Interdisziplinäre Forschung

Vertrauen im Streit der Interpretationen

Vertrauen steht hoch im Kurs und wird meist positiv bewertet. Doch sprechen alle vom gleichen, wenn sie «Vertrauen» sagen? An einer Tagung im Collegium Helveticum debattierten Forschende verschiedener Disziplinen um «Grundvertrauen» und «Gottvertrauen». Selbst Theologinnen unter sich waren sich nicht immer einig.

Andrea Lassak

«Oh, das ist aber ein schönes Thema!», bekomme ich als Doktorandin am Forschungsprojekt «Vertrauen verstehen»  regelmäßig zu hören, wenn ich von unserem Forschungsgegenstand berichte. Diese spontane Reaktion macht deutlich: Vertrauen wird im Allgemeinen durchgängig positiv konnotiert. Wir erfahren Vertrauen als eine wichtige Komponente in persönlichen Beziehungen und sind fasziniert von jenem ‹Grundvertrauen›, das zu haben jeder begehrt. Gängig ist auch die Meinung, dass die wirtschaftlichen und politischen Krisen der letzten Jahre durch mangelndes Vertrauen verursacht worden seien.

Gottvertrauen ist Glaubenssache: Claudia Welz, Ingolf U. Dalferth und Cornelia Richter, teilnehmende Theologen der Tagung an der UZH. (Bild: Andrea Lassak)

Schwer fassbarer Gegenstand

Vertrauen steht heute also hoch im Kurs. Das war aber nicht immer so, man denke nur an das Lenin zugeschriebene Diktum: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser». Für die interdisziplinäre Forschungsgemeinschaft ist das Phänomen trotzdem nicht einfach zu fassen. Denn eines der markantesten Eigenschaften von Vertrauen sei, dass es «keine eindeutige Expressivität» besitze, sagte Martin Hartmann, Professor für Philosophie an der Universität Luzern.

An der Tagung im Collegium Helveticum  stellte sich letzte Woche eine hochkarätige Expertenrunde aus dem In- und Ausland den spezifischen Methodenproblemen der Vertrauensforschung: Wie können wir diesen Gegenstand methodisch fassen, der sich uns phänomenal entzieht? Und: Gelingt uns dies in der Zusammenarbeit mehrerer Disziplinen besser?

Ehre und Bürde

Die psychoanalytisch ausgerichtete Psychologin Brigitte Boothe aus Zürich und Matthias Franz, Professor für Neurologie in Düsseldorf, brachten das in den 1960er Jahren durch Erik Erikson eingebrachte Konzept des Grundvertrauens in die Diskussion. Franz zeichnete die für das ‹Grundvertrauen› notwendigen Phasen eines gesund entwickelten Säuglings von der Mutterbrust an nach. Boothe hob dagegen die Ambivalenz der elterlichen Vertrauensgabe hervor. Diese impliziere nämlich immer auch «egozentrische Erwartungen». So sei Vertrauen «eine Ehre – aber auch eine Bürde».

Jede Disziplin hat eigene Horizonte des «Vertrauens»: Die Historikerin Ute Frevert aus Berlin (links) und ihr Zürcher Kollege Jakob Tanner.

An diesem Punkt hakte Arne Grøn ein. Der Professor für Religionsphilosophie aus Kopenhagen gab zu bedenken, dass die Aussage «Urvertrauen sei eine elterliche Gabe» eine Verfügbarkeit impliziere, die der prekär bleibenden «Errungenschaft» des Vertrauens gar nicht entspreche. Darüber hinaus sprengte Grøn die Diskussion über das Konzept des ‚Grundvertrauens’ auf, indem er das Problem neu formulierte: «Was bedeutet es eigentlich, dass Vertrauen grundlegend ist?»

Ansichtssache

Die interdisziplinäre Vertrauensforschung hat nicht einfach einen Gegenstand vor Augen, den sie anhand verschiedener Methoden bearbeitet. Dies wurde während der drei Hauptpodien und acht verschiedenen Workshops zunehmend deutlicher.
In einem theologischen Intermezzo zwischen Claudia Welz aus Kopenhagen und Cornelia Richter aus Marburg etwa stritten Theologinnen um das Verständnis des Gottvertrauens im christlichen Glauben. Aus ganz anderer Perspektive näherte sich die Freiburger Neuropsychologin Bernadette von Dawans dem Vertrauen. In Ihrem Workshop gewährte sie Einblick in die Erforschung der psychobiologischen Grundlagen von Vertrauen anhand von experimentellen Verhaltensspielen.

Eine Währung für alle Disziplinen?

Im Laufe der Tagung wurde offensichtlich, dass sich jede Disziplin für sehr spezifische Vertrauensformen interessiert und diese in eigene Problemzusammenhänge und Horizonte verortet.

Hochkarätige Expertenrunde aus dem In- und Ausland: Die Forschungstagung «Vertrauen verstehen» fand in der Semper-Sternwarte statt.

Enttäuscht werden musste die Erwartung, einzelne disziplinäre Herangehensweisen oder Ergebnisse einfach addieren zu können, um damit zur maximalen Vertrauenseinsicht zu kommen. Dennoch betonte Martin Endress, Professor für Soziologie aus Trier, in der Schlussrunde, sollte die gemeinsame Suche nach einer einheitlichen ‹Leitwährung› für die interdisziplinäre Vertrauensforschung nicht vorschnell aufgegeben werden.

Einige der beteiligten Forschenden standen diesem engagierten Votum skeptisch gegenüber. Professor Dalferth etwa verwies explizit auf die Notwendigkeit einer «topischen», also örtlichen, Forschung am Vertrauen. Dennoch brachten die durchdachten Forschungsanlagen, die differenzierten Reflexionen und die präsentierten Ergebnisse viele hilfreiche Anregungen und schärften den disziplineigenen Blick. Insofern rückte auch das ganze Forschungsprojekt einen Schritt näher zum Ziel, «Vertrauen (in seiner Vielgestaltigkeit) zu verstehen».

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt «Vertrauen verstehen»wird vom Schweizerischen Nationalfonds SNF und von der Mercatorstiftung unterstützt. Es steht unter der Leitung der Zürcher Professoren Ingolf U. Dalferth (Theologie), Jakob Tanner (Geschichte) und Ernst Fehr (Neuroökonomie).Am 5. und 6. November kamen rund 25 Vertrauensforschende aus der Schweiz, Deutschland und Dänemark im Collegium Helveticumzusammen, um gemeinsam aus den Perspektiven ihrer Disziplinen über methodische Zugänge und Interpretationsansätze des Phänomens Vertrauen zu ‹streiten›.

Andrea Lassak ist Doktorandin am Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie.

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