Tierversuche

«Fehlt das Streicheln, ist dies ein Stressfaktor»

Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, würden sich emotional schützen, indem sie Tiere eher als Sachen betrachten, meint Dennis C. Turner, Verhaltensforscher für Kleintiere an der Universität Zürich. Dennoch bezweifelt er, dass es möglich ist, «eine persönliche Beziehung nicht zuzulassen». Turner sprach mit UZH News am Rande einer Tagung über «Güterabwägung bei der Bewilligung von Tierversuchen».

Julia Guran

Experten aus Recht, Biologie und Ethik diskutierten in der Semper-Aula der ETH Zürich über die «Güterabwägung bei der Bewilligung von Tierversuchen». Organisatoren der zweitägigen Veranstaltung waren Universität und ETH Zürich sowie das Collegium Helveticum.

Dennis C. Turner, Verhaltensforscher für Kleintiere: «Ausführende von Tierversuchen kommen in eine Konfliktsituation.» (Bild: Julia Guran)

Mit dabei: Dennis C. Turner, Privatdozent für Verhaltenskunde der Kleintiere an der Universität Zürich. Im Gespräch mit UZH News äussert er sich über den emotionalen Wert von Tieren.

Herr Turner, Heimtiere und ihre emotionale Wirkung auf Menschen stehen im Zentrum Ihrer Forschung. Welches sind die neuesten Erkenntnisse?

Dennis C. Turner: Dass ein Haustier Depressionen und Einsamkeitsgefühle mindert und damit die Medikamentenkosten reduziert, ist bekannt. Ebenso die Tatsache, dass ein Heimtier als Puffer gegen Stress besser wirkt als der eigene Lebenspartner. Neueste Studien zeigen, dass drei Minuten streicheln ausreichen, damit bei Hund und Menschen ein Hormon ausgeschüttet wird, das die Bindung fördert.

Warum ist dies im Bezug auf Tierversuche relevant?

Tests mit Versuchskatzen haben bewiesen, dass der Urin-Cortisol-Spiegel, also das Stressniveau, beim Tier steigt, wenn Streicheln wegen der Versuchsbedingungen nicht erlaubt ist. Die Katzen sind daran gewöhnt. Fehlt das Streicheln, ist dies ein Stressfaktor.

Wenn Tierpfleger mit Katzen unterschiedlich umgehen, zeigen sie ebenfalls unterschiedliche Anzeichen von Stress. Also müssen wir uns bewusst sein, dass der tägliche Kontakt zwischen Tierpflegern und Versuchstieren eine Gewöhnung erzeugt und möglicherweise die Validität der Forschungsergebnisse beeinflusst.

Inwiefern?

Es ist ähnlich wie bei Tieren, die einen ökonomischen Wert haben, zum Beispiel Arbeit verrichten oder als Nahrungsquelle dienen. Indem der Mensch eine persönliche Beziehung ausschaltet, schützt er sich vor den unangenehmen Aspekten seines Handelns. Wir töten Tiere nicht selber, sondern delegieren dies an einen Metzger. Das ist ein Schutzmechanismus.

Ein Wissenschaftler, der einem Tier Schmerzen oder Leid zufügen muss, muss sich ebenso abgrenzen. Er wird das Tier eher als Sache betrachten und ihm beispielsweise keinen Namen geben. Ich bezweifle jedoch, und es gibt Daten, die das belegen, dass es wirklich möglich ist, eine persönliche Beziehung nicht zuzulassen. Ich sage nicht, dass Ausführende von Tierversuchen unmenschlich sind. Aber sie kommen in eine Konfliktsituation.

Was sind die Folgen für die Forschung?

Es ist unvermeidlich, dass der Forschende oder der Tierpfleger einen Einfluss auf die Ergebnisse hat, denn er hat einen Einfluss auf die Tiere. Das Tier hat zum Menschen unbedingt eine Beziehung, und wenn es nur Gewöhnung ist. Dessen muss man sich bewusst sein.

Julia Guran ist freie Journalistin.

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