Wirtschaftsgigant China

Aufsteigender Stern

Am kommenden Mittwoch diskutieren an der Universität Zürich chinesische Ökonomen mit europäischen Kollegen den Wandel und Auftstieg Chinas zur globalen Wirtschaftsmacht. Organisiert wird die Tagung von Fabrizio Zilibotti, Professer für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Im Interview mit UZH News analysiert der Chinakenner die Hintergründe des Transformationsprozesses.

Interview: Thomas Gull und Roger Nickl

China wird in ein paar Jahren die grösste Wirtschaftsmacht der Welt sein. Das Land befindet sich in einem atemberaubenden Transformationsprozess, der Gesellschaft und Wirtschaft grundlegend verändert. Der Wandel der Volksrepublik ist das Thema der hochkarätig besetzten Tagung «The Great Transformation of China: Economic and Financial Factors», die am Mittwoch, 10. November an der Universität Zürich durchgeführt wird. Organisiert wird die internationale Konferenz von Wirtschaftsprofessor Fabrizio Zilibotti. Im Interview analysiert Zilibotti Aspekte von Chinas Aufstieg und Wandel.

Herr Zilibotti, Sie forschen nicht nur über China, sondern Sie fahren selbst immer wieder ins Reich der Mitte. Welche Eindrücke bringen Sie von solchen Reisen zurück nach Europa?

Fabrizio Zilibotti: Der erste Eindruck ist der eines Landes in rasanter Bewegung: Die Menschen dort gehen schnell, grosse Gebäude werden in kurzer Zeit gebaut, viele Dinge verändern sich zwischen zwei Besuchen. Da stehen riesige neue Gebäude neben kleinen alten Häusern, die daran erinnern, wie es in China aussah, bevor sich 1978 alles zu ändern begann. Der zweite Eindruck ist weniger positiv: Man spürt die Umweltverschmutzung, vor allem die schlechte Luft.

Sie haben prognostiziert, China werde die wichtigste Wirtschaftsmacht der Welt sein. Was veranlasst Sie zu dieser Aussage?

China wird bald das Land mit dem höchsten Bruttosozialprodukt der Welt sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass es auch das höchste Pro-Kopf-Einkommen (PKE) erwirtschaftet. Wenn wir die Lebenshaltungskosten einbeziehen, beträgt das PKE in China heute rund 7000 Dollar, während es in der Schweiz bei 42 000 und den USA bei 46 000 Dollar liegt. China hat damit sein Wachstumspotenzial bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Die Volksrepublik ist bereits heute die wichtigste Exportnation der Welt, nachdem sie kürzlich Deutschland überholt hat. Die Entwicklung Chinas ist spektakulär.

Fabrizio Zilibotti, Professor für Volkswirtschaftslehre: «China hat sein Wachstumspotenzial bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.» (Bild: Jos Schmid)

Welche Konsequenzen hat der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht?

Das chinesische Wirtschaftswunder wirft neue Fragen auf. Seit dem Fall der Berliner Mauer sind die wichtigsten Akteure der Weltwirtschaft Demokratien mit westlichen Werten, zu denen ich auch Japan zähle. Jetzt gibt es einen neuen Spieler, dessen wirtschaftliche Macht mit jener der USA und der EU vergleichbar ist, der aber über eine ganz andere Regierungsform verfügt. Wie sich das langfristig auswirken wird, wissen wir nicht. Tatsache ist, dass China sehr auf politische Stabilität bedacht ist und Konflikte mit den wichtigsten Wirtschaftspartnern wenn möglich vermeidet.

Der Motor des chinesischen Wirtschaftswunders sind die kleinen privaten Unternehmen. Was zeichnet sie aus?

Die kleinen Unternehmen sind viel produktiver als die grossen Staatsbetriebe. Die Verlagerung der Ressourcen vom schrumpfenden Staatssektor hin zu diesen neuen, von unabhängigen Unternehmern geführten Firmen ist eine der zentralen Ursachen für das starke Wachstum der Produktivität. Die andere sind die Wanderbewegungen vom Land in die Stadt. Wie unsere jüngste Forschung zeigt, haben diese beiden Faktoren dazu geführt, dass die Löhne weniger schnell wachsen als die Produktivität. Deshalb sind Investitionen in China sehr interessant, und selbst Unternehmer zu werden, ist für immer mehr Chinesen eine Option.

Ist dieser Unternehmergeist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Menschen während Jahrzehnten einer kommunistischen Hirnwäsche unterzogen wurden?

Dem Kommunismus ist es nicht gelungen, jahrtausende alte Elemente der chinesischen Kultur auszulöschen. Das gilt etwa für die Werte des Konfuzianismus, dessen Rolle heute mit jener des Protestantismus während der Industriellen Revolution verglichen werden kann.

Wenn man internationale Umfragen zu den Wertehaltungen anschaut, stellt man überrascht fest, dass die Mehrheit der Chinesen sehr individualistisch denkt. Sie sind wie die US-Amerikaner überzeugt, dass Erfolg auf Leistung beruht. Indem man glaubt, dass etwas möglich ist, wird es möglich. Diese Überzeugung treibt die chinesischen Unternehmer und die chinesische Wirtschaft an. Die Chinesen sind bereit, Risiken einzugehen.

Weshalb sind die Chinesen so risikofreudig?

Man könnte sagen: weil sie nicht anders können. Heute ist das Risiko in der chinesischen Wirtschaft sehr gross, für die Unternehmer genauso wie für die Arbeitskräfte. Viele der sozialen Netzwerke werden durch die Migration oder die Schliessung von unrentablen Unternehmen zerstört.

Das Pensionssystem ist nicht gesichert, und die individuellen Einkommen schwanken sehr stark von einem Jahr zum nächsten. Das erklärt, weshalb die chinesische Bevölkerung so viel spart. Chinas Wirtschaft legt im Durchschnitt die Hälfte ihrer Einkünfte auf die hohe Kante. Die chinesischen Familien sparen fast ein Drittel ihres verfügbaren Einkommens, und die Unternehmer reinvestieren einen grossen Teil der Einnahmen in ihre Firmen. Das ist ein wichtiger Faktor bei der Erklärung des rasanten Wirtschaftswachstums. Die Kombination der hohen Sparquote mit hoher Produktivität führt dazu, dass ein bedeutender Teil der chinesischen Produktion exportiert wird.

Sie erforschen unter anderem, wie sich bestimmte Politikumfelder auf die Entwicklung eines Landes auswirken. Welche Rolle spielt in China die Kommunistische Partei?

Der Einfluss der Kommunistischen Partei ist nach wie vor sehr gross, doch der Kommunismus ist nur noch Fassade. Die Macht ist immer noch zentralisiert, aber sozialistische oder kommunistische Prinzipien bei der Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft sind kaum noch auszumachen. In letzter Zeit sind soziale Fragen wieder wichtiger geworden, was sich in der Parteipresse spiegelt. Meiner Ansicht nach hängt diese Entwicklung jedoch damit zusammen, dass die Gesellschaft reicher wird. Mit Kommunismus hat das nichts zu tun.

Auf welcher Stufe der Entwicklung befindet sich die chinesische Wirtschaft?

China ist weit davon entfernt, saturiert zu sein. Das Marktpotenzial ist riesig. Eine unserer Studien zeigt, dass in China erst etwa 10 Prozent der Bevölkerung ein Auto besitzen. Die chinesische Wirtschaft wächst schnell, aber sie ist immer noch wesentlich ärmer als die Volkswirtschaften in den entwickelten Ländern.

Was die Technologie betrifft, so wird immer mehr auch im Hightech-Bereich gearbeitet. Und China investiert viel in Forschung und Entwicklung. Ein wichtiger Faktor ist, dass die Autoproduktion nach China verlagert wird. Das ist eine reife Industrie. Die Frage wird sein, welche Art von Autos produziert wird. Grundsätzlich basiert die chinesische Wirtschaft noch auf der Nachahmung von Produkten, aber es gibt Nischen, wo innovativ gearbeitet wird. Um im technologischen Wettlauf mithalten zu können, braucht es gut ausgebildete Arbeitskräfte. China fördert ambitionierte Universitäten und Forschungseinrichtungen. Die Forschungsgelder werden kompetitiv verteilt und exzellente Studierende werden ins Ausland geschickt. Bildung hat einen hohen Stellenwert und wird als Weg zum sozialen Aufstieg gesehen.

Wie wird sich die chinesische Gesellschaft in den nächsten Jahren entwickeln? Welche Konsequenzen hat dies für den Rest der Welt?

Seit der Krise der späten 1980er-Jahre ist in China eine starke Mittelklasse entstanden, zu der heute etwa 50 Prozent der Bevölkerung gezählt werden. Das war auch dank der politischen Stabilität möglich. Die Frage ist, ob diese aufrechterhalten werden kann in einem System mit einem politischen Machtmonopol. Aufgrund unserer Erfahrungen sind wir im Westen überzeugt, dass langfristig die Demokratie das beste und stabilste politische System ist. Vielleicht liefert uns China eine Alternative zu diesem Modell.

Fabrizio Zilibotti (47) ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Zürich. 2009 hat er vom Europäischen Forschungsrat (ERC) einen Grant von 1,6 Millionen Euro zugesprochen erhalten, unter anderem, um die wirtschaftliche Entwicklung Chinas zu analysieren.

Thomas Gull und Roger Nickl sind Redaktoren des Magazins.

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