Frauenrechte

Verschleierter Orient – entschleierter Okzident?

Ist vom Islam und «islamischen Fundamentalismus» die Rede, geraten oft Bilder verschleierter Frauen ins Blickfeld. Zum Symbolcharakter des Schleiers fand kürzlich in Zürich eine Tagung statt. Die Mitorganisatorin und Kunsthistorikerin Elke Frietsch von der Universität Zürich äussert sich über Ver- und Entschleierungen.

Marita Fuchs3 Kommentare

Die verschleierte Frau steht als Symbol für die Bedrohung westlicher Werte. Inwiefern hat die Verschleierung mit Unterdrückung zu tun?

Es ist wichtig, auf Benachteiligungen von Frauen in westlichen aber auch islamisch geprägten Kulturen hinzuweisen und Menschenrechtsverletzungen, die immer auch eine geschlechtsspezifische Komponente haben, kenntlich zu machen.

In den westlichen Medien werden jedoch klischeehafte Bilder verschleierter Frauen oft als Illustration für die Unterdrückung in muslimischen Ländern der «freiheitlichen westlichen Gesellschaft» gegenübergestellt. Solche Bilder sind nicht geeignet, auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, sondern dienen eher dazu, sie zu stabilisieren.

SVP-Wahlwerbung: «Solche Bilder sind nicht geeignet, auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, sie dienen eher dazu, sie zu stabilisieren.» (Bild: zVg.)

Man vergisst auch, dass es in muslimischen Ländern ganz unterschiedliche Formen der Verschleierung gibt, die nur teilweise mit staatlichen oder anderen Formen des Zwangs zu tun haben. Ausserdem tragen muslimische Frauen ihren Schleier auch, um sich bewusst gegen die westliche Politik abzugrenzen und die eigene Identität zu zeigen. Der Schleier ist in diesem Fall ein Symbol für die eigene Wertigkeit.

Welche Praktiken des Verschleierns gibt es in der westlichen Welt?

In der westlichen Welt gibt es auch heute noch verschiedene Formen der Verschleierung: man denke etwa an den Hochzeitsschleier. Dahinter steckt die Imagination weiblicher Reinheit und Keuschheit.

Steht im Westen nicht eher die entblösste Frau im Vordergrund?

Ja, seit dem 19. Jahrhundert gewinnt in der westlichen Gesellschaft der entschleierte oder der nackte Körper der Frau zunehmend an Bedeutung. Der enthüllte weibliche Körper symbolisiert dabei häufig die «Freiheit» oder «Wahrheit». Die Symbole haben aber nichts mit tatsächlicher Freiheit von Frauen zu tun.

Veranschaulichen mag dies eine Darstellung aus dem Buch «Allegorien und Embleme» von 1882 – einem seinerzeit wichtigen Nachschlagewerk für Künstler. «Wahrheit und Lüge» werden hier durch zwei weibliche Körper symbolisiert. Die nackte hellhäutige Frau symbolisiert mit ihrem hocherhobenen Spiegel und ihrem blonden Haar, das wie eine Strahlengloriole den Körper umrahmt, die Wahrheit.

In einer Geste des Sieges hat sie den Fuss auf die Maske der Lüge gestellt, die durch die zu Boden gestürzte Orientalin im Hintergrund verkörpert wird. Deren Schleierschmuck steht hier für «Unwahrheit» und «Sünde« schlechthin. Solche Bilder wirken bis heute nach.

Die weisse enthüllte Frau verkörpert die Wahrheit. Am Boden die verschleierte orientalische Frau. Sie stellt die Unwahrheit und Lüge dar.
Als geheimnisvolle Harmesfrau hatte die Orientalin im Westen lange auch einen exotischen und erotischen Anklang, seit kurzem herrscht eher das Bild der unterdrückten Muslimin vor.

Die geheimnisvolle und sinnliche Haremsfrau wurde verstärkt seit dem 19. Jahrhundert aus der westlichen Perspektive gezeichnet, gleichzeitig wurde auch das Bild der unterdrückten Frau mit Schleier verwendet. Beide Bilder, die sinnliche Orientalin und die unterdrückte Orientalin wurden und werden der vermeintlich emanzipierten und befreiten Frau im Westen entgegengesetzt.

Der Ganzköperschleier, die Burka, ist stark umstritten und wurde in Belgien verboten, in Frankreich diskutiert man das Verbot. Was halten Sie von einem Verbot?

In der Politik wird behauptet, dass man mit dem Verbot etwas für die Emanzipation von Frauen tun möchte. Ich finde jedoch, wenn man etwas für die Gleichstellung tun möchte, sollte man für Integration eintreten und nicht ein Kleidungsstück verbieten. Ein solches Verbot kann Frauen, die dieses Kleidungsstück – aus unterschiedlichen Gründen – tragen, sogar Probleme bereiten oder sie Konflikten aussetzen.

Tagung: Verschleierter Orient – Entschleierter Okzident? Inszenierungen in Politik, Recht, Kunst und Kultur seit dem 19. Jahrhundert Die Tagung hat das Thema «Der Schleier» aus historischer und aktuell gesellschaftspolitischer Perspektive in den Blick genommen. Es wurde analysiert, welche Praktiken und Repräsentationen des Ver- und Entschleierns es in muslimischen und westlichen Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert gab und gibt und mit welchen geschlechtlichen und kulturellen Codierungen diese verbunden sind. Ein wichtiger Aspekt war dabei der Zusammenhang von Moderne und Kolonialismus. Zu dem Thema der Tagung haben Bettina Dennerlein und Elke Frietsch kürzlich den Aufsatz «Bilder verschleierter Frauen im politischen Imaginären»verfasst. Er ist erschienen in: ROSA. Die Zeitschrift für Geschlechterforschung, Nr. 40, Themenheft Exotismus, Februar 2010, S. 26-29. Die im Interview gedruckten Abbildungen sind dem Aufsatz entnommen. Der Aufsatz kann kostenlos heruntergeladen werden.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

3 Leserkommentare

Kaufmann Peter schrieb am Islamische Bewegungen in Europa Ich komme aus der Türkei und musste auswandern. Endlichmal sollten demokratische und fortschrittliche Menschen verstehen, was in der Türkei und im Nahost (bzw. in Islamischen Ländern) tagtäglich passiert. Es gibt keine Menschenrechte, keine Kinderrechte, keine Tierrechte, keine Frauenrechte und keine Lebensrechte. Kein Mensch darf den Koran kritisieren. Doch damit muss man nicht leben. Die Muslime nutzen hier Demokratie und Menschenrechte aus. Andersdenkende haben keine Lebensschancen. Ich bin öfter deswegen auf offener Strassen zusammengeschlagen worden. Wir müssen gemeisam aktive, echte Menschenrechtspolitik und Aktivitäten organisieren.
Andreas Dietrich schrieb am Machogehabe und Religion Wo sich Machogehabe und religiöse Scheinbegründung dafür verbinden, wird es für alle Frauen ungemütlich, egal wie sie sich kleiden oder kleiden müssen. Genau das vermisse ich in den meisten Islamdiskussionen, dass nicht differenziert wird. Übrigens prügeln auch einige "brave und stille" Tamilenväter ihre Töchter, wenn sie "ungehorsam" sind und ihren Schweizer Kolleginnen nacheifern wollen. Das sind aber keine Muslime! Ihre Töchter tragen auch keine Schleier. Womit wir wieder bei Aussage 1 gelandet wären.
Petri Andreas schrieb am Verschleierter Orient-entschleierter Okzident? Die Aussage, dass die Verschleierung in muslimischen Ländern nur teilweise mit staatlichen oder anderen Formen des Zwangs zu tun habe, ist gelinde gesagt naiv. Der Schleierzwang mag rigoros sein wie in Saudi Arabien, Afghanistan oder dem Iran, gemässigter auftreten wie in Pakistan oder historische Wurzeln haben wie bei der Landbevölkerung. Eine freie Wahl, ob sie den Schleier tragen wollen oder nicht, bleibt den Frauen aber weder in der einen noch in der anderen Situation. Weltoffene Muslima betonen immer wieder, dass eine verschleierte Frau nicht als individuelle Person wahrgenommen wird und sich auch im eigenen Verständnis oft als "Ding" ohne Persönlichkeit erlebt. Im Sinne der Frauenrechte gehört deshalb die Verschleierung nicht in eine westliche Demokratie.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000