Wenn sich iranische Frauen scheiden lassen

Die Situation der Frauen im Iran ist besser, als man aus westlicher Sicht vermuten würde, wie die iranische Soziologin Jaleh Shadi Talab bei ihrem Vortrag am Dienstag an der Universität Zürich zeigte.

Thomas Gull

Was tut eine iranische Frau, die sich scheiden lassen will? Sie verlangt von ihrem Mann die Morgengabe («mahr» genannt). Diese steht ihr gemäss islamischem Recht jederzeit zu und dient ihrer finanziellen Absicherung. Im Scheidungsfall kann die Frau die Morgengabe als Druckmittel einsetzen: Entweder ihr Gatte bezahlt, oder er muss in die Scheidung einwilligen. Da die Männer oft nicht in der Lage sind, das Geld aufzubringen, können die Frauen auf diesem Weg die Scheidung erwirken.

Das Beispiel illustriert, wie sich Frauen im Iran Freiräume erkämpfen. Ihre Lage ist besser, als man vermuten würde, wie Prof. Jaleh Shadi Talab bei ihrem gestrigen Vortrag in der Aula der Universität Zürich zum Thema «The Changing Situation of Women in Iran viewed over the Last Three Decades» darlegte. Auf Einladung des Universitären Forschungsschwerpunktes «Asien und Europa» analysierte Shadi Talab die Lage der Frauen im Iran in den vergangenen dreissig Jahren, seit dem Ende der Herrschaft von Schah Reza Pahlewi.

Die iranische Soziologin Prof. Jaleh Shadi Talab (Mitte), mit den Professoren Andrea Büchler und Ulrich Rudolph vom Universitären Forschungsschwerpunkt «Asien und Europa». (Bild: Thomas Gull)

Jaleh Sahid Talab lehrt an der Universität Teheran Geschlechter- und Entwicklungssoziologie und war von 2000 bis 2005 Direktorin am Center for Women’s Studies der Universität Teheran. Seit mehr als 25 Jahren forscht sie über die wirtschaftliche, politische und soziale Situation von Frauen im Iran und hat verschiedene Projekte internationaler Organisationen geleitet. Prof. Shadi Talab kehrte 1991 nach Iran zurück, nachdem Sie in den USA akademische Karriere gemacht hatte.

60 Prozent der Studierenden sind Frauen

Die Fakten, die die iranische Soziologin präsentierte, erstaunten: die Situation der Frauen im Iran hat sich in den vergangenen Jahren markant verbessert, vor allem was den Zugang zu Bildung und die Integration in den Arbeitsmarkt betrifft. Heute sind 60 Prozent der Studierenden an den iranischen Universitäten Frauen, und die Frauen stellen 15 Prozent der Erwerbstätigen.

Das war nicht immer so. Die Islamische Revolution 1979 und die darauf folgenden Jahre unter dem schiitischen Geistlichen Ajatollah Khomeini, die vom Krieg gegen den Irak geprägt waren, brachten eine Schlechterstellung der Frauen. «Sie sollten vor allem wieder Mütter und Hausfrauen sein», erklärt Shadi Talab. Entsprechend ging der Anteil der Frauen an der erwerbstätigen Bevölkerung, der vor der Revolution bei 13 Prozent lag, auf 9 Prozent zurück, der Anteil der Frauen im Parlament von 7 auf 1,5 Prozent.

Bildung auch für die Mädchen

Gleichzeitig legten die islamischen Revolutionäre mit ihrer Bildungspolitik den Grundstein für eine bessere Bildung auch für die Frauen: Überall im Lande wurden Schulen gebaut, alle Kinder sollten zumindest die Primarschule besuchen; heute ist das zu 93 Prozent der Fall. Und – ein entscheidender Punkt – der Unterricht von Mädchen und Buben wurde getrennt.

Viele Eltern waren unter diesen Umständen bereit, auch die Töchter in die Schule zu schicken. Ein weiterer positiver «Nebeneffekt» der Mädchenschulen war die Schaffung neuer Lehrerinnenstellen. Den Frauen (die vor der Revolution vor allem in der Industrie und im Dienstleistungssektor beschäftigt gewesen waren) eröffneten sich dadurch im Bildungswesen neue Karrierechancen. Auch die medizinische Versorgung wurde nach Geschlechtern aufgeteilt, was den Beruf der Ärztin förderte. Von den erwerbstätigen Frauen heute haben 22 Prozent einen Hochschulabschluss, bei den Männern sind er nur 7 Prozent. «Es gibt heute viele junge Frauen, die vom Land in die Städte an die Universitäten kommen», erklärt Shadi Talab.

Kaum Zugang zu Politik und Wirtschaft

Obwohl immer mehr Frauen gut ausgebildet sind, haben sie bisher kaum Zugang zu den wichtigen Positionen in Politik und Wirtschaft (Frauenanteil rund 3 Prozent). «Da hat sich in den vergangenen 45 Jahren nichts verändert», kommentierte Shadi Talab. Das gleiche gilt für die Vertretung im Parlament. Die iranischen Frauen haben zwar seit 1964 das Stimm- und Wahlrecht, und die Zahl der Frauen, die sich um politische Ämter bewerben, ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Frauen werden aber nur selten gewählt. Shadi Talab wertete es jedoch als positives Zeichen, dass sich die Frauen politisch engagieren wollen. Früher oder später könne sich das auch in Parlamentssitzen niederschlagen.

Massiv verändert hat sich das Rollenverständnis der Männer und Frauen. Mittlerweile sind 50 Prozent der Bevölkerung damit einverstanden, dass Frauen ein Erwerbseinkommen haben und ausserhalb des Hauses arbeiten. Entscheidungen innerhalb der Familie werden nur noch bei einem Drittel der Familien vom Mann alleine gefällt, früher war das bei mehr als 70 Prozent der Fall.

Wichtige Rolle der Massenmedien

Ausgelöst und angetrieben wird der kulturelle Wandel im Iran einerseits durch die Reformen im Bildungswesen, andererseits durch die Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, das bis in die hintersten Winkel des Landes vordringt.

Das gewachsene Selbstbewusstsein der Frauen drückt sich auch in der steigenden Scheidungsrate aus. «Heute lassen sich Frauen scheiden, weil sie sich nicht herumkommandieren lassen wollen, weil sie nicht um Erlaubnis fragen wollen, wenn sie das Haus verlassen möchten, weil sie bei familiären Entscheidungen einbezogen werden wollen, weil sie nicht akzeptieren, wenn ihr Mann fremd geht, oder wenn er sich unanständig benimmt», erklärte Shadi Talab, «meine Generation musste noch alles akzeptieren. Heute sind die Frauen dazu nicht mehr bereit.»

Forschungsschwerpunkt Asien und Europa Der nächste vom Universitären Forschungsschwerpunkt Asien und Europa organisierte Vortrag findet am 16. Januar 2007 statt: «Muslim Women in India», Referentin Prof. Zoya Hasan, Gastprofessorin an der UZH, Aula im Hauptgebäude der Universität, 18.15 bis 20 Uhr. 

Thomas Gull ist Redaktor des unimagazins

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