Osteuropa-Stipendien

Besuch aus dem neuen Europa

Mit dreissig Millionen Franken lädt die Schweiz während acht Jahren die besten Doktorierenden und Postdocs aus den neuen EU-Ländern in die Schweiz ein. Darunter Michala Čadová und Lucie Slámová aus Prag sowie Magdalena Grazul aus Lodz. Sie alle forschen nun während maximal zwei Jahren an der Universität Zürich. 

Markus Binder

Michala Čadová, Magdalena Grazul und Lucie Slámová reden in Ausrufezeichen: «Zürich ist das Paradies für Velofahrer!» «An der Limmat ein Glacé essen ist himmlisch!» «Es ist genauso, wie ich es mir erträumt habe!» Vor allem schwärmen sie von den Möglichkeiten an der UZH, von den Bedingungen im Labor und den freundlichen Kolleginnen und Kollegen. Die drei Doktorandinnen forschen seit ein paar Monaten an der UZH: in der Zahnklinik, am Institut für Anorganische Chemie und in der Onkologie des Kinderspitals.

Lucie Slámová aus Prag beschäftigt sich mit Leukämie in der Kindheit am Kinderspital. (Bild: Frank Brüderli)

Ermöglicht hat ihnen dieser Forschungsaufenthalt das Schweizer Stimmvolk vor mehr als fünf Jahren. Am 26. November 2006 hat es nämlich das Osthilfegesetz mit einer Mehrheit von 53 Prozent gutgeheissen. Aus dieser sogenannten Kohäsionsmilliarde fliessen 30 Millionen Franken in das Programm «Scientific Exchange Programme between Switzerland and the New Member States of the European Union» (Sciex), das 2009 gestartet wurde. Damit können bis 2016 theoretisch 617 Fellows aus der Tschechischen Republik, Estland, Ungarn, Litauen, Lettland, Polen, der Slowakei und Slowenien für ein halbes Jahr in die Schweiz kommen, die Aufenthalte dürfen allerdings nur bis 24 Monate dauern.

Michala Čadová aus Prag arbeitet am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. (Bild: Frank Brüderli)

Kein Brain Drain

Ziel ist, die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede in der erweiterten EU zu reduzieren. Deshalb müssen die Doktorierenden und die Postdocs nach ihrem Aufenthalt an einer Schweizer Forschungsinstitution auch wieder zurück an ihre Heimuniversität. Es geht also nicht darum, einfach die besten Forschenden in die Schweiz zu holen, sondern deren akademische Karriere zu fördern und ein neues Netzwerk mit den neuen EU-Staaten zu knüpfen. «Das Programm soll ja nicht zu einem Brain Drain führen, sondern genau das Gegenteil bewirken», sagt Aude Pacton, die Programm-Managerin bei der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten.

Die drei Doktorandinnen sind sich sehr wohl bewusst, dass der Zweck ihrer Aufenthalte an der UZH auch darin liegt, anschliessend das Gelernte zurück an die Heimuniversität zu tragen. Die Biologin Magdalena Grazul (26) zum Beispiel, die über den Einfluss von Metall-Komplexverbindungen auf Tumorzellen arbeitet,  würde zwar gerne etwas länger bleiben als nur sechs Monate, freut sich aber auch darüber, die neuen Methoden zu Hause im polnischen Lodz weiterzuvermitteln.

Magdalena Grazul aus dem polnischen Lodz forscht am Institut für Anorganische Chemie. (Bild: Frank Brüderli)

In der Schweiz Ideen sammeln

Ganz ähnlich reagieren die beiden Pragerinnen Michala Čadová und Lucie Slámová. Sie empfinden es als grosses Glück, in Zürich studieren zu können, wollen aber ganz bewusst auch etwas für Prager Institute tun. «Wenn wir unsere Universitäten verbessern wollen, müssen wir im Ausland Ideen sammeln», sagt Michala Čadová. Die 27-jährige Ingenieurin versucht die Belastung auf Knorpel zu berechnen, was insbesondere für die Behandlung von Arthrose relevant ist. Lucie Slámová ist 28 Jahre alt, hat Medizin studiert und lange als Kinderkrankenschwester gearbeitet. In Zürich forscht sie über Leukämie in der Kindheit und führt dazu Versuche mit Mäusen durch, was an ihrem Departement zu Hause derzeit nicht möglich ist.

Beliebt bei Frauen

Die Sciex-Stipendien sind sehr beliebt. In der jüngsten Ausschreibung wurden 157 Projekte eingereicht. Ausgewählt wurden allerdings nur 66, davon 29 aus Polen und 16 aus der Tschechischen Republik. Die UZH stellt in dieser Ausschreibung acht Projekte und bildet zusammen mit der Universität Bern und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA die nationale Spitze. Weil das Programm so erfolgreich angelaufen ist, wird es noch dieses Jahr auf Rumänien und Bulgarien ausgeweitet.

Markus Binder ist Journalist in Zürich.

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