Astrophysik

Das Universum nach Ben Moore

Astrophysiker Ben Moore ist ausgezogen, um die Entstehung des Universums zu begreifen. Seine Erkenntnisse präsentiert er im Buch «Elefanten im All». Eine Tour de Force, die den Horizont erweitert.

Thomas Gull6 Kommentare

«Wir sollten aus der kurzen Zeit, die wir auf diesem Planeten verbringen, das Beste machen.» Ben Moore. (Bild: Jos Schmid)

Ben Moore ist in aufgeräumter Stimmung. So wie eigentlich jedes Mal, wenn man ihn trifft oder mit ihm korrespondiert. Seine Mails beginnen jeweils mit «Hi Thomas» und enden mit «Cheers»(Tschüss!). Ben schert sich keinen Deut um Formalitäten. Weshalb sollte er auch. Der schlacksige Mitvierziger wirkt stets wie einer der Jungs, denen alles etwas leichter fällt. Nur stellt man sich diese eher als Surfer oder Snowboarder vor, die den ganzen Tag am Strand oder in der Halfpipe abhängen und Fun haben.

Dazu passt Moores Credo: «Das Leben ist völlig sinnlos. Deshalb sollten wir in der kurzen Zeit, die wir auf diesem Planeten verbringen, das Beste draus machen und uns amüsieren.» Das Carpe diem eines Mannes, der weiss, was hinter uns liegt und was uns noch bevorsteht. Denn Ben Moore ist kein Hallodri, der in den Tag hinein lebt, sondern Professor für Astrophysik an der Universität Zürich.

Gehirn und Universum

Ben hat mich in seine Wohnung eingeladen, die gleich neben dem Irchel-Campus liegt. Jetzt sitzen wir in seinem Musikzimmer und ich habe Gelegenheit, die halbnackte Schönheit aus Bronze mit dem wohlgeformten Hinterteil zu bewundern, die sich auf dem Clubtisch räkelt. Ob es mir etwas ausmache, wenn er rauche, fragt der Hausherr. Dann legen wir los. Der Anlass für unser Gespräch ist Moores Buch «Elefanten im All», das in diesen Tagen erscheint. Es ist die Quintessenz seiner Forschung und seines Nachdenkens über uns Menschen und das Universum.

Vom Urknall bis heute

Locker und eingängig geschrieben, präsentiert uns der Astrophysiker seine Version der Geschichte vom Urknall bis heute. Das ist ziemlich cool und auch ziemlich ambitioniert. Denn Moor beschränkt sich dabei nicht auf sein Forschungsgebiet, sondern er erzählt auch die Geschichte der Menschheit im Zeitraffer und erklärt uns, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Die Hirnforschung ist neben der Astrophysik die zweite grosse Leidenschaft dieses Homo universalis (vielleicht der letzte seiner Art): «Es gibt zwei grosse Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte: Wie hat das Universum angefangen und wie funktioniert das Gehirn. Beides ist sehr kompliziert.» Ob wir je wissen werden, was vor dem Urknall war, ist ungewiss. Das Gleiche gilt wohl für das Funktionieren des Gehirns.

Das Versagen der alten Römer

Selbst Moores Beitrag zur Deutung der Geschichte ist originell und trotzdem nicht abwegig: Er schwärmt von den Griechen, die das rationale Denken erfunden haben und sich viele Gedankenüber die Natur und das Universum machten. Schade nur, dass es nicht im gleichen Stil weiterging, sondern die Römer und die Religion den wissenschaftlichen Fortschritt zum Erliegen brachten. Das freie Denken der Griechen wurde verdrängt durch den Militarismus des Imperium Romanum, dessen Ziel nicht neue Erkenntnisse waren, sondern Macht und Reichtum, und die Religionen, namentlich das Christentum, welche «die Menschen daran hindern zu denken. Wenn sich das wissenschaftliche Nachdenken und Forschender Griechen nahtlos weiterentwickelt hätte, könnte ich heute vielleicht in einer Raumfähre zu den Sternen fliegen», sinniert Moore. Dass dem nicht so ist, nimmt er den Römern übel.

Wenn die Sonnen verglühen

Was nicht ist, kann noch werden. Gemäss Moore, täten wir gut daran, statt in die Rüstung in die Raumfahrt zu investieren. Denn die Verhältnisse auf unserem Planeten werden nach und nach unwirtlicher, weil die Sonne immer heisser wird. In einer Milliarde Jahren wird es auf der Erde über 100 Grad heiss sein, Meere und Seen verkochen. Dann verglüht die Sonne, und in sieben Milliarden Jahren ist unser Stern nur noch ein Weisser Zwerg, der seine letzte Energie abstrahlt, bis er zu einem kalten, unsichtbaren Schwarzen Zwerg wird. Dann sollte unsere Art definitiv auf einem anderen Planeten in einem anderen Sonnensystem sein.

Doch selbst diese Rettung ist nicht von Dauer, denn das ganze Universum, das heute bestückt ist mit Milliarden von Sternen, wird eines Tages dunkel und leer sein, weil alle Sterne verglüht sind und die Materie zerfällt. Was mit dem Urknall begann, endet im schwarzen Nichts. So lautet die Prognose von Moore und seinen Kollegen. Zu den Clous in Moores Buch gehört, dass aus diesem Nichts wieder ein neues Universum entstehen könnte. Wir werden dann aber definitiv nicht mit von der Partie sein.

Der Junge aus dem Norden

Moore gibt in seinem Buch auch einiges von sich selber preis. Es ist die Geschichte eines Jungen aus dem Norden Englands, der mit seinem Vater, der Forstwart war, viel Zeit in der Natur verbrachte: «Wir waren immer draussen. Mein Vater stellte ständig Fragen, etwa, weshalb der Himmel am Abend rot ist.» Diese Neugierde gab er dem Sohn mit. Moore las Bücher über Kosmologie, und sie machten gemeinsam ein erstes physikalisches Experiment auf dem Dachboden – das Doppelspaltexperiment. Heute kann Moore einige der Fragen seines Vaters beantworten, aber noch nicht alle.

Klettern und Snowboarden

Neben der Neugierde und der Leidenschaft für die Wissenschaft ist ihm auch das Bedürfnis geblieben, sich in der freien Natur zu bewegen: Er ist passionierter Kletterer und Bergsteiger, der auch in diesem Bereich die Herausforderung sucht, etwa in den Felswänden des Yosemite-Nationalparks in den USA (um dort zu klettern, ging er an die Universität von Kalifornien in Berkeley) oder bei der Besteigung des Mont Blanc. Moore ist auch ein begeisterter Snowboarder. Nur mit dem Skifahren klappt es nicht so richtig. Doch egal, Snowboarden ist ohnehin viel cooler und sieht besser aus.

Wissenschaftler nach Zürich locken

Moore ist ein Tausendsassa, dem fast alles zu gelingen scheint: «Ich wollte Wissenschaftler werden, Musik machen, schreiben. Ich wollte alle diese Dinge tun, weil sie Spass machen.» Gesagt, getan: Moore hat als Astrophysiker eine steile Karriere hinter sich, er war Professor in Durham (mit einem Stipendium der Royal Society), bevor er 2001 als 35-Jähriger nach Zürich berufen wurde, um hier eine Forschungsgruppe für computergestützte Astrophysik aufzubauen, «die beste der Welt, ohne arrogant sein zu wollen», sagt Moore.

Was braucht es dazu? «Das Geheimnis ist, die besten Leute einzustellen, zum Beispiel solche, die die Programme für unsere Computersimulationen schreiben. Oder solche, die einen Supercomputer bauen können.»

Dank dem Supercomputer zBox, den Moore zusammen mit Joachim Stadel entwickelt hat, kann in Zürich die Entstehung von Galaxien simuliert werden. Im Moment arbeitet Moores Team mit Hochdruck daran, herauszufinden, wie Planeten wie die Erde entstanden sind. Die Wissenschaftler lockt Moore nach Zürich, indem er ihnen die Vorzüge erklärt: «Stabilität, Struktur, Lebensstandard.» Und die Berge sind nicht weit. «It’s nice here», sagt Moore, «und man kann hier genauso gut arbeiten wie in Oxford oder Cambridge.»

Schlafen, wenn man tot ist

Daneben hat Moore noch Zeit, ein populäres Buch zu schreiben und als Gitarrist mit der Elektorrockband MILK67 aufzutreten. «Elefanten im All» hat er nächtens geschrieben, in etwa drei Monaten. Alles in allem habe es aber trotzdem rund drei Jahre gedauert, erzählt Moore: Ich habe zwei Jahre gebraucht, um herauszufinden, wie ich schreiben soll.» Als er am Buch arbeitete, hat er kaum geschlafen, «doch ich schlafe ohnehin wenig, schlafen kannst du, wenn du tot bist.» Zum Abschied drückt er mir eine CD in die Hand «MILK67 & Professor Moore» und sagt: «Über die Musik haben wir jetzt gar nicht gesprochen.» Vielleicht ein andermal.

Literatur: Ben Moore: Elefanten im All – Unser Platz im Universum; Kein & Aber, Zürich 2012.

Thomas Gull ist Redaktor des magazins.

6 Leserkommentare

Hans-Boris Hahnen schrieb am Ein Nichts als Ende des Universums? Mir hat das Buch "Elefanten im All" sehr gut gefallen. Der Schlussfolgerung, dass das Universum in einem unendlichen, zerstrahlten Raum endet und dort verharren wird, kann ich jedoch nicht folgen. Denn meines, vielleicht unvollständigen, Wissens wäre dies ein Nichts, oder zumindest ein absolut symetrischer Raum. Da Objekte, die absolut symetrisch sind gleichzeitig Objekte höchster Ordnung und damit Energiedichte darstellen, wäre wohl hier der Startpunkt für einen erneuten Urknall. Da das Streben nach maximaler Unordnung in maximaler Ordnung endet. Oder liege ich da falsch?
Max Müller schrieb am M. Müller Festhalten am Urknall bedeutet: Die Entwicklung vom Werden auszuschliessen. Die heutigen Voraussetzungen der Materie können nicht als immerwährende Gegebenheiten vorausgesetzt werden. Alles Entstandene verfestigt sich vorerst und löst sich dann wieder auf (Sinuskurve). Die Entstehung des Alls geschah über die Verdichtung von Wärme, Luft, Wasser zu fester Materie und löst sich wiederum zu Strahlung auf /Atomzerfall). Die Naturwissenschaft verhindert selbst ein undogmatisches Denken, weil sie Phänomene generell nicht in ihr festgefahrenes Denkgebäude aufnehmen will. Sie will nicht weiter forschen, wie der Apfel auf dem Baum wächst, denn die Gesetze der Gravitation verhindern dies. Das Prinzip des Lebens ist ihr unbekannt. Weil das sinnlich nur in der physischen Form feststellbar ist (wachsen und welken / Sinuskurve) ist das Wesentliche noch nicht geklärt. Dogmas lassen sich nur mit einer Offenheit und die eigenen Bemühungen zur persönlichen Weiterentwicklung überwinden.
Andreas Schmid schrieb am Atheistische Glaubenssätze. Was mir bei den meisten Naturwissenschaftlern schräg einfährt ist, dass sie die Existenz eines wie auch immer gelagerten Gottes à priori ausschliessen. Dies einfach bloss, weil sie alle naturwissenschaftlichen Zusammenhänge kennen oder zu kennen glauben. Und: Sie nehmen praktisch bei ihren atheistischen Glaubenssätzen stets den Gott der Christen oder einer ihnen sonst bekannten Weltreligion als einzige Parameter. Was falsch und eingeschränkt erscheint. Wie wäre es denn, wenn man davon ausgehen würde, dass ein religiös unetikettierter Gott die ganzen physikalischen Gesetze (z.B. Gravitation etc) schon vor einem Urknall seiner Schöpfung zugrunde gelegt und deren allmähliche Entwicklung (Evolution usw.) als Vehikel nützen würde? Mir ist die ganze wundersame Entwicklung des Universums, unserer irdischen Natur, ja des Menschen selbst, als Produkt aus dem Zufallsgenerator schlicht und einfach zu dürftig! Im Uebrigen finde ich die Ausführungen Moores durchaus gut und interessant.
Peter Germann schrieb am Gegenüberstellung von Thesen und Theorien Ich bin jetzt auf Seite 60. Ich frage mich, warum der Autor seine Thesen immer wieder mit religösen Konzepten vergleichend darstellt. Ich sähe einen durchaus klareren Aufbau: a) Ueberblick über die heutigen Erkenntnisse in der Astrophysik. b) Kontroversen oder "noch offene Themen" in der AP c) Auseinandersetzung mit historischen astrophysischen Konzepten d) Eventuell Auseinandersetzung mit nich-astrophysischen Konzepten. Wenn ich ein Bedürfnis nach religiösen Erklärungen verspüre, werde ich mich nicht primär mit AP auseinander setzen. Eine andere Reihenfolge ist denkbar, doch eine allzu frühe Vermengung erzeugt überall Nebel.
Johann Jakob schrieb am Die Theologie fragt anders als die Naturwissenschaft Moore sagt: «Die Kirche hinderte die Menschen zu denken». NEIN, sie konnten es nicht! Die Kirche verhinderte im Mittelalter auch nicht den Automobilbau. Erst mit der Entwicklung unserer intellektuellen Fähigkeiten entwickelte sich unsere Zivilisation. Die Naturwissenschaft fragt danach, «wie» das Universum oder das Gehirn einer Ameise funktioniert. Die Theologie fragt danach, «dass» es etwas gibt - es könnte ja auch sein, dass es NICHTS gibt.
Ruedi Berger schrieb am Elefanten im All Der Artikel von Thomas Gull hat mich angeregt, das Buch "Elefanten im All" zu kaufen und zu lesen. Gespannt bin ich auf seine Gedanken bezüglich der Römer und der christlichen Kirche, die vor allem über Jahrhunderte "die Menschen daran hinderte, zu denken" und dies, wo immer sich ihr eine Möglichkeit bietet, auch heute noch tut. Zudem hoffe ich, beim Lesen des Buches etwas über die Lebensdauer der Materie, im Speziellen der Protonen, zu erfahren. Ich lasse mich überraschen! Thomas Gull hat übrigens Ben Moore überaus aussagekräftig und lebendig beschrieben. Man möchte mit dem Astrophysiker gerne selber ins Gespräch kommen.

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