«Wir müssen den Markt politisch begleiten»

Als Referentin der diesjährigen «Christmas-Lecture» der Klinik für Viszeral- und Transplantationsmedizin sprach Bundesrätin Doris Leuthard über Ethik in Wirtschaft und Politik. Es wurde kein Weihnachtsmärchen, aber ein starkes Plädoyer für ein Handeln, das auf Werten basiert.

Theo von Däniken

Weihnachten ist die Zeit der Besinnung und der Reflektion. Die letzten Tage des alten Jahres bieten Gelegenheit, einmal aus dem Alltag zurückzutreten und die Dinge aus höherer Warte zu betrachten. Ganz in diesem Geiste gestaltete Bundesrätin Doris Leuthard ihre «Christmas-Lecture» am Universitätsspital. So ging sie trotz der in der Einführung charmant vorgebrachten Fragen von Klinikdirektor Professor Pierre-Alain Clavien nicht auf das kontroverse Thema der Konzentration der Hochspezialisierten Medizin ein. Dafür rief sie dem Publikum die Werte in Erinnerung, auf denen unsere Gesellschaft und unser Handeln beruht, sei es in Politik, Medizin oder Wirtschaft.

Blumen für die Bundesrätin: Klinikdirektor Professor Pierre-Alain Clavien dankt Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: Theo von Däniken)

Keine Weihnachtsmärchen

Märchenhafte Weihnachtsgeschichten könne sie als Politikerin nicht erzählen, griff Leuthard den Faden auf. «Als Bundesrätin muss ich mich an Fakten halten.» Wer aber bei Märchen genau hinhöre, der könne daraus viel über ethisches Verhalten lernen. Respekt, Vertrauen und Anteilnahme bezeichnete sie als die drei zentralen Werte, die ethisches Verhalten begründen. Respekt gegenüber dem anderen, ihn und seine Anliegen ernst zu nehmen. Vertrauen darauf, dass auch er ernsthaft und glaubwürdig für seine Anliegen einsteht. Anteilnahme am Schicksal des anderen, ihn nicht einfach links liegen zu lassen.

Gerade in der Wirtschaft sind dabei in jüngster Zeit ethische Fragen verstärkt ins Zentrum der Diskussion gerückt. Die Wirtschaftsministerin hielt dabei klar fest, dass der Markt allein keine Instrumente für ethisches und nachhaltiges Handeln bereitstelle. «Heute wird offensichtlich, dass wir den Markt politisch begleiten müssen», erklärte sie. Es gelte, ethische und moralische Leitplanken zu setzen, innerhalb derer der Markt spielen könne.

Diese ethischen Grundregeln müssten im Zeitalter der Globalisierung weltweit festgelegt werden, unterstrich sie. Als Rahmen dafür seien die internationalen Organisationen, insbesondere die UNO und die WTO, die richtigen Foren.

«Wir müssen uns von dem Denken verabschieden, das den Staat auf einen Rumpfstaat reduzieren will.» Doris Leuthard plädiert für politische Leitplanken für den Markt. (Bild: Theo von Däniken)

Absage an «Rumpfstaat»

Der Staat und die Politik müssten auch in der Wirtschaft eine Rolle spielen. «Wir müssen uns von dem Denken verabschieden, das den Staat auf einen Rumpfstaat reduzieren will», meinte sie. Gleichzeitig müsse auch wirtschaftliches Handeln auf einem moralischen Fundament beruhen. Hier seien die Führungskräfte in der Wirtschaft gefragt, Ethik, Moral und Nachhaltigkeit verstärk in ihrem Handeln zu berücksichtigen.

Wie in der Medizin müssten auch in der Wirtschaft ethische Fragen in der Ausbildung ein grösseres Gewicht erhalten, meinte sie auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum. Erste Ansätze, Ethik zu einem Teil des Wirtschaftstudiums zu machen, gebe es bereits. «Ich bin überzeugt, dass dies künftig vermehrt in die Ausbildung einfliessen wird». Die Rolle von Bildung und Wissenschaft sei es hier, Ethik zu vermitteln.

Vertrauen erarbeiten

Respekt, Vertrauen und Anteilnahme sieht Doris Leuthard auch als wichtige Werte, um der gegenwärtigen Tendenz zur Polarisierung in der Politik entgegen zu treten. Die Menschen erwarteten von der Politik Lösungen, welche die Bedürfnisse der Betroffenen ernst nehmen. «Wir müssen transparent machen, wie wir zu Entscheiden kommen, und die Gründe dafür aufzeigen», sagte sie. «Ehrlichkeit und Transparenz müssten eigentlich im Pflichtenheft von Politikerinnen und Politikern festgeschrieben sein». Die Bürgerinnen und Bürger hätten durchaus Vertrauen in die Behörden, doch müsse es auch gepflegt werden: «Wir müssen uns das Vertrauen immer wieder neu verdienen.»

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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