Menschenbilder

Die Seele hat viele Namen

Wie sehen wir uns? Das Selbstverständnis des Menschen ist je nach Kultur, Ort und Zeit verschieden. Die interdisziplinäre Ringvorlesung «Abschied vom Seelischen?» an der Universität Zürich erkundet unterschiedliche Seelenkonzepte jenseits esoterischer Verwirrungen.

Interview: Roland Gysin

UZH News: Hansueli Rüegger, Sie sind Philologe und Theologe und organisieren an der UZH und der ETH eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe unter dem Titel «Abschied vom Seelischen? Erkundungen zum menschlichen Selbstverständnis». Worum geht es?

Hansueli Rüegger: Es geht ums Nachdenken über unser Selbstverständnis. An der Ringvorlesung bringen 14 Referentinnen und Referenten unterschiedliche Entwürfe von Menschenbildern in Erinnerung – von der Antike bis in die Neuzeit. Die Grundidee dahinter ist, uns anzuregen zu fragen: Wie sehen wir uns?

Unterschiedliche Menschenbilder verstehen: René Magritte, La Reproduction interdite, 1937.

Weshalb ist «das Seelische» aus der Wissenschaft verschwunden?

Um das Verständnis des Seelischen wurde lange und immer wieder gestritten. Das hat sich erst im 19. Jahrhundert geändert. Seither steht in akademischen Diskursen nicht mehr die Seele im Zentrum, sondern der Geist, das Bewusstsein, mentale Fähigkeiten oder das Verhalten. Bis hin zur Vorstellung, diese seien allein als Produkt neuronaler Prozesse zu verstehen.

Der Begriff der «Seele» ist also Wandlungen unterworfen?

Menschenbilder sind je nach Kultur, Ort und Zeit verschieden. Sie ändern sich. Wie in den Wissenschaften gibt es auch im menschlichen Selbstverständnis Paradigmen, und die unterliegen dem Wandel und dem Wechsel. Das war schon in der Antike und im Mittelalter so. Die Vorstellungen vom «Seelischen» im Alten oder im Neuen Testament sind andere als bei Platon oder Aristoteles. Und in der arabischen Philosophie ist es wiederum anders als bei Descartes.

In einem der Vorträge wird es um ein neurotechnisches Therapieverfahren gehen, das bei motorisch-neurologisch geschädigten Menschen zum Einsatz kommt, etwa bei Parkinson-Patienten.

Ja, die Patienten erhalten eine Art neurologischen Schrittmacher, der über eingesetzte Elektroden bestimmte Gehirnregionen stimuliert. Die medizinischen Erfolge sind verblüffend. Das Zittern hört auf, und die Patienten können ihre Bewegungen wieder kontrollieren. Erstaunlich dabei ist, dass das «Selbstverhältnis», wie es die Referentin Henriette Krug von der Charité Berlin nennt, sich nicht im gleichen Ausmass verbessert, wie die medizinischen Erfolge es vermuten liessen. Es gibt etwas im Selbstbild dieser Patienten, dass sich der neurologischen Therapie entzieht.

Und dieses Etwas ist «die Seele»?

Wichtig scheint mir die Beobachtung, dass unser Erleben komplexer ist, als es in einem neurobiologischen Menschenbild erscheint. Es gibt eine Differenz, die zu denken gibt. Man mag dies «Seele» nennen oder «Persönlichkeit» oder «Selbstverhältnis».

Hansueli Rüegger: «Die neuzeitlichen Wissenschaften haben den Menschen auf das Physische und den Intellekt fixiert.»

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Irdisch-körperliche Vorstellungen ringen mit metaphysisch-geistigen Vorstellungen. Oder um Goethes Faust zu zitieren: «Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.»

In der Ringvorlesung geht es nicht darum, verschiedene Positionen gegeneinander auszuspielen. Sondern darum, genau hinzuschauen, was die Eigenarten unterschiedlicher Seelenkonzeptionen sind, und wie sich diese im Verlauf der Zeit verändert haben. Es geht um das Verstehen von unterschiedlichen Menschenbildern, die uns fremd sind oder fremd geworden sind.

Die britische Sängerin Amy Winehouse hat kurz vor ihrem Tod zusammen mit der amerikanischen Jazzlegende Tony Bennet den Jazzstandard «Body and Soul» von 1930 eingespielt. Während die Seele in der Wissenschaft ein Schattendasein fristet, ist sie in Kunst und Kultur topaktuell. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Seele ist nicht nur in Liedtexten präsent, sondern vielfach im Alltag, zum Beispiel in Redewendungen wie «ein Herz und eine Seele sein» oder «mit Leib und Seele etwas tun». Die neuzeitlichen Wissenschaften haben den Menschen auf das Physische und den Intellekt fixiert, aber in ihrem Selbstverständnis sind die Menschen mehr als Körper und Geist.

Ringvorlesung «Abschied vom Seelischen?»

Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland erkunden im Herbstsemester 2011/12 in der Ringvorlesung «Abschied vom Seelischen»das menschliche Selbstverständnis. Betrachtet und diskutiert werden Beispiele von der Antike bis in die Neuzeit aus der Theologie, der Philosophie, der Dichtung, der Biologie, der Psychologie und der Medizin. Die Organisatoren sind Hansueli Rüegger, Evelyn Dueck und Sarah Tietz, alle Universität Zürich. Jeweils am Donnerstag von 18:15 bis 20 Uhr, Universität Zürich Zentrum, Eingang Karl Schmid-Strasse 4, Hörsaal 180. Eintritt frei. Die nächste Vorlesung findet statt am Donnerstag, 29. September: «Sinnbilder der Seele bei Platon und Aristoteles», Thomas Buchheim, Professor für Philosophie, Ludwig-Maximilians-Universität München.

Roland Gysin ist Leiter Publishing.

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