Mikrochirurgie

Ohrenschmalz, ein Pfropf und der medizinische Fortschritt

Erst waren es Stäbchen, dann Hammer und Meissel und heute kommen Hightech-Geräte zum Einsatz. Noch bis zum 30. Mai 2010 zeigt das Medizinhistorische Museum der Universität Zürich eine Sonderausstellung zur viertausendjährigen Geschichte der chirurgischen Behandlung von Ohrenleiden.

Roland Gysin

Nachgestelle Operation (70er Jahre): Ohren- und Schädelbasis-Chirurgie anschaulich inszeniert. (Bild: Roland Gysin)

Ohrenschmalz ist das beste Reinigungsmittel für die Gehörgänge. Und normalerweise braucht es auch keine Hilfsmittel, dass der Schmalz in Richtung Ohrmuschel nach aussen wandert – samt eingeschlossenen Schmutzteilen wie Hautschuppen, Haaren oder Staub. Der äussere Gehörgang reinigt sich automatisch. Eine spezielle Pflege ist nicht nötig.

Problematisch wird es erst, wenn der Ohrenschmalz einen Propf bildet und den Gehörgang verstopft. Etwa weil der Talg durch Krankheit oder altersbedingt trocken wird und nicht mehr gut abfliesst. Die Folge: Man hört schlechter. Solche Propfen sind denn auch die häufigste Ursache für Schwerhörigkeit.

Bereits die Mesopotamier wussten sich zu helfen

Doch wie lassen sich Propf und störende Fremdkörper entfernen? Die Sonderausstellung «Mikroskop und Ohr. Der Weg zur Mikrochirurgie» des Medizinhistorischen Museums der Universität Zürich zeigt, dass sich bereits die Mesopotamier vor viertausend Jahren zu helfen wussten. In einem Kosmetikkoffer fanden Archäologen die ersten bekannten «Ohrenschmalz-Entferner», eine Reihe speziell gebogener Stäbchen.

Die nächsten Hinweise datieren um 50 nach Christus. Der römische Gelehrte Aulus Cornelius Celsus beschreibt verschiedene Techniken, wie die Ohren zu reinigen sind, darunter auch die bis heute gängige Methode der Ausspühlung.

Ausstellung «Mikroskop und Ohr»: Gebogene Stäbchen als Ohrenschmalz-Entferner. (Bild: Roland Gysin)

Lange Jahrhunderte passiert nichts mehr. Bis um 1600 die Mediziner sich mit der Anatomie des Ohres zu befassen beginnen und die hauptsächlichen Teile entdecken: Das äussere Ohr, bestehend aus dem äusseren Gehörgang und dem Trommelfell, die Mittelohrhöhle mit den drei Gehörknöchelchen und das Innenohr mit Schnecke und Hörnerv.

Die Details jedoch bleiben im Dunkeln. Sie sind von blossem Auge nicht erkennbar. Es fehlen die optischen Instrumente und eine ständige und hell genuge Lichtquelle, um ins Innere des Ohres vordringen zu können.

Es kommen Hammer und Meissel zum Einsatz

Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konstruieren findige Köpfe spezielle, konkave Spiegel. Um genügend Helligkeit zu erzeugen, ersetzen sie das Sonnenlicht durch künstliches Licht mit Kerzen, Gas, Petroleum oder Elektrizität.

Die Einführung der Anästesie und keimfreier Arbeitsmethoden erlauben es Chirurgen, bisher unvorstellbare Operationen durchzuführen.

Bohrset (18. Jahrhundert): Noch führt der Weg ins Ohreninnere durch die Schädeldecke. (Bild: Roland Gysin)

1860 benutzt der französische Chirurg Amédée Forget erstmals Hammer und Meissel, um einen Abszess am Warzenfortsatz (Mastoid) des Schläfenbeins abfliesen zu lassen. Zunehmend kommen auch spezielle Schädelbohrer, (Trepane) zum Einsatz.

Die chirurgischen Fortschritte heilen zwar infektiöse Ohrenkrankheiten, doch weil die betroffenen Teile entfernt werden, bleibt das Gehör der Patienten eingeschränkt.

Erst das exakte Wissen um die Funktion des Hörapparates, die Entdeckung der Antibiotika und die technischen Fortschritte in der Mikrochirurgie bringen die erhoffte Wendung.

Ab 1921/22 arbeitet der schwedische Arzt Carl Olof Nylen neu mit einem binokularen Mikroskop der deutschen Firma Zeiss mit sechs bis zehnfacher Vergrösserung.

Binokulare Lupe nach Lempert Scholz, 1947: Präziseres Arbeiten wird möglich. (Bild: Roland Gysin)

Nach dem Krieg kommen Operationslupen, die brillenähnlich dem behandenden Arzt angepasst werden können, dazu; etwa die 1947 für den deutschen Ohrenspezialisten Julius Lempert entwickelte binokulare Lupe.

Erstmals können auch Tumore entfernt werden

1953 bringt Zeiss das Operationsmikroskop OPMI 1 auf den Markt, mit dem sich bei vierzigfacher Vergrösserung arbeiten lässt. Immer weiter dringen die Chirurgen über das Mittelohr hinaus in den inneren Gehörgang sowie die benachbarte mittlere und hintere Schädelgrube ein. Sie können nun durch die Ohren auch Tumore entfernen.

An der neurochirurgischen Abeilung des Universitätsspitals Zürich verfolgt Klinikdirektor Hugo Krayenbühl (1902–1985) diese Entwicklungen genau und schickt den damaligen Oberarzt Ugo Fisch zur Weiterbildung in die USA. Dort weilt 1966 auch Gazi Yasargil, Oberarzt der Neurochirugie am Universitätspital Zürich.

Ugo Fisch, ehemaliger Klinikdirektor, in der Ausbildung: Fehlt nur noch, dass sich das Modell bewegt. (Bild: Roland Gysin)

Als die beiden Mediziner aufeinandertreffen, ist der Grundstein gelegt für die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Zürich zu einem Zentrum für die Mikrochirurgie der Schädelbasis machen sollte. Nicht zuletzt auch durch die Nähe auf Feinmechanik und optische Geräte spezialisierter Unternehmen wie Contraves in Zürich-Oerlikon oder die Firma Leica in Heerbrugg (St. Gallen).

Anschauliche Inszenierungen

Die viertausendjährige Geschichte der Entfernung von Ohrenschmalz über die Ohren- bis hin zur Schädelbasis-Chirurgie ist im Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich anschaulich nacherzählt. Knapp und verständlich gehaltene Tafeln informieren chronologisch über die Meilensteine, ergänzt durch Fotos und Zeichnungen.

Ausgestellt sind auch Gegenstände wie Operationsmeissel, Stirnspiegel, binokulare Lupen oder als Blickfang der Arbeitsplatz von Ugo Fisch aus den 1970er/80er Jahren: Operationstisch und -stuhl, Mikroskopständer, Mikroskop inklusive Fotokamera und chirurgische Instrumente.

Fisch war von 1970 bis 1999 Direktor der Klinik für Otorhinolaryngologie, Hals- und Gesichtschirurgie des Universitätsspitals Zürich.

Fehlt nur noch, dass sich der Patient unter der spitalblauen Operationsdecke zu regen beginnt, die Lampen aufleuchten und die Bohrer zu surren anfangen.

Mikroskop und Ohr. Der Weg zur Mikrochirurgie Eine Sonderausstellung des Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich Rämistrasse 69, 8001 Zürich. Dienstag bis Freitag 13–18 Uhr Samstag und Sonntag 11–17 Uhr Bis 31. Mai 2010 Eintritt frei. Eine Ausstellung von Ugo Fisch, Albert Mudry und Christoph Mörgeli sowie dem Ausstellungsdienst der Universität Zürich.

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

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