Symposium: «Tod und toter Körper»

Erst die Obduktion bringt Licht ins Dunkel

Bei der Ausstellung «Körperwelten» herrscht Grossandrang. Gezeigt werden tote Körper. Gleichzeitig ist das Sprechen über den Tod weitgehend tabu. An einem Symposium an der Universität Zürich diskutieren Wissenschaftler aus ganz Europa über den Tod mit Fokus auf der «Obduktion». UZH News sprach mit der Rechtsprofessorin und Organisatorin Brigitte Tag.

Roland Gysin3 Kommentare

Institut für Rechtsmedizin an der Universität Zürich: Dem Tod auf den Grund gehen. (Bild: Manuel Bauer)

UZH News: Welchen Stellenwert haben «Tod» und «der tote Körper» in der heutigen Gesellschaft?

Brigitte Tag: Scheinbar wendet sich die Gesellschaft immer mehr dem Tod zu. Via Medien, Hospizbewegung, den Diskurs über Sterbehilfe oder anatomisch-pathologische Ausstellungen (Stichwort: «Körperwelten») findet eine Enttabuisierung statt.

Um den individuellen, personalisierten Tod kann es aber ganz anders bestellt sein. Ihn zu erleben und über ihn zu sprechen, ist für Betroffenen oft und trotz gleichzeitiger Teilnahme am gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Diskurs über den Tod mit Ängsten und Hemmnissen verbunden. Der eigene Körper wie der Körper einer nahe stehenden Person, der zum toten Körper wird, ist ein Raum, in und an dem sich der Tod konkret realisiert.

Das Forschungsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, diese Diskrepanz darzustellen und eine Verbindung zwischen den Perspektiven herzustellen.

Weshalb diese Diskrepanz? Geht die Gesellschaft heute mit dem «Tod» anders um als früher?

Der Tod ist seit dem 19. Jahrhundert zum Gegenstand einer umfassenden Rationalisierung geworden: Nicht nur die naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin erkannte den Tod als wichtiges Thema, indem sie auf den toten Körper blickte.

Brigitte Tag, Straf- und Medizinrechtlerin: «Durch die Sektion können Todesursachen systematisch erfasst und identifiziert werden». (Bild: zVg.)

Immer häufiger wurden auch technische Geräte (im Umgang mit den Sterbenden, aber auch mit den toten Körpern) eingesetzt, so dass man von einer Technisierung des Todes sprechen kann.

Damit einher geht die zunehmende Auslagerung des Todes (und des Sterbens) aus dem Bereich des Privaten: Immer mehr Menschen sterben ausserhalb der eigenen Familien und der eigenen vier Wände. Und immer weniger Menschen kommen in Kontakt mit Sterbenden. Eine Folge davon ist die «gesellschaftliche Tabuisierung» des Todes.

Via Medien oder Ausstellungen wird der Tod «enttabuisiert» und gleichzeitig «gesellschaftlich tabuisiert». Wie passt das zusammen?

Der Tod und der tote Körper «betreten» nur noch in beschönigter oder fiktiver Weise den Alltag, jenseits dessen erscheint das Thema «Tod» als ein Tabu. Dem folgt eine Tendenz zur Säkularisierung der Todesdeutungen.

Zugleich ist festzustellen, dass der Tod und der tote Körper wieder in das Bewusstsein der Menschen rücken. Erwähnenswert sind die Thanatologie, die Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und der Bestattung und die Palliativmedizin.

Insgesamt häufen sich die Debatten um den Tod und es treten auch neue Phänomene in eine weite Öffentlichkeit, die besonders mit dem toten Körper zu tun haben: Neben den erwähnten Ausstellungen plastinierter Körper, öffentliche Sektionen im Internet oder neue Fernsehgattungen wie Gerichtsmedizin- und Bestattungsserien.

Daneben ist gerade auch in der Schweiz eine Vielzahl an Bestattungsformen (Baumfriedhöfe, Verteilung der Asche in den Bergen oder auf Seen) zu beobachten, der auf einen individualisierten, den Körper einbeziehenden Umgang schließen lässt.

Der Kongress in Zürich widmet sich speziell dem Thema «Sektion», auch «Obduktion» oder «Autopsie» genannt. Weshalb gerade dieses Thema?

Die Sektion von Leichen war und ist gängige Praxis. Mit der Sektion geht die hochgradig tabuisierte Verletzung der körperlichen Integrität und der Totenruhe einher. Die Untersuchung der Vorstellungen und Gründe, die Personen für oder gegen die Sektion vorbringen, ist sehr geeignet, Aufschluss über das Verhältnis der Betroffenen zum toten Körper und zum Tod zu geben.

Dies ist umso interessanter, als die Zahlen insbesondere im Bereich der klinischen Sektion dramatisch abnehmen.

Weshalb wird seziert?

Erst durch die Obduktion tritt die Krankheit vom Dunkel des Lebens in das Licht des Todes, erklärte der Philosoph und Schriftsteller Michel Foucault (1924–1986). Trotz bildgebender Verfahren (Virtopsie) und aufwändiger Laboruntersuchungen bleibt der kranke menschliche Körper manchmal sogar für Operateure auch heute oft ein Geheimnis. Der Pathologie oder der Rechtsmedizin obliegt es, diesem auf den Grund zu gehen.

Durch Feststellung der Todesursache wird zwar der Patient oder das Opfer einer Gewalttat nicht wieder lebendig und die Trauer der Hinterbliebenen wird nicht aufgehoben. Und dennoch hat sie ihre Berechtigung. Die klinische und die rechtsmedizinische Sektion (Legalsektion) sind der letzte Dienst am Patienten oder am Opfer einer Straftat.

Zudem gehört es zur Fürsorgepflicht des Staates, die Gesundheit und das Leben der Menschen zu schützen und die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Sektion ist ein Instrument der Qualitätssicherung im Gesundheitsbereich und stellt somit einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsfürsorge dar. Mit Hilfe der Sektion können die Todesursachen systematisch erfasst und identifiziert werden.

Welche verschiedenen Sektionsarten gibt es und wozu dienen sie ?

Die klinische Sektion dient zuvorderst der Qualitätssicherung und Überprüfung ärztlichen Handelns im Hinblick auf Diagnose, Therapie und Todesursache und der Überprüfung pflegerischer Behandlungsmassnahmen. Sie unterstützt zudem Lehre und Ausbildung, die Epidemiologie sowie die medizinische Forschung.

Die Legalsektion dient zur Klärung der Frage, ob eine Person eines nicht-natürlichen Todes gestorben ist, ein Verschulden Dritter in Betracht kommt, wann die Todeszeit war und zur Sicherung von Beweisunterlagen für einen eventuellen Strafprozess.

Die anatomische Sektion geht im Regelfall weiter als die klinische und gerichtsmedizinische Sektion. Sie ist die Zergliederung von Leichen oder Leichenteilen in anatomischen Instituten zum Zwecke der Lehre und Forschung über den Aufbau des menschlichen Körpers.

Sie haben gesagt, dass die Zahl der Sektionen abnimmt. Weshalb?

Namentlich aufgrund der zunehmenden Entwicklung der Technologien gibt es heute neue Verfahren wie die Bildgebung (Virtopsie), die als Ergänzung zur herkömmlichen Sektion völlig neue Erkenntnismöglichkeiten eröffnen, bis hin zur dreidimensionalen Rekonstruktion von Unfällen.

Aber auch gesellschaftlich ist ein dramatischer Wechsel zu beobachten. Ein Grund dafür kann sein, dass der Patient zu Lebzeiten verstärkt in den Entscheidungsprozess um seinen Körper einbezogen wird und damit eine prinzipielle Ablehnung von Eingriffen in den toten Körper verstärkt beachtet werden muss.

Eine andere ist, dass die Leiche heute als Schatz des 21. Jahrhunderts betrachtet wird und die Befürchtung, nach dem Tod «verwertet» zu werden, eine Zustimmung zur Sektion hindert.

Es ist wichtig, die Bevölkerung hier ausgewogen zu informieren und klare Sicherheitsstandards im Umgang mit der Leiche einzuhalten, damit solche Befürchtungen erst gar nicht entstehen.

Symposium: «Tod und toter Körper. Ein Blick auf die Sektion»Der Tod gehört zum Leben. Doch wie gehen wir damit um? Geht die Gesellschaft, gehen Individuen mit dem Tod und dem toten Körper heute anders um als früher? Und falls ja, weshalb? Mit diesen Fragen beschäftigt sich seit 2008 das dreijährige internationale und interdisziplinäre Forschungsprojekt «Tod und toter Körper». Am 13. und 14. Januar 2009 treffen sich an der Universität Zürich über achtzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Philosophie, Soziologie, Medizingeschichte und Medizinethik sowie Recht. Das Thema: «Tod und toter Körper. Ein internationaler und interdisziplinärer Blick auf die Sektion».

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

3 Leserkommentare

Brigitte Tag schrieb am Zustimmung zur Autopsie (2) Bei der klinischen Sektion gibt es diverse kantonale Modelle – von der Widerspruchslösung bis zur erweiterten Zustimmung (für Zürich siehe §§ 32f. Patientinnen- und PatientenG). D.h.: Die Einwilligung kann erteilen: der Verstorbene zu Lebzeiten, die Bezugspersonen und bei urteilsunfähigen oder entmündigten Personen der gesetzliche Vertreter. Wer Bezugsperson ist richtet sich nach § 2 Patientinnen- und PatientenG des Kantons Zürich: das sind die von urteilsfähigen Patienten bezeichneten Personen. Wurden keine oder mehrere Personen bezeichnet, gelten als Bezugspersonen in erster Linie die Lebenspartnerin oder der Lebenspartner sowie in zweiter Linie nahe Angehörige. Sind keine Bezugspersonen und gesetzliche Vertreter vorhanden oder erreichbar, ist die klinische Obduktion unzulässig. Mit einer Ausnahme: Die Obduktion kann durch die Gesundheitsdirektion zur Sicherung der Diagnose, vor allem bei Verdacht auf eine Krankheit, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, angeordnet werden.
Brigitte Tag schrieb am Zustimmung zur Autopsie (1) Liebe Frau Gubler. Eine spannende und zugleich weit reichende Frage. Man muss nach den Sektionsarten unterscheiden. Bei der gerichtsmedizinischen Sektion braucht es von Gesetzes wegen keine Zustimmung des Verstorbenen zu Lebzeiten oder derAngehörigen - vielmehr muss die Staatsanwaltschaft einen entsprechenden Auftrag erteilten. Das ist derzeit kantonal geregelt, ab 1.11.10 gilt Art. 253 der eidgenössischen StPO für die ganze Schweiz. Bei der anatomischen Sektion ist grundsätzlich die Zustimmung des Verstorbenen zu Lebzeiten erforderlich. Besteht eine solche nicht, so können subsidiär auch die nächsten Angehörigen nach entsprechender Aufklärung zustimmen, wobei sie den mutmasslichen Willen des Verstorbenen zu beachten haben. Im Zweifelsfall hat der Wille der verstorbenen Person Vorrang vor dem der Angehörigen.
Jeannette Gubler schrieb am Wer gibt die Zustimmung? Es würde mich in diesem Zusammenhang interessieren, wer die Zustimmung zu einer Autopsie geben kann. Patient selbst? Klinik? Arzt? Angehörige? Herzlichen Dank für Ihre Antwort. JG

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