Stipendien-Pool Osteuropa

«Ich mag die kleinen Propheten»

Eine Handvoll Forschende kamen seit 2006 aus zentral- und osteuropäischen Ländern für ein Kurzstipendium nach Zürich. Die Theologin Katalin Koncz-Vagasi aus Ungarn forscht hier zum Alten Testament. Um den Dialekt zu verstehen, schaut sie gern «Züri News».

Claudio Zemp

Katalin Koncz-Vagasi ist sich das Reisen gewohnt: «Ich bin fast immer unterwegs», sagt die 28-jährige reformierte Pfarrerin, die an der Universität Debrecen in Theologie doktoriert. Die zweitgrösste ungarische Stadt liegt rund hundert Kilometer von ihrer Wohngemeinde an der ukrainischen Grenze entfernt, wo ihr Mann als Pfarrer tätig ist. Ihre Doktorarbeit zum «Buch Haggai» beginnt sie nun als Stipendiatin an der UZH. Koncz-Vagasi ist eine von drei Personen, die im Wintersemester im Rahmen eines Osteuropa-Stipendiums in Zürich forscht.

Katalin Koncz-Vagasi doktoriert als Stipendiatin an der Theologischen Fakultät: «In Zürich gibt es fast alles!» (Bild: Claudio Zemp)

Koncz-Vagasi hatte bereits zwei Semester in Münster studiert und spricht gut deutsch. Deshalb wurde sie bei der Ankunft in Zürich von einem Kulturschock verschont: «Es ist für mich eine grosse Chance, hier zu leben und zu forschen.» Die Stipendiatin ist überzeugt, dass ein Auslandaufenthalt neue Perspektiven im Denken eröffne, was auch die spätere Arbeit zuhause befruchte. Entsprechend geht sie mit offenen Augen durch die Welt. So spaziert sie täglich zu Fuss quer durch die Stadt, vom Studentenwohnheim am Bucheggplatz zur Arbeit ins Seefeld.

Die ersten Wochen ihres Semesters an der UZH war die Ungarin vor allem mit dem Sammeln von Literatur beschäftigt. «In Zürich gibt es fast alles!», schwärmt die Doktorandin. In Ungarn sei der Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften und vor allem zu neueren Kommentaren dagegen schwierig. Die wenigen verfügbaren Schriften seien oft veraltet. Ende Jahr wird sie viele Dokumente im Gepäck nach Hause nehmen – praktischerweise vor allem digitale Dateien.

Gott und gute Beziehungen

Das Thema der Doktorarbeit von Koncz-Vagasi ist das «Buch Haggai», eines der zwölf so genannten kleinen Propheten des Alten Testaments. «Ich mag die kleinen Propheten», begründet die Theologin diese Wahl. Abgesehen davon, dass sich in Ungarn noch wenige mit dem relativ kurzen Text beschäftigt hätten. Das «Buch Haggai» sei zudem voller spannender kleiner Geschichten. Inhaltlich geht es darin um den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem in der Zeit nach dem Exil. Der Prophet Haggai war ein glühender Befürworter des Tempelbaus und überzeugte das Volk, das teure Grossprojekt noch vor den eigenen Häusern aufzubauen. So sei dem Volk der Segen Gottes sicher.

Koncz-Vagasi möchte auch Vergleiche zu heutigen Fragen ziehen: «Wie wichtig ist Gott, damit wir in unserer Arbeit vorwärts kommen?» Im «Buch Haggai» interessieren sie auch die Berührungspunkte zum Judentum und die historischen Hintergründe. Koncz-Vagasi ist selbst auch geweihte Pfarrerin, obwohl sie nebst ihrer wissenschaftlichen Arbeit in Debrecen zurzeit die Rolle als Frau des Pfarrers innehat.

Die guten Verbindungen ihres Doktorvaters Zoltan Kustàr zu Konrad Schmid, Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte an der Kirchgasse, waren bei der Vermittlung des Stipendiums nützlich. Zu beiden Professoren pflegt Koncz-Vagasi den Kontakt. Die Ungarin schätzt auch die Unterstützung in organisatorischen Fragen, die sie in der Theologischen Fakultät erhält.

In ihrem Hobby verbindet die Theologin das Angenehme mit dem Nützlichen. «Ich schaue mir jeden Tag mehrmals die Fernsehnachrichten an», erzählt Koncz-Vagasi. Dabei könne sie ihre Deutschkenntnisse verbessern und lerne das Land besser kennen. Im Alltag in Zürich ist der Dialekt eine zusätzliche Schwierigkeit, doch der Stipendiatin gefällt dies: «Ich höre gut zu und möchte etwas verstehen.» So entspannt sich die Stipendiatin nach dem Studium Hebräischer, Altgriechischer und Englischer Schriften abends beim Mundart-Kommentar in den «Züri News» des Lokalsenders.

Letzte Gelegenheit für Osteuropa-Stipendium Die UZH vergibt seit 2006 zwischen drei und fünf Stipendien pro Jahr für Kurzforschungsaufenthalte an Studierende oder Doktoranden aus Osteuropa. Die Ausschreibung für einen bis zu sechs Monate langen Aufenthalt richtet sich an herausragende Kandidatinnen und Kandidaten. Ein Ziel der Stipendien ist es, die Zusammenarbeit der UZH mit den Heimuniversitäten der Stipendiaten zu vertiefen. Bedingung für eine Bewerbung ist neben einem Forschungsplan auch die Empfehlung durch die Heimuniversität. Die Anträge sind durch die betreuenden ProfessorInnen oder Privatdozierenden der UZH bei der Abteilung Internationale Beziehungen einzureichen. Die letzte Ausschreibungfür 2011 läuft noch bis am 21. Oktober 2010. Dann verleiht die UZH die letzten Osteuropa-Stipendien; das Programm wird nicht fortgesetzt. Es besteht dafür die Möglichkeit, bei EuresearchAnträge um finanzielle Unterstützung von Projekten einzureichen.

Claudio Zemp ist Redaktor UZH News.

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