Konfliktforschung

Die imaginäre Geographie der Klimakriege

Treiben die Auswirkungen der Klimaveränderung arme Staaten in kriegerische Auseinandersetzungen? Der Geograph Benedikt Korf widerspricht dieser populären These. Gewaltkonflikte seien stets politisch motiviert. Sie lesen hier die gekürzte Fassung seines Vortrags bei der Geographisch-ethnographischen Gesellschaft Zürich. 

Benedikt Korf

Flüchtlingscamp in Chad (Region Darfur, Sudan): Lokale Konflikte von politischen Akteuren manipuliert. (Bild: Mark Knobil)

Vor zukünftigen Klimakriegen wird allerorts gewarnt: Uno- Generalsekretär Ban Ki Moon behauptete zum Beispiel, dass der Darfur-Konflikt zumindest teilweise auf die ökologischen Krise im Sudan zurückzuführen sei und dass dies mit dem Klimawandel zusammenhänge. Ban Ki Moon steht mit dieser Aussage nicht allein: Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University und prominenter Uno-Berater, kommt zu einem ähnlichen Schluss.

Sind dies Einzelmeinungen? Ich befürchte nein. Neben Harald Welzer’s Buch «Klimakriege» hat auch der einflussreiche kanadische Publizist Gwynne Dyer ein Buch mit dem Titel «Climate Wars» veröffentlicht. Nun könnte man diese Schriften noch als überspitzte, populärwissenschaftliche Traktate abtun. Doch hat der Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in einem Bericht mit dem Titel «Klima als Sicherheitsrisiko» genau diese Thematik aufgegriffen – übrigens unter einflussreicher Beratung Schweizer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Gefährlich und falsch

Ich halte diese Schriften für gefährlich – und für falsch. Gefährlich sind sie, weil sie eine moralisierende Landkarte der Gewalt nachzeichnen: Konflikte finden stets in den armen Ländern des Südens statt, diese werden dadurch als Sicherheitsrisiko dargestellt – für uns in Europa.

Falsch sind diese Schriften, weil sie selektiv mit der wissenschaftlichen Forschung zu Umweltkonflikten umgehen. Daraus entsteht eine imaginäre Geographie, die Klimakriege in gefährlichen Zonen oder Orten des Globus «verortet». Diese Orte sind imaginär – in unserer Vorstellung – meist negativ, als Antipoden zu den (post)modernen Orten Europas besetzt. Diese Vorstellungen beruhen jedoch, so mein Argument, auf verkürzten, undifferenzierten Repräsentationen.

Im Bericht des WBGU steht folgender Satz: «Klimawandel verstärkt Mechanismen, die zu Unsicherheit und Gewalt führen.» Sie werden vielleicht sagen – stimmt doch, klingt plausibel. Klimawandel macht die Erde trockener, dadurch steigt der Druck auf die Ressourcen in den «Trockenräumen» der Erde. Und wo Ressourcen knapp sind, steigt die Gefahr gewalttätiger Konflikte.

Ressourcenreichtum und Gewalt

Die derzeitige Konfliktforschung hat jedoch gewichtige Zweifel aufkommen lassen, dass diese so genannte Knappheitshypothese zutreffend ist. Vielmehr zeigen jüngere Analysen, dass Gewaltkonflikte besonders dort sehr blutig sind und lange andauern, wo es Ressourcenreichtum gibt, wo insbesondere mineralische Ressourcen es Gewaltakteuren erlauben, ihren Kampf zu finanzieren.

Kampf, Krieg, Plündereien werden, so zeigen diese Studien, zu alltäglichen Praktiken von Warlords und deren Gefolge. Zwar finden diese Formen von Kriegen oft in Staaten statt, in denen landwirtschaftliche Ressourcen knapp sind und die Bevölkerung wächst. Aber ohne den Zugang zu Ressourcen, die Kriege finanzieren, könnte es gar nicht zu diesen lang anhaltenden Kriegen kommen.

Ich möchte deshalb Welzer drei Gegenthesen gegenüberstellen: Erstens, in Zeiten extremer Ressourcenknappheit herrscht eher deadly silence als Dauerkampf (mit hungrigem Bauch kämpft es sich nicht leicht). Zweitens, Gewaltkonflikte sind stets politisch, können aber zu ökonomisch motivierten Dauerkriegen mutieren. Drittens, Gewaltexzesse sind nicht nur affektgetrieben, sondern auch politisch manipuliert und geplant.

Welzer hat seine Aussagen primär auf zwei Fälle angewandt hat: Ruanda (1994) und Darfur (heute). Zwar haben verschiedene Autoren hier einen Bezug zwischen Gewaltexzessen und Umweltwandel hergestellt, doch stellen sich diese Bezüge bei näherem Hinsehen als widersprüchlich heraus.

Kein verzweifelter Kampf zwischen Nomaden und Bauern

Schauen wir uns hierzu den Krieg in Darfur genauer an. Wir brauchen nur auf das Material einzugehen, das Welzer selbst präsentiert, um die logische Inkonsistenz der Knappheitsthese aufzudecken. Welzer beschreibt anschaulich, wie einerseits die Konfliktursachen in einem Aufeinandertreffen sich widersprechender Landnutzungsansprüche zwischen «arabischen» Pastoralisten (Nomaden) und «afrikanischen» sesshaften Bauern zu sehen sind, die sich durch die fortschreitende Verwüstung verschlimmert haben.

Er schreibt: «Die sesshaften Bauern versuchten in der katastrophalen Dürre von 1984 ihre kargen Ernten zu sichern und sperrten die Zugänge zu ihren Feldern vor den Herden der «Araber», deren Weidegründe durch die Dürre verschwunden waren … [So fingen letztere an] sich ihren Weg durch die versperrten marahil [Weidewege] zu erkämpfen.»

Stünden solche Überlebensfragen im Vordergrund des Darfur-Krieges, wäre es schwer verständlich, warum dann die von der sudanesischen Regierung angeheuerten Milizen eine Politik der verbrannten Erde verfolgt haben und nicht nur Menschen, Hab und Gut, sondern auch die lokalen Ressourcen zerstörten. Denn in einer Überlebenslogik würden sich nomadisierende Gruppen damit ja auch um ihre eigene Existenzgrundlage bringen.

Es ist also wahrscheinlich, dass hinter den Kämpfen andere, politische Faktoren zu suchen sind, zum Beispiel der Kampf um politische Kontrolle über Territorium und Völker. Dies ist nicht der verzweifelte Überlebenskampf von Nomaden und Bauern!

Wissenschaftlich auf wackeligem Fundament

Wenn Konflikte ausser Kontrolle geraten, zu zerstörerischen Dauerkriegen mutieren, wie in einigen Regionen von Somalia oder in Darfur, hat dies primär politische Gründe. Lokale Konfliktgeschichten werden dann von politischen Akteuren manipuliert und – meistens durch grosszügige Waffenlieferungen – in eine neue Dynamik transformiert. Dies hat prima facie jedoch nichts mit Ressourcenknappheit, sondern mit politischen Manipulationen zu tun.

Was bedeutet das nun für die Vorhersagen zukünftiger Klimakriege? Ich denke, dass man aus zunehmender Ressourcenknappheit nicht per se eine höhere Inzidenz von Gewaltkonflikten ableiten kann. Dazu gibt die derzeitige Forschung zu Umweltkonflikten keine ausreichenden Erkenntnisse her – contra Welzer und WBGU.

Ob es zu vermehrten Gewaltkonflikten kommen wird, wird von geopolitischen Machtkonstellationen ebenso abhängen wie von sozio-ökonomischen Transformationsprozessen, zum Beispiel im Eigentumsrecht. Aber eine quasi-deterministische Ableitung einer höheren Konfliktwahrscheinlichkeit, wie sie Welzer und WBGU suggerieren, ist wissenschaftlich auf einem wackeligen Fundament gebaut.

Benedikt Korf, Assistenzprofessor für Politische Geographie UZH.

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