Organspende

Nieren sind kein Handelsgut

Würde sich in einem regulierten Markt die Zahl der verfügbaren Organe für Transplantationen deutlich erhöhen? Eher nicht, sagt die Medizinethikerin Nikola Biller-Andorno, die dazu 178 Zürcher Medizinstudierende befragt hat. Zwar wären 27 Prozent (48) bereit, eine Niere unter kontrollierten Bedingungen zu verkaufen, doch knapp die Hälfte davon (23) würde auch ohne Entgelt ein Organ spenden.

Marita Fuchs

Im Schema die rechte und linke Niere: Bei einer Organspende wird eine Niere operativ entnommen. (Bild: Wikimedia)

«Wenn jemand nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren, muss er die Möglichkeit zu einem geregelten Verkauf von Organen haben», forderte der deutsche Volkswirtschaftsprofessor Peter Oberender 2006 in einer Sendung des «Deutschlandradios Kultur». Er war nicht der erste. Der britische Jurist Charles A. Erin und sein Landsmann, der Bioethiker John Harris, machten sich bereits in den 1990er Jahren für einen regulierten Markt mit menschlichen Organen stark.

Der Grund für ihr Plädoyer: Weltweit gibt es zu wenig Spendeorgane. Dass der Bedarf hoch ist, zeigen die Zahlen: 2007 etwa standen allein in der Schweiz 577 Patientinnen und Patienten auf der Warteliste für eine Niere, transplantiert wurden 275.

Transplantationstourismus verhindern

Da es keinen offiziellen Markt für Organe gibt, entstanden in Ländern wie Indien oder China Schwarzmärkte: Organe gegen Bargeld heisst die Devise. Doch geht es, wie etliche Studien gezeigt haben, den meisten Verkäufern nachher schlechter als vorher – nicht nur gesundheitlich sondern auch psychisch, sozial und ökonomisch.

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stammen weltweit etwa zehn Prozent der transplantierten Nieren aus solch gesundheitlich bedenklichen und moralisch fragwürdigen Geschäften.

Genau deshalb sei ein geregelter Markt notwendig, sagen Oberender, Erin und Harris. Eine übergeordnete regionale Instanz entscheide dann jeweils, wer zum Handel zugelassen sei und wer Organe bekomme. Die Organe müssten zu einem fairen Preis gekauft und gerecht verteilt werden. Ausserdem sollten Organverkäufer abgesichert werden, für den Fall, dass sie selbst einmal ein Ersatzorgan benötigen.

Ob jedoch die Abschaffung des heute geltenden Organhandelsverbots in der Tat ein effektiver Weg wäre, die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage an Organen zu verringern, ist unklar. Fraglich ist etwa, ob ein regulierter Markt die Zahl der zur Verfügung stehenden Organe erhöhen würde. Denn, so die Sorge vieler Experten, was würde mit der altruistischen, unentgeltichen Organspende geschehen, wenn man Organe kaufen könnte?

Nicht mehr Organe bei kontrollierten Marktbedingungen

Die Medizinethikerin Nikola Biller-Andorno wollte es genau wissen und hat dazu gemeinsam mit Annette Rid und weiteren Mitarbeitern und Kollegen von der Universität Zürich 178 Zürcher Medizinstudierenden im dritten Ausbildungsjahr befragt. Die Befragten waren im Durchschnitt 23 Jahre alt, in der Regel gesund und finanziell gut situiert. «Es handelt sich um eine Wunschklientel für ein Marktmodell, das Ausbeutung vermeiden möchte: jung, gesund, aufgeschlossen und gut informiert», erläutert Biller-Andorno die Auswahl der Befragten.

Von den befragten Medizinstudierenden erklärten sich 27 Prozent (=48 Studierende) dazu bereit, eine ihrer Nieren zu verkaufen, wenn der Verkauf im Rahmen eines regulierten Marktes durchgeführt werde. Knapp die Hälfte dieser Studierenden (23) wäre jedoch theoretisch auch bereit, einem Fremden ohne Entgelt eine Niere zu spenden.

Zwei Drittel der Verkaufswilligen (32) gaben an, nur dann zu einer Spende bereit zu sein, wenn sie sich in einer schwierigen finanziellen Situation befinden würden. Und nur ein Sechstel der Verkaufsbereiten (8) unterstützte prinzipiell die Idee eines regulierten Marktes für Organe. Biller-Andorno: «Wir können nicht davon ausgehen, dass unter den Bedingungen eines regulierten Marktes die Zahl verfügbarer Organe signifikant zunimmt.» Nur ein Studienteilnehmer würde eine Niere einem Fremden verkaufen, nicht aber spenden, und zwar auch, wenn er sich nicht in einer finanziellen Notsituation befinden würde, und unterstützte auch grundsätzlich die Idee eines regulierten Marktes.

Mit einem Verkauf einverstanden zeigen sich vor allem Männer mit hohem sozioökonomischen Status. Ihr häufigstes Argument für den Verkauf: Das Recht, über den eigenen Körper autonom zu verfügen.

Organspende-Karte kaum verbreitet

Heute kann nur die Unterschrift auf einem Stück Papier Leben retten: Mit einer Organspende-Karte können potentielle Spender klarstellen, was mit ihren Nieren oder der Leber nach dem Tod passieren soll. Jährlich hoffen Hunderte von Patienten auf den Wartelisten der Transplantationszentren vergebens.

Nur die Wenigsten haben eine Organspende-Karte – wohl nicht, weil sie grundsätzlich nicht spenden wollen, sondern weil sie sich nicht aktiv um einen Ausweis kümmern, vermutet Biller-Andorno. Genaue Zahlen wie viele Personen einen Organspende-Karte in der Schweiz haben, liegen laut Angaben von «swisstransplant» nicht vor.

 «Die Möglichkeit der Postmortalspende wie auch der altruistischen Lebendorganspende wird oft vorschnell abgeschrieben – würde sie ausgebaut, wären sicher mehr Organe verfügbar. Das hätte den Vorteil, dass ein Markt für Organe nicht benötigt würde», sagt Biller-Andorno.

Sobald Organe käuflich erhältlich sind, bestehe das Risiko, dass die altruistische Spende – nach dem Tode oder zu Lebzeiten – noch weiter als bisher in den Hintergrund treten würde.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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