Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft

Gesucht: «Filmbeau aus dem Ahnenzeughaus»

Verena Vaucher löst gern Kreuzworträtsel – im Rahmen ihrer Doktorarbeit, die sie am Deutschen Seminar der Universität Zürich schreibt. Als «l'objet de recherche» dienen der sprachverliebten Germanistin die Gitterrätsel aus dem Magazin des Tages-Anzeigers.

Alice Werner

Ein Gespräch mit Verena Vaucher hat einigen Unterhaltungswert. «Was ist eine Pizza à la Justin?», fragt sie und liefert die Antwort gleich selbst: «Ein Biberfladen!» Vaucher ist fast 70. Sie ist ein neugieriger und offener Mensch, der jeden Gesprächsfaden aufnimmt und immer etwas Interessantes findet, um ihre Leidenschaft begreiflich zu machen. «In jedem guten Rätsel steckt verkleinert das Rätsel des Lebens», sagt sie.

Nach 40 Jahren als Lehrerin «aller Primar- und Oberschulstufen» liess sie sich frühpensionieren – nur um erneut die Schulbank zu drücken. Seit 2004 ist sie als Studentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich eingeschrieben. Ihre Fächer: Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte.

Kreuzworträtseln - ein psychosoziales Phänomen quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Die spätberufene Geisteswissenschaftlerin, der es schwer fällt, «die Seele baumeln zu lassen», gehört zu jenen Kreuzworträtsel-Enthusiasten, denen das Um-die-Ecke-denken nicht kompliziert genug sein kann. Seit 14 Jahren löst sie Woche für Woche die «Trudy-Müller-Bosshard-Kreuzworträtsel» im Magazin des Tages-Anzeigers. Mittlerweile ist aus der Hobby-Grüblerei eine Wissenschaft geworden: Vaucher schreibt gerade ihre Dissertation – über «Verrätselungen in Kreuzworträtseltexten und deren Lösungsstrategien».

Den Ratemechanismus knacken

Wie errät man ein Rätsel? Oder auch: Wie verrät ein Rätsel sich selbst? Das sind die Kernfragen, um die sich Vauchers Forschungsarbeit dreht: «Ich untersuche, wie der Ratemechanismus auf textlinguistischer Ebene provoziert wird.»

Vaucher blättert in ihren Unterlagen und schiebt dann jenes Kreuzworträtsel von Trudy Müller-Bosshard über den Tisch, das ihr als Textgrundlage und «l'objet de recherche» dient. Alle 159 Kästchen sind mit Bleistift ausgefüllt. «TMBs Rätsel eignen sich besonders gut, dem Rätseltextphänomen auf den Grund zu kommen.» Denn anders als bei einem normalen Kreuzworträtsel, dessen Wissensfragen man einfach googeln kann, sind beim Tagi-Magi-Rätsel die Lösungshinweise selbst verrätselt.

Zur Illustration deckt Verena Vaucher das ausgefüllte Raster mit der Hand ab und tippt auf Hinweis Nummer 15: «Gemahnt an spannende Madame, die Louis-seize-Chaise.» Bei einer textlinguistischen Analyse, sagt Vaucher, gehe sie immer zuerst vom Wortsinn aus. Ein erstes Brainstorming, um der Lösung auf die Spur zu kommen, könne folgendermassen aussehen: «Spannende Madame: eine interessante Madame, oder eine Madame, die spannt? Auf französisch ist ein Spanner ein Voyeur. Die weibliche Form wäre Voyeuse – ein Lexem, das allerdings nicht existiert. Und Louis-seize-Chaise? Gemeint ist wohl ein Stuhl. Aber welcher Stuhl aus der Zeit Louis XVI erinnert an eine spannende Madame?» Verena Vaucher hebt fragend die Augenbrauen.

Verena Vaucher, Doktorandin am Deutschen Seminar: «Ein Rätsel birgt seine Lösung stets in sich.» (Bild: Alice Werner)

Die Lösung steckt im Rätsel

Die richtige Lösung lautet «voyeuse». Tatsächlich existiert in der Geschichte der Stilmöbel ein sogenannter «chaise voyeuse d`époque Louis XVI». Die «spannende Madame» war nur der Wink mit dem Zaunpfahl. Vaucher zieht ein paar Fotokopien aus ihren Unterlagen: Eine Systematik aus sechs Kriterien, mit der die Textualität, und damit die Lesbarkeit eines Rätsels, nachgewiesen werden kann. «Und was lesbar ist, ist auch lösbar.» Entwickelt von ihrem Doktorvater, Heiko Hausendorf, Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der UZH, nutzt Vaucher dieses Raster für ihre textanalytische Arbeit.

«Bei unserem Beispiel», erklärt sie, «liegt das Kriterium der intratextuellen Verknüpfbarkeit vor.» Die beiden Lösbarkeitshinweise «spannende Madame» und «Louis-seize-Chaise» beziehen sich assoziativ aufeinander und werden als Stellvertreter für den gesuchten Begriff eingesetzt. Ein Rätsel birgt seine Lösung also stets in sich – ausgehend von Trudy Müller-Bosshards Kreuzworträtseln, will Vaucher diese These wissenschaftlich überprüfen.

Kapiertrieb und Hirnlust

Dafür schreckt sie auch nicht vor empirischen Forschungswegen zurück: Als ihr eigenes Versuchskaninchen dokumentierte und systematisierte sie akribisch jeden Geistesblitz, der ihr beim Lösen besagten Kreuzworträtsels durch den Kopf schoss, um Rückschlüsse auf seine Textstruktur zu ziehen. Ein anstrengendes Unterfangen: «Mit dem Aufnahmegerät in der Hand zensiert man sich automatisch.» Sie machte Videoaufzeichnungen ihrer Kolloquiumsgruppe beim Grübeln – und wollte das Experiment wegen Gedankenstaus vorzeitig abbrechen. «Doch am Tiefpunkt kam es plötzlich zu einem richtigen Rush.»

Hat hier vielleicht jener «Kapiertrieb» eingesetzt, von dem der Hirnforscher und Biokybernetiker Valentin Braitenberg behauptet, er sei dem Sexualtrieb nicht unähnlich? Verena Vaucher nickt und spricht dann von der unglaublichen Neugier, der entscheidenden Hirnlust, die unsere Spezies so sehr charakterisiere. Kreuzworträtseln, sagt sie, sei zudem ein psychosoziales Phänomen quer durch alle Bevölkerungsschichten. Ihre Studienkollegen jedenfalls hatten Spass. Und Erfolg? «Sie kamen auf plausible falsche Lösungen», sagt sie diplomatisch.

Seit einiger Zeit gebe es aber eine Telefon-Helpline für verzweifelte oder ungeduldige Tagi-Magi-Rätselnde. Für 50 Rappen pro Lösungshinweis verrate einem der Telefonbeantworter einzelne Buchstaben oder gleich das gesuchte Wort. Ist das nun enttäuschend oder beruhigend? Verena Vaucher findet es vor allem schade: «Rätsellösungen sollten nicht käuflich sein. Da geht die Magie verloren.»

Und dann, im Nachsatz, kommt das eigentlich Interessante: Ist das Kreuzworträtsel erst einmal gelöst, verliert es seinen Sinn. Seine Bestimmung, seinen Wert, ja seine ganze Daseinsberechtigung, verlöscht in jenem Augenblick, in dem der Rätselnde den letzten Buchstaben einträgt. «Es ist schon ein Paradox: Aber jedes Kreuzworträtsel stirbt mit seiner Lösung.»

Alice Werner ist Redaktorin UZH News.

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