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Wege aus der Finanzkrise

Der gute Ökonom

Marc Chesney, Professor für Finance an der UZH, kritisiert seine Zunft: Der blinde Glaube an den freien Markt wurde durch die Finanzkrise ad absurdum geführt. Jetzt verlangt Chesney eine «ökonomische Aufklärung».
Thomas Gull
«Ich möchte meinen Kindern dereinst sagen können, dass ich nicht im Elfenbeinturm geblieben bin und versucht habe, etwas zu verändern.» Marc Chesney.

Marc Chesney, akkurat in Anzug und Krawatte, das Haar fein säuberlich zurückge­kämmt, vielleicht geliert. So stellt man sich einen Professor der Finanzwissenschaft vor: gepflegt und distanziert. Denn man weiss es ja aus den Lehrbüchern: Die beste aller ökonomischen Wel­ten ist der freie Markt, der sich selbst reguliert. Das heisst: Das Klügste ist, sich gar nicht einzu­mischen und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Der Schein trügt. Der freie Markt ist ausser Rand und Band, und mir gegenüber sitzt ein «homme engagé», der das ändern möchte.

Blinder Glaube an den freien Markt

Chesney vergleicht die Krise mit einer Pandemie. Die Finanzwissenschaftler sieht er in der Rolle von Medizinprofessoren. Während die Gesellschaft bei einer Pandemie von den Ärzten erwartet, dass sie eine aktive Rolle spielen, halten sich die Finanzprofessoren bei der aktuellen Finanzkrise sehr zurück. Das hat wahr­scheinlich mit ihrem Selbstverständnis zu tun. Vor allem aber mit der Ideologie, die das ökono­mische Denken auch an den Universitäten be­herrscht: dem Neoliberalimus mit seinem blinden Glauben an den freien Markt. Verkörpert wird dieser durch die so genannte Chicagoer Schule. Deren berühmtester Exponent, Milton Friedman, beschrieb ihr Credo so: «Chicago steht für den Glauben an den freien Markt und die Skepsis ge­genüber Eingriffen des Staates in die Wirtschaft.»

Steuerzahler tragen die Risiken

Aus dieser Perspektive ist Marc Chesney ein Häretiker, denn er hält klipp und klar fest: «Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Annahme, die Märkte seien effizient und regulierten sich selbst, falsch ist.» Das grundsätzliche Problem sei, so Chesney, dass das heutige Finanzsystem eines der Grundprinzipien des Kapitalismus nicht mehr respektiere: «Wer Risiken eingeht, sollte sie auch selber tragen. Doch für die Risiken, die In­vestmentbanken oder Hedge Fonds in den ver­gangenen Jahren eingegangen sind, haben häufig die Steuerzahler, die Aktionäre, die Kunden und die Angestellten bezahlt. Dies widerspricht dem Geist des Kapitalismus.»

Wenn Investmentbanken Casino spielen

Chesney hält weiter fest: «Eigentlich sollte die Finanzindustrie der Realwirtschaft und der Ge­sellschaft dienen. Das bedeutet vor allem: Die Banken sollten die profitablen Investitionsprojek­te der Realwirtschaft finanzieren. Da sind sie heute nicht besonders erfolgreich. Statt den Un­ternehmen ausreichend Kredite zu gewähren, investieren viele ihr Kapital in komplexe Finanz­produkte.»

Mit grotesken Folgen: Der Nennwert der derivativen Finanzprodukte, die weltweit gehandelt werden, entspricht mittlerweile etwa dem Zehnfachen des globalen BIP. «Das ist unge­sund und vor allem: sehr gefährlich.» Für Ches­ney ist deshalb klar: «Es braucht neue Regulie­rungen.»

Dazu gehört unter anderem, dass Ge­schäfts- und Investmentbanken aufgeteilt wer­den sollten, wie es in den USA bis zum Jahr 1999 der Fall war («Glass-Steagall Act»). «Wenn die Investmentbanken im Casino spielen, dürfen sie mindestens keine öffentliche Deckung erhalten», betont Chesney. Der Fall der UBS steht hierzulan­de für die Konsequenzen, die das Zocken der Investmentbanker haben kann. Während die Schweiz noch glimpflich davongekommen ist, hat es andere Staaten schlimmer erwischt: Sie muss­ten sich noch höher verschulden, um ihre maro­den Banken zu retten.

Radikales Umdenken

Deshalb verlangt Chesney ein radikales Um­denken. Das muss in der Wissenschaft beginnen: «Wie von Medizinprofessoren erwarten Gesell­schaft und Politik von uns einen Beitrag dazu, wie die Finanzprobleme gelöst werden können.»

Der Zürcher Finance-Professor gehört zu den führenden Köpfen, die eine Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften vorantreiben. Er ist einer der Autoren und Erstunterzeichner des Aufrufs «Sustainable and Responsible Finance» (nachhaltige und verantwortungsvolle Finanz­wissenschaft), der im März 2011 lanciert wurde. Darin wird die «Scheuklappenmentalität» der herrschenden Lehre in den Finanzwissenschaf­ten angeprangert (Chicago School), die  nach wie vor ein «Quasimonopol in der akademischen Welt» beanspruche.

Der Aufruf kritisiert den dogmatischen Cha­rakter der wirtschaftwissenschaftlichen Lehre und verlangt eine neue Vielfalt des Denkens. Als Autoren zeichnen 19 Professorinnen und Profes­soren aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Spanien und Belgien. Chesney hat auch das im November 2011 publi­zierte «Basler Manifest zur Ökonomischen Auf­klärung» mit verfasst.

Krankheit, die geheilt werden kann

Die Massnahmen, die von Ches­ney und seinen Kollegen vorgeschlagen werden, haben zum Ziel, die Finanzmärkte zu stabilisie­ren und berechenbarer zu machen. Um ihre Auf­gabe im Dienst der Realwirtschaft zu erfüllen, sollte der Finanzsektor reguliert werden und we­niger komplex sein. Zu diesen vorgeschlagenen Massnahmen gehören eine Transaktionssteuer, die Zertifizierung von Finanzprodukten und Boni für Controller.

«Eine Finanztransaktionssteuer von beispiels­weise 0,1 Prozent würde die Spekulation eindäm­men und viel Geld in die leeren Staatskassen spülen, mit dem Folgen der Finanzkrise bewäl­tigt werden könnten», erklärt Chesney.

Boni für Controller statt für Trader

Die Zertifizierung von Finanzprodukten durch eine unabhängige Institution würde dazu dienen, Finanzprodukte, die schädlich sind für die Realwirtschaft und die Gesellschaft, nicht zu­zulassen. Boni für  Controller, die helfen, Verluste zu vermeiden, würden diese mo­tivieren, genauer hinzuschauen und den Beruf attraktiver zu machen: «Meine Studierenden wol­len alle Trader und nicht Controller werden. Als Controller gibt es keine Boni, mit denen man sich einen Porsche kaufen kann», erzählt Chesney.

Chesney will das Bewusstsein der künf­tigen Finanzmarktspezialisten, die an den Uni­versitäten ausgebildet werden, schärfen: «Wir müssen die Probleme im Unterricht thematisie­ren», betont er. «Statt nur die positiven Aspekte der Finanzmärkte zu zeigen, sollten wir auch die negativen beleuchten. Beispielsweise werden de­rivative Finanzprodukte oft nur als Absiche­rungsinstrumente präsentiert, obwohl sie in Wirklichkeit auch Systemrisiken erzeugen.» Das Umdenken wird Zeit brauchen.

Gegen den Mainstream

Die Chicago School ist nach wie vor über­mächtig, und sie dominiert auch die A-Journals, die tonangebenden wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften, in denen publizieren muss, wer Karriere machen will. Für Chesney wäre es deshalb wichtig, eine neue Zeitschrift zu grün­den, in der auch andere Ideen Platz haben. Deren Erfolg wird davon abhängen, ob sie von der Wis­senschaft und der Politik anerkannt wird: «Wenn bei Berufungen auch in Zukunft nur auf Publi­kationen in den herkömmlichen Journals ge­schaut wird, lohnt sich der Aufwand nicht.»

Gerade für junge Ökonomen sei es schwierig, sich gegen den Mainstream zu stellen, sagt Ches­ney: «Sie brauchen die Publikationen in den wich­tigen Journals für ihre Karriere.»

Verantwortung übernehmen

Er selber will sich weiter exponieren. Wenn möglich noch in diesem Jahr wollen Chesney uns seine Mitstrei­terinnen und Mitstreiter einen Aktionsplan prä­sentieren, der aufzeigt, wie die Finanzindustrie reguliert werden soll. Seine Forschung wird der Finance-Professor auch in diese Richtung orien­tieren. «Das wird es mir nicht erleichtern, in be­stimmten Journals zu publizieren», sagt er.

«Wenn mir meine Kinder dereinst Fragen zur Lage der Welt und die Verantwortung unserer Generatio­nen stellen sollten, möchte ich ihnen sagen kön­nen, dass ich nicht im Elfenbeinturm geblieben bin und dass mein berufliches Ziel nicht nur auf die Publikationen in wissenschaftlichen Journals begrenzt war.» Chesney lacht: «Ich möchte sagen können: Ich habe versucht, etwas zu verändern.» Ob es gelingt, wird sich zeigen.