaffenen Technologieplattformen weitergeführt. Jedoch gehen laut Wolfgang Knecht, Ko-Direktor des NFS Neuro, auch wichtige Vorteile verloren – unter anderem die Möglichkeit, neue gemeinsame Projekte von Neurobiologen, Klinikern und Ingenieuren zu fördern.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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