70. Geburtstag von Bruno S. Frey

«Offbeat Economics» in Reinkultur

Der Volkswirtschaftler Bruno S. Frey ist selten dem Mainstream gefolgt. Ihn interessieren die unkonventionellen Ansätze. Genauso hält es Elinor Ostrom. Die erste Nobelpreisträgerin für Wirtschaft liess es sich nicht nehmen, am wissenschaftlichen Jubiläums-Symposium «Offbeat Economics» Bruno S. Frey persönlich zum 70. Geburtstag zu gratulieren.

Roland Gysin2 Kommentare

Bruno S. Frey, emeritierter Professor für theoretische und praktische Sozialökonomie, feiert am 4. Mai seinen 70. Geburtstag. Ihm zu Ehren fand an der Universität Zürich ein Jubiläums-Symposium statt unter dem Titel «Offbeat Economics». Organisiert von Margit Osterloh, emeritierte Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich und am Center for Research in Economics, Management and the Arts.

Bruno S. Frey, Universität Zürich: Unkonventionell und innovativ. (Bild: Roger Luethi)

Ein eigener Rhythmus

Das Symposiumsmotto «Offbeat Economics» ist ein Geistesblitz von Margit Osterloh. Unkonventionelle Gedanken, Forschungsthemen und -ansätze, die aus dem Mainstream herausragen, quasi einen eigenen Rhythmus schlagen, diese Eigenschaften haben Bruno S. Freys Verständnis von Ökonomie geprägt.

Und dies nicht zu knapp: Nicht weniger als 1067 wissenschaftliche Beiträge tragen seit 1965 seine Autorschaft. Darunter 522 Aufsätze, 192 Zeitungsbeiträge und 21 Bücher. Diese Fakten zusammengetragen hat Friedrich Schneider, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz. Am meisten erstaunt habe ihn, so Schneider an der Jubiläumsveranstaltung, dass 33 Prozent der Aufsätze in den letzten zehn Jahren erschienen seien. Bei den Zeitungsbeiträgen seien es gar 46 Prozent.

Friedrich Schneider, Universität Linz: Gut vernetzt. (Bild: Roger Luethi)

Daraus lasse sich leicht der Schluss ziehen, dass da «einer mit dem Alter nicht nur besser, sondern auch schneller wird». Ebenfalls bemerkenswert sei Freys grosses Netzwerk: Knapp ein Drittel seiner Arbeiten entstanden gemeinsam mit Co-Autoren oder Co-Autorinnen.

Vom Föderalismus zur Titanic

Freys Themenvielfalt ist enorm: In seinen Publikationen beschäftigte er sich unter anderem mit Fragen des Glücks: Wie beeinflusst die wirtschaftliche Lage das menschliche Wohlbefinden? Wie können föderalistische Staatsgebilde im politischen und fiskalen Wettbewerb besser organisiert werden? Oder am Beispiel des Untergangs der Titanic: Weshalb setzt sich in Extremsituationen der egoistische Überlebensinstinkt gegenüber altruistischem Sozialverhalten durch?

Eliane Ostrom, Nobelpreisträgerin für Wirtschaft 2009: Aus den USA angereist. (Bild: Philippe Schädler)

Dekan Josef Falkinger wies in seiner Laudation wiederholt darauf hin, welch grosse Verdienste sich Frey «als Motor» um die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich erworben habe. Zum Beispiel mit der Idee, 1999 die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom für ein Ehrendoktorat vorzuschlagen. Ein weiser und vorausschauender Gedanke: 2009 erhielt Ostrom als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaft für ihre Forschungen im Umgang mit knappen Ressourcen.

Dem Homo sociologicus auf der Spur

Die Nobelpreisträgerin selbst war zum Jubiläum in der Aula der Universität Zürich aus den USA angereist. Nicht nur um Bruno S. Frey persönlich zu gratulieren, sondern auch um in einem Referat die Bedeutung des sozialen Kapitals – etwa in der Form von Vertrauen oder starken Institutionen – für wirtschaftliches und politisches Wohlergehen zu betonen. Dabei unterstrich sie, dass «es ohne bedeutende Investitionen in öffentliche Güter und Institutionen keinen prosperierenden Privatsektor gibt».

Jean-Charles Rochet, Universität Zürich: «Reforming Capitalism». (Bild: Philippe Schädler)

Jean-Charles Rochet, Professor für Banking an der Universität Zürich, plädierte unter dem Titel «Reforming Capitalism» für eine Corporate Governance im Sinne der bekannten Genossenschaftsidee. Konkret: für den stärkeren Einbezug von Konsumenten und Kunden in unternehmerische Entscheidungsprozesse.

Und Siegwart Lindenberg, Professor für kognitive Soziologie an der Universität Groningen in den Niederlanden, sprach über seine Experimente zum Thema Vorurteile. Menschen würden sehr empfindlich auf Unordnung reagieren. «Eine Umgebung, die als unordentlich empfunden wird, lädt Menschen dazu ein, gegenüber anderen in Klischees zu denken.» Mit ein Grund, Wohngegenden nicht verkommen zu lassen.

Siegwart Lindenberg, Universität Groningen: Unordnung animiert dazu, in Klischees zu denken. (Bild: Roger Luethi)

Die Botschaft des Jubiläumssymposiums war klar: Anders als für neoklassische Ökonomen mit ihrem grenzenlosen Vertrauen in den Nutzen maximierenden Homo oeconomicus gibt es für Offbeat-Ökonomen keine immergültigen Wahrheiten, sondern nur ein ständig sich wiederholendes «trial and error», um den Verhaltensformen des Homo sociologicus schrittweise auf die Spur zu kommen.

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

2 Leserkommentare

Nadine Binsberger schrieb am Ironie? @Wirz 27.04.2011: Zitat "Kein Wunder gibt es heute praktisch keine schlechten Produkte mehr." Das meinen Sie bestimmt ironisch, oder? Ich habe schon lange kein "gutes" Produkt mehr gesehen. Alles ist darauf ausgerichtet, schnell kaputt zu gehen. Ein Produkt, mit dem man 50 Jahre zufrieden sein könnte, wird heute nicht mehr hergestellt, weil es die entsprechende Produktion überflüssig macht und somit deren Existenz gefährdet. Wenn etwas 5 Jahre hält, dann ist das schon sehr viel und schon fast "antikapitalistisch".
Jost Wirz schrieb am Jean-Charles Rochets Reform-Kapitalismus Ich kann nicht glauben, dass ein Hochschulprofessor ernsthaft daran glaubt, ein institutionalisierter Einbezug der Kunden in die Entscheidfindung von Unternehmen würde sicher stellen, dass nur noch möglichst qualitativ hochstehende Produkte und Dienstleistungen angeboten werden. Dieses Anliegen darf getrost dem Markt überlassen werden. Die Verbraucher entscheiden doch in unserer Ueberflussgesellschaft jeden Tag durch ihr Kaufverhalten, ob ein Angebot ihren Vorstellungen und ihren Bedürfnissen entspricht. Kein Wunder gibt es heute praktisch keine schlechten Produkte mehr. Minderwertiges - falls es überhaupt hergestellt und vertrieben wird, was äusserst selten ist - verschwindet innert Kürze vom Markt. Samt dem Anbieter. Shareholder Value ist eben nicht ein Ziel, sondern das Resultat.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000