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Rechtsmedizin

Vom Skalpell zum Scanner

Aussergewöhnliche Todesfälle werden am Rechtsmedizinischen Institut in Zürich mit modernen bildgebenden Verfahren untersucht. Ganz auf das Seziermesser verzichten können die Forensiker jedoch nicht, sagte Michael Thali, neuer Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Zürich, an einem Vortrag des Zentrums für Integrative Humanphysiologie. 
Marita Fuchs
«Virtopsy» nennt sich die virtuelle Autopsie mithilfe von Computertechnik.

Nach dem Zusammenstoss mit einem Auto stirbt auf einer Landstrasse in der Nähe von Zürich ein Velofahrer. Der Fahrer des Wagens behauptet vor Gericht, der Velofahrer sei seitlich vom Weg abgekommen und plötzlich auf das Auto geprallt.

Anhand der Dokumentation des Gerichtsmediziners wird allen medizinischen Laien im Gerichtssaal schnell klar, dass der Unfall so nicht abgelaufen sein kann. 3-D-Bilder von Verletzungen am Bein des Toten zeigen deutlich die Spuren der Autolampe, die frontal auf die Wade gestossen sein muss. Der Velofahrer muss sich also beim Aufprall direkt vor dem Wagen befunden haben und kann nicht von der Seite gekommen sein.

Im virtuellen Bildern wird der Unfallhergang genau rekonsturiert.

Geht es um die Klärung aussergewöhnlicher Todesfälle, sind Forensiker gefragt. In der Schweiz werden sie jährlich etwa 2000 bis 3000 Mal gerufen, um Todesfälle zu untersuchen, die plötzlich, unerwartet oder mit Verdacht auf Gewalteinwirkung eingetreten sind.

Autopsie in Bildern

Dank externen Stiftungsgeldern ist das Rechtsmedizinische Institut in Zürich mit der neuesten Technik ausgestattet. Die Forensiker blicken seit kurzem mithilfe von Scannern, Computertomographen und Magnetresonanztomographen in das Innere von Leichen, bevor sie diese mit dem Skalpell öffnen. Dank der neuen Hightech-Methoden entdecken sie noch so kleine Spuren von Verletzungen im Körper und können so ganze Tathergänge vor Gericht anschaulich visualisieren.

«Virtopsy» nennt sich die virtuelle Autopsie mithilfe solcher Computertechnik. Entwickelt wurde sie von Michael Thali, der seit Anfang Februar 2011 neuer Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts an der Universität Zürich ist. Das Verfahren besteht aus mehreren Schritten: Zunächst markieren Rechtsmediziner und Radiologen die Leiche und mögliche Tatwerkzeuge mit Referenzpunkten. Ein Scanner tastet die Oberflächen ab, er registriert auch kleinste Wunden, wie zum Beispiel Nadelstiche, und speichert sie.

Michael Thali, neuer Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Zürich: «In einigen Jahren wird die Virtopsy so weit sein, dass es gar nicht mehr nötig ist, Körper zu sezieren.»

Sich virtuell durch den Körper bewegen

Anschliessend wird die Leiche in einem Computertomographen untersucht. Seine Stärke: die Erfassung von Knochen und Knorpeln. Um Weichteile wie das Gehirn oder andere Organe genau zu erfassen, wird zum Schluss die Leiche in einem Magnetresonanztomographen untersucht. Alle Daten werden zusammengetragen, und ein Computerprogramm berechnet Scheibchenbilder des Körpers, die sich einzeln ansehen lassen. Diese «Multi-Slice-Technik» macht es möglich, dass sich Rechtsmediziner am Bildschirm sogar durch ein dreidimensionales Modell des Körpers hindurchbewegen können, bevor sie ihn öffnen.

Michael Thali sagt der neuen Methode eine grosse Zukunft voraus: «In einigen Jahren wird die Virtopsy so weit sein, dass es gar nicht mehr nötig ist, Körper zu sezieren.»