Biomedizinische Forschung

Den Spitzenplatz behaupten

Wie können Wissenschaft, Wirtschaft und Politik dafür sorgen, dass die Schweiz eine gute Adresse für Spitzenforscher bleibt? Auf einer Podiumsveranstaltung im Rahmen der «Nacht der Forschung» diskutierten Regierungsrat Thomas Heiniger, Mikrobiologin Susan Gasser aus Basel und UZH-Hirnforscher Martin Schwab diese Frage.

Marita Fuchs

Wer Spitzenforschung betreibt, braucht einen langen Atem: Etwa 24 Jahre dauert es von den ersten Schritten im Labor bis zu klinischen Studien am Patienten. Grundlagenforschung ist teuer und greifbare Ergebnisse lassen manchmal lange auf sich warten. Die Schweiz investiert in die Spitzenforschung. In mehreren biomedizinischen Forschungsdisziplinen liegt sie deshalb weit vorne – auch ein Verdienst der Hochschulpolitik vergangener Jahre.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. «Andere Länder holen rasch auf. Die Schweiz könnte schnell ihren Spitzenplatz verlieren», prognostizierte Professor Alexander Borbély, ehemaliger Prorektor Forschung der Universität Zürich. Als Präsident des «Vereins Forschung für Leben», des Podium-Veranstalters, forderte er Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gleichermassen auf, sich für die Spitzenposition der Forschung in der Schweiz einzusetzen.

«Auch ein Laie muss verstehen können, um was es geht», Regierungsrat Dr. Thomas Heiniger. (Bild: Marita Fuchs)

Transparenz der Exzellenz

Doch welche Massnahmen sind erforderlich? Und wie weit sollen sich Politik und Wirtschaft in die freie Forschung einmischen?

Der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger sagte, dass die Stimmbürger die Spitzenforschung unterstützen, wie mehrere Abstimmungen bewiesen hätten. Das sei jedoch kein Freibrief. Hochschulforschung könne nur dann weiterhin auf eine breite Unterstützung der Bevölkerung setzen, wenn Wissenschaft erklärt werde. Forschung müsse transparent sein. «Auch ein Laie muss verstehen können, um was es geht», betonte Heiniger.

Gleichzeitig müssten die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen: Die aktuelle Diskussion um die Humanforschung habe gezeigt, dass Vorschriften über die Forschung am Menschen nur soweit notwendig seien, wie der Schutz seiner Würde und Persönlichkeit es erfordere. Die Forschungsfreiheit sollte darunter nicht leiden, so Heiniger.

Prof. Dr. Susan Gasser plädierte für die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft. (Bild: Marita Fuchs)

«Nur unabhängige Forschung ist glaubwürdige Forschung»

Forschungsfreiheit könne es nur geben, wenn sie auch unabhängig finanziert werde, meinte Susan Gasser, Direktorin des Friedrich Miescher Instituts und Professorin an der Universität Basel. Die Schweiz stehe im Moment wissenschaftlich gesehen zwar gut da, jedoch werde auf Dauer zu wenig in die Hochschulen investiert. Bedenklich finde sie die Tendenz, staatliche Gelder für die Forschung zurückzufahren, während die Privatwirtschaft immer mehr investiere. In den USA sei es anders, dort stiegen sowohl staatliche Mittel als auch privatwirtschaftliche Investitionen.

Gasser legte eindrückliche Zahlen vor: 70 Prozent der Forschungsgelder, die in der Schweiz eingesetzt werden, kommen aus der Privatwirtschaft. Betrachtet man nur den Bereich der Life Science und Medizin, so stammen gar 90 Prozent der Gelder aus privater Quelle.

Die Folge davon seien Abhängigkeiten und der Verlust der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit, meinte Gasser. In der Diskussion um neue Impfungen an Kindern zum Beispiel sei es schwer, Experten zu vertrauen, die gleichzeitig auf den Lohnlisten der Hersteller stünden.

«Wir wissen noch so wenig, deshalb benötigen wir Spitzenforschung», ist Professor Martin Schwab überzeugt. (Bild: Marita Fuchs)

«Neuro-Tower» günstiger als Kampfjets

Grundlagenforschung sei teuer und müsse durch die öffentliche Hand gefördert werden, führte Hirnforscher Professor Martin Schwab aus. Jedoch müsse man die Kosten in Relation zu anderen staatlichen Investitionen setzen. Als Beispiel nannte er den geplanten Bau einer Neurologischen Klinik in Zürich, des «Neuro-Towers», wo sowohl Kliniker als auch Grundlagenforschende zusammen arbeiten. Der Vorteil der Zusammenarbeit liege auf der Hand, so Schwab: Forschende und Kliniker könnten sich ergänzen und damit neue Erkenntnisse gewinnen. Die Kosten für den Bau seien mit 400 bis 500 Millionen Franken veranschlagt, ein Fünftel von dem, was die Armee für die Anschaffung neuer Kampfjets fordere, so Schwab.

Schwab unterstrich die Notwendigkeit der Grundlagenforschung: «Wir wissen noch so wenig, deshalb benötigen wir Spitzenforschung; Forschung, die sich durch Originalität und Seriosität auszeichnet.»

Marita Fuchs ist Redaktorin von unipublic

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