Genau wie wir: Auch Affen sind altruistisch

Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass nur Menschen spontan altruistisch sein können. Nun zeigen Wissenschaftler der Universität Zürich, dass es diese Form von Altruismus auch bei Affen gibt. Allerdings nicht bei unseren engsten lebenden Verwandten, den Schimpansen, sondern bei den südamerikanischen Weissbüscheläffchen.

Thomas Gull

Wir Menschen unterscheiden uns von anderen Tierarten und besonders von unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Schimpansen, durch viele verschiedene und ausserordentlich starke Formen von Zusammenarbeit. Diese Kooperation ist deshalb möglich, weil wir eine spezifische psychologische Voraussetzung dafür mitbringen, nämlich Prosozialität.

Prosozialität ist ein spontanes Bedürfnis, altruistisch zu sein und uns um das Wohl unserer Mitmenschen zu kümmern. Bisher glaubte man, gestützt auf verschiedene neuere empirische Untersuchungen, diese Art von Altruismus trete nur bei uns Menschen auf. Unsere engsten lebenden Verwandten, die Schimpansen, zeigen kein solches Verhalten.

Altruistische Weissbüscheläffchen: Sie teilen freiwillig und ohne unmittelbare Gegenleistung ihr Futter mit Artgenossen. (Bild: zVg.)

Judith Burkart und Carel van Schaik (Anthropologisches Institut der Universität Zürich) konnten nun in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit den Wirtschaftswissenschaftlern Ernst Fehr und Charles Efferson (Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich) nachweisen, dass die südamerikanischen Weissbüscheläffchen eine ganz ähnliche Art von Prosozialität an den Tag legen wie wir Menschen.

Gemeinsame Sorge um den Nachwuchs

Wie die Zürcher Wissenschaftler durch Experimente beweisen konnten, teilen die Weissbüscheläffchen freiwillig, spontan und ohne unmittelbare Gegenleistung Futter mit anderen Artgenossen. Damit konnte erstmals gezeigt werden, dass diese Form von bedingungslosem Altruismus nichts exklusiv Menschliches ist.

Zurückgeführt wird dieser spontane Altruismus auf die Art und Weise, wie sich die Weissbüscheläffchen um ihren Nachwuchs kümmern. Wie bei uns Menschen sorgt bei den Weissbüscheläffchen (Callitrichiden) nicht nur die Mutter alleine für die Kinder, sondern viele andere Mitglieder der Gruppe helfen aktiv dabei mit, sie grosszuziehen. Die Wissenschaft bezeichnet dieses Verhalten als «cooperative breeding». Die Weissbüscheläffchen sind die einzige Affenart, die sich so verhält.

Aufgrund ihrer neusten Erkenntnisse kommen die Zürcher Wissenschaftler zum Schluss, dass wir Menschen diese Form von spontanem Altruismus nur deshalb entwickeln konnten, weil unsere Vorfahren von der ausschliesslich mütterlichen Fürsorge zu gemeinsamer Jungenaufzucht übergegangen sind. Denn darin unterscheiden wir uns von allen anderen Primaten. Anders als die Weissbüscheläffchen hatten unsere direkten Vorfahren jedoch kein kleines Tieraffenhirn mehr, sondern ein Gehirn, das mindestens so gross war wie bei den heutigen Menschenaffen.

Sozial macht schlau

Aufgrund dieser Konstellation formulieren die Zürcher Wissenschaftler eine Aufsehen erregende Hypothese: das einzigartige Zusammentreffen von Prosozialität und fortgeschrittener kognitiver Leistungsfähigkeit setzte bei unseren Vorfahren eine Entwicklung in Gang, die zum heutigen Menschen führte.

Dieser unterscheidet sich von den nächsten Verwandten durch die Grösse seines Gehirns und die damit verbundene weitaus grössere kognitive Leistungsfähigkeit als auch durch sein altruistisches Sozialverhalten. Dieses war gemäss den Zürcher Forschern letztendlich der Schlüssel zur Weiter- und Höherentwicklung. Sie selbst formulieren es so: «Der Übergang zur kooperativen Jugendaufzucht dürfte der springende Punkt gewesen sein, der die Menschwerdung in Gang gebracht hat.»

Die Forschungsergebnisse von Judith Burkart, Carel van Schaik, Ernst Fehr und Charles Efferson wurden am 3.12.07 bei PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) publiziert. 

Thomas Gull ist Redaktor des unimagazins

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