Wirtschaft und Mitgefühl

«Wir brauchen eine säkulare Ethik»

Der Dalai Lama pflegt den Dialog mit den Wissenschaften – neben den Naturwissenschaften neuerdings auch mit der Ökonomie. Bei der 20. Mind-and-Life-Konferenz, mitorganisiert von der Universität Zürich, gaben sich beide Seiten zuversichtlich, dass die Menschen fähig sind, mehr Mitgefühl zu entwickeln. Dies sei auch nötig für ein gerechteres Wirtschaftssystem.

Adrian Ritter

«Wir brauchen eine neue Generation von Wirtschaftsführern», ist William George überzeugt. Der Professor für Management an der Harvard Business School hielt mit Kritik an den «Leaders» nicht zurück. Viele hätten ihre eigenen Interessen längst vor die Verantwortung für die Gesellschaft gestellt. Kein Wunder, dass das Vertrauen in sie mit der Wirtschaftskrise endgültig verloren gegangen sei.

Vorhang auf für den Dalai Lama: Beim Besuch in der Schweiz ständig von Sicherheitsleuten umgeben. (Bild: Adrian Ritter)

Die Krise nur ihnen anzulasten, wäre allerdings verkürzt. Für George ist die jüngste Wirtschaftskrise auch Ausdruck eines spirituellen Versagens der Menschen: «Je reicher, desto glücklicher – dies entpuppte sich als Trugschluss.»

Dienen gibt Sinn

Echter Sinn entstehe nur, wenn der Mensch anderen dienen könne. Wirtschaftsführer sollten ihren Mitarbeitenden und Kunden dienen, so George. Eine neue Generation mitfühlender, authentischer Führungskräfte sei nötig, welche den Menschen und Unternehmen Werte vermitteln und vorleben können.

Solche Leader werden nicht geboren, sondern müssen sich entwickeln. Aber wie? Es war dies eine der Fragen, welche vier Professoren aus den Bereichen Wirtschaft, Psychologie und Religion am Sonntag im letzten Gruppengespräch der Konferenz dem Dalai Lama stellten.

Plädoyer für eine religionsfreie Ethik: «Be a kind person» ist auch möglich, wenn man nichts glaubt. (Bild: Adrian Ritter)

Werte trainieren

Dieser verwies auf den Stand der Hirnforschung: «Die Neurowissenschaften zeigen klar, dass innere Werte wie Mitgefühl trainiert werden und wir Menschen uns ändern können.»  Entsprechend seien etwa Erziehung und Bildung aufgefordert, Mitgefühl zu vermitteln. Um die globalen Probleme der Menschheit zu lösen, bräuchten wir solche grundlegenden menschlichen Werte. Erfreulicherweise würden sich heute wieder mehr Menschen dafür interessieren.

Es geht auch ohne Buddhismus

«Brauchen wir für dieses Training von Werten zwingend den Buddhismus?», wollte Ernst Fehr, Professor für Ökonomie an der Universität Zürich, vom Dalai Lama wissen. «Nein», antwortete dieser. Das Wissen und die Praxis des Buddhismus seien hilfreich, aber nicht nötig.

Wichtiger sei es, eine «säkulare Ethik» zu entwickeln. Diese müsse für alle Menschen zugänglich sei, egal, welcher Religion sie angehören, oder ob sie konfessionslos leben. Die ganze Menschheit benötige mehr Mitgefühl, nicht nur eine spezifische Gruppe. «Be a kind person» sei auch möglich, wenn man nichts glaube, so der Dalai Lama.

Er habe gute Beispiele von religionsfreier Ethik im Schulunterricht gesehen. Es gelte, solche Bestrebungen zu fördern, vom Kindergarten bis zur Hochschule. Wünschenswert wäre auch mehr Forschung über die Vermittlung solcher Werte.

Dialog mit den Wirtschaftswissenschaften: Der Dalai Lama begrüsst Ernst Fehr, Professor an der Universität Zürich. (Bild: Adrian Ritter)

Wie prägt uns die Gesellschaft?

Forschungsbedarf ortete auch Ernst Fehr: «Wir wissen nicht, wie die Gesellschaft die Persönlichkeit des einzelnen Menschen prägt.» Kann Altruismus wirklich in der Erziehung gefördert werden? Er glaube das zwar, aber wirklich wissen tue er es nicht.

Darum sei es für ihn als Wissenschaftler umso wichtiger, offen zu bleiben und bisher Geglaubtes loszulassen, wenn neue Erkenntnisse auftreten. Diese seien nötig, denn man könne die Welt nur verbessern, wenn man die Gesellschaft verstehe. Und die Gesellschaft könne man nicht verstehen, ohne den Altruismus zu verstehen.

Bedingter Altruismus

Immerhin soviel ist über den Altruismus bekannt, präsentierte Fehr die Fakten: Bei Tieren komme er zwar oft vor, sei aber auf nahe Verwandte begrenzt und entspringe vermutlich nicht wirklich der Motivation, das Wohlergehens der anderen zu fördern.

Menschlicher Altruismus sei umfassender, indem er auch Fremde umfassen könne und sich tatsächlich am Wohlergehen orientiere. Allerdings sei unser Altruismus oft an Bedingungen geknüpft: Je stärker Menschen daran glauben, dass andere altruistisch handeln, desto eher werden sie sich auch selber so verhalten.

Die neurobiologische Forschung lege nahe, dass altruistisches Verhalten sich lohne: Wenn ich jemandem etwas gebe, aktiviere dies dieselben Belohnungsareale im Hirnareale, wie wenn ich selber etwas erhalte. Es gebe zudem starke Anzeichen, dass Altruismus uns glücklicher mache.

Podium im Kongresshaus: Buddhistische Praxis und Neurowissenschaften sind sich einig, dass Mitgefühl trainiert werden kann. (Bild: Adrian Ritter)

Zunehmend anerkannt

Sei er vor zwanzig Jahren für sein Forschungsinteresse noch belächelt worden, seien diese Fakten heute in der Wissenschaft zunehmend anerkannt. Das sei auch nötig, denn wer den Altruismus nicht berücksichtige, könne nicht verstehen, wie Märkte oder Politik funktionieren.

Zahlreiche Fragen sind für Fehr aber noch ungeklärt: Inwiefern gibt es Persönlichkeitsunterschiede betreffend Altruismus? Kann die Persönlichkeit geändert werden? Kann Neid, als Hindernis auf dem Weg zum Glück, verhindert werden? Kann Erziehung Altruismus fördern? Welche Elemente des Buddhismus sind es, welche Mitgefühl und Altruismus fördern?

Dass die buddhistische Praxis eine Wirkung hat, bestätigte Management-Professor William George. Er meditiere seit 34 Jahren. Dies helfe ihm, Klarheit zu gewinnen über komplexe Fragen, kreativ zu sein, Mitgefühl zu entwickeln und widerstandfähiger zu sein gegenüber Stress: «Das sind alles wichtige Eigenschaften für die Führungskräfte der nächsten Generation.»

Die Mind-and-Life-Konferenzen Die von «Mind & Life International» organisierten Dialoge zwischen dem Dalai Lama und der Wissenschaft existieren seit 1987. Sie fanden zu Beginn hauptsächlich in der Residenz des Dalai Lama im indischen Dharamsala statt. Seit 2003 haben sie meist die Form öffentlicher Kongresse in den USA. Die 20. Mind-and-Life-Konferenz zum Thema «Altruismus und Mitgefühl in Wirtschafssystemen» in Zürich war die erste öffentliche Veranstaltung in Europa. Mit-Sponsor der Konferenz war die Universität Zürich (UZH). In die Vorbereitung war insbesondere die Hirnforscherin Tania Singer involviert. Sie ist Professorin des Universitären Forschungsschwerpunkts «Grundlagen menschlichen Sozialverhaltens» der UZH. Tania Singer untersucht in ihrer Forschung unter anderem den Zusammenhang von Meditation und der Fähigkeit zu Mitgefühl. Tibetisches Jugendparlament Parallel zur Mind-and-Life-Konferenz fand an der Universität Zürich während drei Tagen das erste Tibetische Jugendparlament in Europa statt. Junge Tibeter diskutierten dabei politische und jugendspezifische Themen. Organisierte wurde die Veranstaltung durch die «Studentische Arbeitsgemeinschaft für Tibet» (STAFT) an der Universität Zürich.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000