Tagung zu den Habsburgern

Vom Aargau zur Weltherrschaft

Was verbindet den Kanton Aargau mit Spanien, den Niederlanden und den Indios in Lateinamerika? Sie alle standen im Lauf der Geschichte unter habsburgischer Herrschaft. Eine wissenschaftliche Tagung rückt vom 9.-11. Oktober die Herrschaftsgebiete der Habsburger vergleichend in den Blick und fragt danach, wie sich deren Herrschaft vor Ort konkret bemerkbar machte.

Rainer Hugener

Die Habsburg um 1620. Von hier aus expandierten die Habsburger ihre Herrschaft über grosse Teile der alten und neuen Welt. Bild aus dem Wappenbuch von Ulrich Fischer (1583-1647). (Bild: Staatsarchiv Aargau, V/4-1985/0001, Bl.24r)

In der Schweizer Geschichtsschreibung gelten die Habsburger seit jeher als Verlierer: Sei es nach dem Tod von König Rudolf im Jahr 1291, nach der Schlacht von Morgarten 1315 oder nach der Eroberung des Aargaus 1415 – stets sei die habsburgische Herrschaft über die schweizerischen Gebiete im Niedergang begriffen gewesen. Ausser als Erbfeinde der Eidgenossenschaft kommen die Habsburger in der Schweizer Geschichte denn bislang auch kaum vor: Verlierer haben keine Geschichte.

Herrschaft durchsetzen

Die wissenschaftliche Tagung «Habsburger Herrschaft vor Ort – weltweit (1300–1600)» möchte eine gänzlich andere Perspektive einnehmen: An der Tagung, die vom 9. bis 11. Oktober auf Schloss Lenzburg stattfindet, diskutieren Historikerinnen und Historiker aus aller Welt darüber, wie die Habsburger ihre Herrschaft vor Ort durchsetzen konnten.

Dabei gilt der Blick nicht nur den Stammlanden der Habsburger in der Schweiz und in Österreich, sondern auch dem Einflussgebiet in Spanien, den Niederlanden und in Übersee. Entgegen dem in der Schweiz verbreiteten Bild der Habsburger als «ewige Verlierer» bildete die Dynastie nämlich eines der langlebigsten und umfassendsten Herrschaftsgebilde aus.

Es erstreckte sich nach der Entdeckung Amerikas von Ungarn im Osten bis zu den Kolonien in der neuen Welt. Ein Reich, in dem «die Sonne nie untergeht», wie Kaiser Karl V. selbst bemerkt haben soll. AEIOU – mit diesen fünf Buchstaben brachten die Habsburger ihren universalen Anspruch auf Weltherrschaft sinnfällig zum Ausdruck: «Alles Erdreich Ist Oesterreich Untertan».

Heiraten statt Kriege führen

Ihre Expansion ist vor allem einer geschickten Erbschafts- und Heiratspolitik zuzuschreiben: «Kriege führen mögen andere, du glückliches Österreich heirate», so lautete schon in der Zeit um 1500 eine bekannte österreichische Maxime.

Den Grundstein für das spätere Weltreich legte Graf Rudolf, der 1273 zum deutschen König gewählt wurde. Noch zu Beginn seines Königtums waren die Habsburger ein eher unbedeutendes Grafengeschlecht gewesen, das sich nach seiner Stammburg im Aargau benannte.

Nicht ganz zu unrecht bezeichnet der Aargauer Historiker Bruno Meier die Habsburger als «Königshaus aus der Schweiz». Erst mit dem Erwerb von Österreich 1278 verlagerte das Geschlecht seinen Schwerpunkt zunehmend nach Osten. Von hier aus dehnten sie ihre Macht über weite Teile Europas und der neuen Welt aus.

Mittel der Beherrschung

Vor diesem Hintergrund interessieren sich die Veranstalter der Tagung (Prof. Simon Teuscher von der Universität Zürich und Prof. Thomas Zotz von der Universität Freiburg im Breisgau) für die Frage, ob die Indios in Lateinamerika auf die gleiche Weise und mit den gleichen Mitteln beherrscht wurden wie die Bauern und Städter im Aargau, oder ob sich die Habsburger an örtliche Gegebenheiten anpassten.

Im Fokus stehen dabei weniger die höfischen Zentren als vielmehr die ländlichen und kleinstädtischen Gebiete, sei es im aargauischen Fricktal oder im mexikanischen Tlaxcala. War an der habsburgischen Herrschaft in den verschiedenen Weltgegenden überhaupt etwas spezifisch habsburgisch?

Um diese und ähnliche Fragen zu diskutieren, haben die Veranstalter namhafte Historikerinnen und Historiker aus aller Welt – eben aus dem gesamten ehemals habsburgischen Einflussbereich – auf die Lenzburg eingeladen.

International renommierte Forscher wie Wim Blockmans aus den Niederlanden, Heraclio Bonilla aus Kolumbien und Alois Niederstätter aus Österreich präsentieren an der Tagung neue Erkenntnisse zur Herrschaftsausübung der Habsburger in den verschiedenen Territorien.

Der «böse Vogt»

Es zeigt sich, dass es kein einheitliches habsburgisches Herrschaftssystem gab. Vielerorts griffen die Habsburger und ihre Vertreter auf bestehende Strukturen zurück und bezogen die einheimischen Oberschichten in die Regierungstätigkeit mit ein.

Der Übergang zur habsburgischen Herrschaft vollzog sich daher häufig naht- und reibungslos. Bisweilen kam es aber auch zu lokalem Widerstand gegen die neuen Herren: Kaum zufällig taucht die Gestalt des «bösen Vogts», wie sie aus der eidgenössischen Befreiungstradition bekannt ist, fast gleichzeitig auch am anderen Ende der Welt wieder auf: in Erzählungen über die Gräueltaten der habsburgischen Vizekönige in Mexiko.

Die Tagung bildet den Höhe- und Schlusspunkt des Habsburger Gedenkjahres, mit dem der Kanton Aargau die Erstnennung der Habsburg 1108 und die Gründung des Klosters Königsfelden 1308 feiert. Endgültig zu Ende ging die habsburgische Herrschaft in der Schweiz übrigens erst 1798, als Napoleon die Donaumonarchie zwang, das Fricktal an die Helvetische Republik abzutreten.

Rainer Hugener ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Zürich. Sein Spezialgebiet ist das mittelalterliche Toten- und Schlachtengedenken.

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