Literatur trifft Psychologie

«Was liegt näher, als erzählend dem eigenen Begehren, Verlangen, den eigenen Ängsten und Bedrängnissen Gehör zu verschaffen?», fragt die Psychologieprofessorin Brigitte Boothe in einer ihrer Publikationen. Am 2. September wird sie mit drei anderen Vertretern aus Wissenschaft und Literatur in Frauenfeld dem engen Verhältnis von Psychologie und Literatur nachspüren.

Brigitte Blöchlinger

Die Veranstaltungsreihe «Literatur trifft …» findet alle zwei Jahre, alternierend mit den Lyriktagen, im Eisenwerk in Frauenfeld statt. Dieses Jahr trifft die Literatur auf die Psychologie, und zwar um den Gegensätzen und Koinzidenzen von Literatur und Wissenschaft nachzuspüren.

Brigitte Boothe (Bild: Hansruedi Kugler)

Boothe trifft Showghi

Die wissenschaftliche Seite vertreten Brigitte Boothe, die seit 1990 Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse an der Universität Zürich lehrt, und der Psychoanalytiker und Philosoph Daniel Strassberg, der auch Lehrbeauftragter an der Universität Zürich ist.

Prof. Boothe wird auf den Arzt und Schriftsteller aus Hamburg Farhad Showghi treffen und mit ihm über das Thema «Erzählen und Erzählen» reden. Der Titel dieses Treffens ist nicht etwa ein Verschreiber, sondern will die Nähe zwischen psychoanalytischem und literarischem Erzählen aufzeigen. Brigitte Boothes jüngste Buchpublikation (2004) «Der Patient als Erzähler in der Psychotherapie» beschäftigt sich genau mit diesen Gemeinsamkeiten zwischen Literatur und Psychologie; in anderen Texten in Tageszeitungen und Literaturzeitschriften hat Boothe sich auch umgekehrt ans Thema gewagt und als Psychologin die Literatur befragt, so zum Beispiel in «Erzählanalytische Untersuchung am Beispiel Frank Kafkas».

Ihr Gesprächspartner, der 44-jährige Farhad Showghi erhielt 2003 den 3Sat-Preis am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Showghi verbrachte seine Jugend in Deutschland und in Iran. Seit 1989 lebt er als Arzt und Schriftsteller in Hamburg. Auch in seinen Veröffentlichungen finden sich psychologische Elemente, so etwa in «Die Walnussmaske, durch die ich mich träumend ass» (1998).

Daniel Strassberg (Bild: zVg)

Bichsel trifft Strassberg

Der freiberufliche Psychoanalytiker Daniel Strassberg, der einen Lehrauftrag an der Universität Zürich inne hat, wird auf Peter Bichsel treffen. Ihr gemeinsames Thema lautet: «Kann ein Text wahnsinnig werden?».

Wie die Antwort auf diese Frage ausfallen wird, darauf darf man gespannt sein. Der bekannte Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel wird eher die literarische Sicht vertreten. Seit seinem berühmten Erstling im Jahre 1964 «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» hat Bichsel über zwanzig Bücher veröffentlicht, die meisten entstanden auf langen Zugfahrten. Sein letztes Buch heisst «Das süsse Gift der Buchstaben» (2004) und verrät eine gewisse Affinität zur unberechenbaren Wirkung von Worten, wie sie auch die Psychoanalyse kennt.

Davon wiederum wird Bichsels Gesprächspartner, der Psychoanalytiker Daniel Strassberg, einiges erzählen können. Strassberg ist nicht nur Dozent am Psychoanalytischen Seminar Zürich; er war früher auch Lehrbeauftragter am Philosophischen Seminar der Universität Zürich, mit Schwerpunkt Sigmund Freud und die Philosophie; zur Zeit arbeitet er als Supervisior in verschiedenen psychiatrischen und suchttherapeutischen Institutionen.
Das Verhältnis von Philosophie und Psychoanalyse ist neben der Freudexegese ein Schwerpunkt von Strassberg geblieben.

Brigitte Blöchlinger ist unipublic-Redaktorin

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000