Psychologie

«Wünschen kann zu Nichtstun verführen»

Wünsche prägen unseren Alltag. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit der Psychoanalytikerin Brigitte Boothe, die auf einem Symposium zu Traum und Wunsch am 2. und 3. September an der Universität Zürich einen Vortrag über die Psychoanalyse des Wünschens hält. 

Marita Fuchs

«Hebs guet», «alles Gute für die Prüfung», «beste Gesundheit». Frau Boothe, sind das lediglich Sprüche oder steckt mehr dahinter?

Gute Wünsche kann man als säkulare Form alltäglicher Segnung bezeichnen. Man spricht damit das Wohlwollen und die positive Gesinnung den anderen gegenüber aus, ohne jedoch Handlungen damit zu verknüpfen.

Wie kommen diese Segnungen beim Adressaten an?

Selbst konventionelle Wünsche wie «Guten Tag» vermitteln Wohlwollen und Achtsamkeit. Darauf können wir nicht gut verzichten. Würden wir zum Beispiel bei einem Experiment Probanden dazu anhalten, auf alle guten Wünsche zu verzichten, nicht zu lächeln und ein steinernes Gesicht zu zeigen, würden sich alle schnell ausserordentlich elend fühlen.

Brigitte Boothe, Professorin für Klinische Psychologie: «Menschen, die keine Vorfreude kennen, sind oft reizbarer und ungeduldiger als andere.» (Bild: Marita Fuchs)

Sie haben sich mit der Psychoanalyse des Wünschens wissenschaftlich befasst, was fasziniert Sie besonders?

Wunschvorstellungen können zu unserem Wohlbefinden beitragen. Wenn man nicht handeln kann, besteht doch immerhin noch die Möglichkeit, davon zu träumen. Davon leben wir auch im Alltag. Der funkelnde Mercedes aus dem Inserat veranlasst uns zu träumen, auch wenn wir uns das Auto nicht leisten können. Allein durch den Wunsch, es zu besitzen, fühlen wir uns besser. Wünsche helfen uns, abzuwarten. Im Leben ist ja nicht alles subito möglich.

Wie hängen Wunsch und Vorfreude zusammen?

Die Vorfreude ist eine wichtige Gemütsverfassung, quasi die Vorstufe des Wunsches. Das Kind freut sich: noch drei Tage bis Weihnachten. Sensible Eltern können zusammen mit dem Kind schöne Vorstellungen von Weihnachten entwickeln und damit die Vorfreude kultivieren. Das hat einen psycho-hygienischen Vorteil: Der Genuss der Vorfreude ist ein Garant für das Sich-gedulden-Können. Klinisch-therapeutisch gesehen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die keine Vorfreude kennen, oft irritierbarer, reizbarer und ungeduldiger sind als andere.

Wie ist es mit Vorsätzen, zum Beispiel dem Wunsch «ab heute werde ich ganz sportlich»?

Der Unterschied zwischen Wünschen und Wollen liegt darin, dass die Wunschvorstellung letztlich selbstgenügsam ist. Vom Wünschen aus gibt es keine direkten Wege zum Handeln. Bekannte Wissenschaftler wie der Motivationsforscher Peter M. Gollwitzeroder der Psychologe Heinz Heckhauser unterteilen das Wünschen und das Wollen in zwei Reiche. Will der Mensch von einem Reich ins andere gelangen, muss er quasi den Rubikon überqueren. Das heisst, man muss etwas überspringen, wo es keinen nahtlosen Übergang gibt. Das Wünschen kann sehr faul und passiv sein. Wünschen ist dezenter Illusionismus des Alltags.

Besteht die Gefahr, immer nur zu wünschen und damit das Handeln zu verpassen?

Ja, Wünschen kann zum Nichtstun verführen. Hier spielt das Temperament auch eine Rolle. Tatmenschen neigen dazu, Träumer mit vielen Wünschen als versponnen wahrzunehmen, während die Träumer ihre Phantasien geniessen und es in der Regel auch nicht so tragisch finden, wenn die Träume nicht in Erfüllung gehen. Sie finden die stets Handelnden und diejenigen, die ständig nach dem Nutzwert fragen, eher nervig.

Es gibt auch böse Wünsche.

Richtig. Dazu hat der Zürcher Germanist Peter von Matt einmal auf einer Tagung ein anschauliches Beispiel erzählt. Von Matt sass in einer Gartenwirtschaft und hörte mit, wie die Kellnerin mit Gästen über einen gemeinsamen Bekannten sprach. Sie sagte, er sei krank und sie wünsche ihm von Herzen langes Siechtum und einen schweren Tod. Die Kellnerin entsprach damit nicht der Konvention, böse Herzensneigungen zu verbergen.

Psychologisch gesehen, haben Rachewünsche die Funktion, unser Selbstgefühl zu stabilisieren. Letztlich sind böse Wünsche eine Waffe der Ohnmacht. Und sie sind oft mit der magischen Vorstellung verbunden, dass unser schlechter Wunsch irgendeine Auswirkung auf den Adressaten hat.

Wunschlos glücklich. Gibt es das überhaupt?

Ich bin da sehr skeptisch. Eines ist jedoch wahr: Viele alte Kulturen und auch der Buddhismus propagieren den Verzicht. Askese gilt als oberstes Ziel. Da helfen Wünsche nicht, denn sie verklären das, was wir begehren. Deshalb disziplinieren sich manche Menschen bis zum Zustand vollkommener Indifferenz. Um diesen «neutralen» Zustand zu erreichen, benötigt man jedoch enorm viel Zeit und Übung. Und ob das gut ist, wage ich zu bezweifeln. Dahinter steckt meiner Meinung nach eine ausgeprägt narzisstische Wunschvorstellung.  

Symposium – Traum und Wunsch Am 2. und 3. September 2011 findet an der Universität Zürich Irchel ein Symposium zum Thema Traum und Wunschstatt. Forscher und Praktiker sollen dabei zu Wort kommen, die sich im Spektrum von Psychotherapieforschung, Erzählforschung und angewandter Psychoanalyse im institutionellen und ambulanten Kontext bewegen. Der erste Tag ist der Forschung gewidmet: Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen In- und Ausland präsentieren ihre Projekte und Studien im Rahmen von Plenarvorträgen, Symposien und Werkstätten. 
 Am zweiten Tag wird das Feld den Praktikern überlassen: Dozentinnen und Dozenten der postgradualen Weiterbildung in psychoanalytischer Psychotherapie präsentieren Fälle, reflektieren Theorien und Techniken und diskutieren über Möglichkeiten und Grenzen psychoanalytischen Arbeitens.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000