Kulturforschung

Zwischen Einfalt und Vielklang

Werden wir künftig nur noch Englisch sprechen und mit der immer gleichen Bildsprache konfrontiert sein? Im bünderischen Bergell trafen sich Wissenschaftler und Künstler und diskutierten über den Uniformierungsdruck in der Kultur.

Marco Baschera

Das Bergell: Das Tal im Kanton Graubünden ist sprachlich beeinflusst vom Italienischen, Deutschen und Rätoromanischen. Zudem wird ein eigener Dialekt gesprochen.

Castasegna, Bergell: Komplexe Form gelebter Mehrsprachigkeit. (Bild: bregaglia.ch)

Über die Jahrhunderte hat sich in diesem Mikrokosmos eine komplexe Form von gelebter Mehrsprachigkeit ausgebildet, die in letzter Zeit in eine Phase des schnellen Wertewandels und der Orientierungslosigkeit geraten ist. Mit dem zunehmenden Verschwinden des Dialekts ist eines der wichtigen, identitätsstiftenden Elemente des Tals bedroht. Das Bergell kann daher als Laboratorium dazu dienen, Probleme der sprachlich-kulturellen Identität, wie sie sich in ganz Europa zeigen, zu untersuchen.

Um die Beziehung von Sprachen, Bildern und Denken im lokalen und globalen Kontext zu diskutieren, trafen sich Linguisten, Philosophen, Juristen, Bildspezialisten und Schriftsteller aus ganz Europa im Juni im Denklabor «Villa Garbald» in Castasegna, Bergell.

Das Bergell in Europa

Der Bezug zwischen dem Bergell und Europa wurde in verschiedenen Vorträgen hervorgehoben. So berichtete Nicoletta Maraschio, Präsidentin der Accademia della Crusca in Florenz, aus Italien, wo durch die starke Einwanderung der letzten Jahre und Jahrzehnte weit über Hundert neue Sprachen ins Land gekommen sind.

Jürgen Trabant, Linguist, Sprachphilosoph und Professor für europäische Mehrsprachigkeit an der Jacobs University in Bremen, skizzierte die Entstehung der Nationalsprachen in der Renaissance, in welcher das Latein als «lingua franca» von einer Gemeinschaft von Sprachen abgelöst wurde. Er ging dabei auf den oft fälschlicherweise angeführten Vergleich zwischen dem Latein des Mittelalters und dem heutigen Englisch als «lingua franca» ein.

Warnung vor invasivem Englisch

Trabant warnte eindringlich vor den Folgen der ungehemmten Ausbreitung des Englischen, welche die Gefahr der weltweiten Ausbildung einer medialen Zweisprachigkeit in sich berge, die aus der jeweiligen Volkssprache plus Englisch bestehe. Sie führe zu einem Prestigeverlust der nationalen Standardsprachen und stelle damit Europa in seinen Grundfesten in Frage.

Ein weiteres wichtiges Thema der Tagung bildete die Notwendigkeit der Übersetzung, die gemäss einem Diktum von Umberto Eco die gemeinsame Sprache Europas darstellt. Verschiedentlich wurde an die zentrale Stellung erinnert, welche die Übersetzung im Leben der Sprachen, der Gemeinschaften und damit auch der Menschen in ihrem grundlegenden Verhältnis von Eigenem zu Fremdem spielt.

Uniforme Bilder

Ruedi Baur von der Hochschule für Künste in Zürich verwies zudem daraufhin, dass die Bilder in der Globalisierung einem ebenso grossen Uniformierungsdruck ausgesetzt sind wie die Sprachen. Er plädierte vor allem für eine positive, lebendige Darstellung der Mehrsprachigkeit in Bild und Wort. Der kleinste gemeinsame Nenner dürfe keinesfalls als Modell dienen für die interkulturelle Vermittlung zwischen den Völkern, sagte Baur.

Die Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Vom 2. bis 5 Juni 2010 fand im Denklabor «Villa Garbald»der ETH und der Universität Zürich in Castasegna (Bergell) eine internationale Tagung zu Fragen der Beziehung von Sprachen, Bilder und Denken im lokalen und globalen Kontext statt. Sie wurde organisiert durch Mario Frasa, vom «Centro di dialettologia e di etnografia del canton Ticino»sowie Marco Baschera, vom «Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Zürich», in Zusammenarbeit mit dem «Collegium Helveticum»sowie der «Fondazione Garbald». Die Tagung eröffnete eine Reihe von weiteren Veranstaltungen im «Denklabor Villa Garbald», die der Kluft zwischen den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie den Naturwissenschaften gewidmet sein wird. Diese Kluft soll von der grundlegenden Beziehung von Denken, Bildern und Sprachen her angegangen werden, die sich in den beiden Wissenschaftskulturen verschieden ausgebildet haben. Die an dieser ersten Tagung diskutierten Themen stellen sich in aller Schärfe auch in den global vernetzten Wissenschaften, wo sich das Englisch immer mehr auf Kosten anderer Sprachen durchsetzt. Dabei stellen sich folgende wichtigen Fragen:

  • Sind Sprachen nur Kommunikationsmittel?
  • Wie steht es mit der Beziehung von Sprachen und wissenschaftlichem Denken?
  • Gibt es ein mehrsprachiges Denken und könnte dieses auch für die Wissenschaften von grossem Nutzen sein?
  • Laufen die Wissenschaften nicht Gefahr durch die Privilegierung einer einzigen Sprache in ihrem Denken zu verarmen?
  • Wie steht es um die denkerische Präzision, welche die alleinige Konzentration auf das Englisch auch Anderssprachigen zu vermitteln vermag.
  • Marco Baschera ist Titularprofessor für Neuere französische und Allgmeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Universität Zürich.

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