Ausstellung im Völkerkundemuseum

Fälscher, Pfuscher, Fertigkeiten

In der neuen Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich geht es um die Kunst des Fälschens. Der Bogen wird weit gespannt: Von der gefälschten Grabbeigabe aus der Han-Dynastie bis zur chinesischen Adaption von Harry-Potter-Romanen. 

Marita Fuchs

Wo gesammelt wird, wird auch gefälscht, sagt Mareile Flitsch, Direktorin des Völkerkundemuseums. Sie steht vor der gefälschten Skulptur eines «Shuochangyong», einer chinesischen Gauklerfigur aus der Han-Dynastie (206 v. bis 220 n. Chr.). Gaukler waren damals in Sichuan eine beliebte Grabbeilage, die den Verstorbenen ins Reich der Toten begleiten sollten.

Gauklerfigur im Stil der Östlichen Han-Dynastie (25–220 n. Chr.): Fälschung, Ende 20. Jahrhundert. (Bild: Museum für Asiatische Kunst Staatliche Museen zu Berlin)

Solch eine Gaukler-Skulptur steht im Mittelpunkt der Ausstellung «Die Kunst des Fälschens»: Links die perfekte, authentisch wirkende Oberfläche und rechts ihr Inneres, an der man die Fälschung allein an den Klebefugen auf den ersten Blick erkennt. Genauere wissenschaftliche Untersuchen am Computertomographen bewiesen: Auch das Material stammt aus heutiger Zeit.

Neben der aufwändig untersuchten Hauptfigur erwartet den Besucher eine Reihe von Objekten, die sowohl aus dem Sammlungsbestand als auch von privaten Leihgebern stammen. Im Zusammenhang mit der Gauklerfigur weist Flitsch auf ein Phänomen des chinesischen Kunstmarktes hin, das den gierigen Sammler und Trouvaillenjäger immer wieder zum Verlierer werden liess und lässt.

Verblüffender expressionistischer Ausdruck

Einer der bekanntesten Fälschungsfälle der neueren Geschichte, der für Furore sorgte, ereignete sich in den 1940er Jahren. Kleine Keramikfiguren mit schwarz polierter Oberfläche tauchten auf dem Sammler-Markt auf. Es hiess, sie stammten aus den Gräbern der späten Zhou-Dynastie (4. Jh. v. Chr.). Die als Trauernde beschriebenen Figuren verblüfften ausländische Sammler wegen ihres expressionistischen Ausdrucks.

Tänzer: Fälschung aus den 1940er Jahren. (Bild: Museum für Asiatische Kunst Staatliche Museen zu Berlin)

Museen und Sammler wetteiferten um die besten Stücke. Einige sind in der Ausstellung nun prominent exponiert: Allesamt Fälschungen. Das erkannte man jedoch erst Mitte der 1960er Jahre, als es möglich wurde, durch die neue Thermolumineszenz-Methode das Alter von Keramik zu bestimmen.

Heute erscheinen die Fälschungen auf phantasievolle und kuriose Weise genau auf den Geschmack des gebildeten Europäers der 1940er Jahre abgestimmt worden zu sein – sie spielen quasi mit dem Zeitgeist.

Schweinedrachen mit verdächtiger Schleifspur

Eine Fälschung lässt sich oft erst nach sorgfältiger wissenschaftlicher Untersuchung nachweisen. Der Schweinedrache, eine kleine Skulptur aus Jade, beweist es: Auch wenn das Objekt antik und authentisch wirkt, ist es ein Fake – nur erkennbar durch die mikroskopische Untersuchung der feinen Schleifspuren.

Moderne Geräte für die Steinbearbeitung bestehen aus neuzeitlichen Hartstoffen, die andere Spuren auf dem Stein hinterlassen, als die alten handgeführten und fussbetriebenen Werkzeuge.

Chinesischer Harry Potter

Die Ausstellung wurde in Berlin konzipiert und 2007 dort gezeigt. Die Präsentation in Zürich wird ergänzt durch die Exposition heutiger Fälschungen, anhand derer sich die Kreativität chinesischer Kopisten ablesen lässt.

Ethnologin Mareile Flitsch: «Jede bewusste Veränderung vom Original zur Replik, mithin jede Verfälschung, kann bedeutsam sein.» (Bild: Marita Fuchs)

«Ethnologen interessieren sich für die gesellschaftliche Konstruktion von Echtheit», erklärt Flitsch. «Dabei findet – das beschäftigt heute die ‚Ethnologie der Authentizität’ – überall auf der Welt ein Aushandeln von sozialer und technischer Könnerschaft statt. Jede bewusste Veränderung vom Original zur Replik ist für uns bedeutsam.»

Ein Beispiel sind die ausgestellten chinesischen Harry Potter-Romane. Sie dokumentieren, wie stark sich Chinesen mit dem westlichen Kulturgut auseinandersetzen. So kursieren im Internet und auf dem Buchmarkt chinesische Harry-Potter-Romanvarianten.

Einer davon erzählt die phantasievolle Geschichte von Harry Potter und sechs chinesischen Schülern, die in der Hogwarts-Zaubererschule mit Harry gemeinsam gegen feindliche Mächte ankämpfen. «Lena Henningsen, die diesen Teil der Ausstellung konzipiert hat, deutet diese Art des Verfälschens als ein Verhandlungsangebot an die westliche Kultur», erklärt Flitsch. Sie will besagen: Hallo, wir sind dabei und denken mit.

29. Januar 2010 bis 30. Mai 2010

Der grösste Teil der Ausstellung wurde vom Museum für Asiatische Kunst in Berlin kuratiert und bereits im Jahr 2007 in Berlin und München gezeigt. Jetzt reisten die eindrücklichen Exponate chinesischer Kunst und Fälscherkunst nach Zürich. Völkerkundemuseum der Universität Zürich Di, Fr 10–13, 14–17 Uhr, Sa 14–17 Uhr, So 11–17 Uhr. Literatur Veit, Willibald / Bernegg, Juliane / Goedicke, Christian / Neunteufel, Robert, Die Kunst des Fälschens – untersucht und aufgedeckt, Museum für Asiatische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin 2007, ISBN 978-3-88609-608-4. Flitsch, Mareile / Isler, Andreas / Henningsen, Lena / Wu, Xiujie, Die Kunst des Verfälschens – Ethnologische Überlegungen zum Thema Authentizität.Broschüre des Völkerkundemuseums der Universität Zürich, Januar 2010.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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